Wer vier Tage auf diesem Inselchen verweilt, und nicht ausschließlich am Strand liegen will, muss sich die Sehenswürdigkeiten gut einteilen.
Der Goldene Buddha etwa ist zwar von unserer Unterkunft aus zu sehen, den Besuch haben wir uns aber für heute aufgehoben. Schon vor dem Frühstück statten wir ihm einen Besuch ab. Dazu müssen wir mal wieder kräftig hügelan fahren und dann viele Stufen hoch laufen.
Oben angekommen hat man eine prächtige Aussicht aufs Meer und den Pagodengekrönten Leuchtturm von Koh Sichang.
Aus der Nähe sieht man, dass der Buddha nicht aus Gold sondern Gelb angemalt ist. Er ist umgeben von zahlreichen großen und kleinen weiteren Figuren und Altaren.
Ein Mönch lebt hier oben und zeigt uns gleich mal die Spendenbox. Nachdem wir unseren Obolus abgedrückt haben, gibt es Räucherstäbchen, Kerzen, eine äußerst feuchte Segnung und ein heiliges weißes Bändchen. Außerdem zeigt er uns den sehr steilen Weg hinunter in eine Höhle. Achim traut sich.
Nach dem Frühstück fahren wir über eine schmale Straße, die sich oberhalb des Wassers an der Küste entlang windet, um die Nordspitze der Insel herum. Das Meer schimmert türkisblau. Wir lassen den Roller stehen und klettern einen Pfad hinunter. Unten sind zwei Freundinnen, die schnell ihr Schminkzeug wegstecken, als wir unverhofft auftauchen. Sie machen Selfies, nehmen aber trotzdem mein Angebot, sie zu fotografieren, dankend an. Natürlich revanchieren sie sich.
Heute fahren wir etwas früher an den Strand, weil wir auch früher nach Hause kommen wollen, um uns vor unserem Abendevent zu duschen und auszuruhen.
An unserem letzten Inselabend, morgen geht es zurück nach Bangkok, wollen wir uns zum Sonnenuntergang ein schönes Plätzchen suchen. Wer weiß, wann wir nochmal einen Sonnenuntergang am südchinesischen Meer erleben.
Wir sind von Süd nach Nord, von Nord nach West und von West nach Süd unterwegs gewesen. Rund 2000 Kilometer mit Bahn, Bus, Scooter und Tuktuk. Jetzt sind wir den dritten Tag auf der Insel und bewegen uns kaum noch vorwärts.
KohSichang ist sieben Kilometer lang und knapp drei Kilometer breit. Private Autos gibt es hier nicht. Alle sind, wie wir auch, mit dem Moped unterwegs. Weil es so hügelig ist, sind Fahrräder kaum zu sehen.
Das Tempo, unser Tempo, verlangsamt sich und die Seele kann baumeln. Wir haben Muße, die letzten Wochen der Reise Revue passieren zu lassen. So viel haben wir erlebt. Alles ist gut gegangen. Wir sind gesund geblieben. Wir haben ein für uns neues Land entdeckt und schätzen gelernt. Zwei Inseltage liegen noch vor uns.
Als erstes schauen wir zum Hafen runter. Hier sind wir vorgestern zwar angekommen, hatten aber gar keine Zeit, uns umzuschauen, weil unser Gastgeber schon auf uns wartete.
Boote kommen und gehen, Tuktuk-Fahrer warten auf Kundschaft, Mopeds werden zum Verleih angeboten und Marktfrauen haben ihre Stände aufgebaut. Manche Fischer trocknen ihre Ware in der Sonne.
Wir hatten gehofft, hier ein Café fürs Frühstück zu finden. Da sind wir aber völlig fehl am Platz.
Gestern war es schon das schwierigste Unterfangen des Tages, ein westliches Frühstück aufzutreiben. Zur Not können wir heute natürlich dahin fahren, wo wir gestern Morgen unsere Spiegeleier gegessen haben. Aber wir wollen lieber etwas Neues ausprobieren. Das eine, vor dem wir anhalten, bietet heute nur Getränke aber keine Speisen an, das andere hat zu. Schließlich landen wir bei Pan & David und Rühreiern mit Käse. Besonders lecker ist der Kaffee aus der French press. Beim Frühstück können wir uns am schlechtesten an die Sitten anderer Länder anpassen. Reis oder Suppe taugen uns genauso wenig wie Espresso mit einem winzigen süßen Hörnchen.
Die Chefin hier spricht recht gut Englisch und wir nützen die Gelegenheit, sie nach den ganzen Frachtern zu fragen, die vor der Insel ankern. Sie haben Zucker, Kohle und Reis an Bord, erzählt sie. Wenn wir es richtig verstanden haben, ist das hier so eine Art Wartehafen für diese Güter, die später nach Bangkok gebracht werden. Die Schiffe liegen wie ein Riegel im Meer vor der Insel.
Am Strand ist heute erheblich mehr los als gestern. Klar, es ist Samstag. Und wir haben morgens ja auch die vielen Tagesausflügler gesehen, die mit dem Boot gekommen sind. Aber wir finden noch ein Plätzchen, direkt neben einem Herrn aus der Türkei,ein Seemann aus Izmir. Da kann ich meine frisch renovierten Türkischkenntnisse an den Mann bringen und ihm ein Ohr abkauen. Als wir vom Schwimmen wiederkommen, ist er weg. Ich hoffe, das liegt nicht an mir.
Irgendwann ist dann auch wieder gut mit dem Strand. Kaffee trinken wäre jetzt nett. Meinen nicht nur wir.
Er gehört zum Haus und darf sogar ins Café. Viele Hunde leben hier aber auf der Straße. Sie sind meist friedlich und werden, so ist unser Eindruck, von den Einheimischen mit Essensresten gefüttert.
Kaum habe ich Instagram (aus politischenGründen – auch Zuckerberg sponsort Mr. T.) verlassen, kommen wir am Nachmittag per Zufall zu DEM Instaspot der Insel. Vor den Felsabbbrüchen und in der Höhle posen die Youngsters was das Zeug hält. Vorher stylen sich die Mädels, ziehen sich extra um bzw. aus. Bauchfrei und winziges Top sind angesagt.
Wenn Omi angeklettert kommt, reichen sie gern eine Hand und rufen ihr ein besorgtes „Be careful!“ zu. Ist nett, aber noch geht’s 😄.
Seitdem wir im Land sind, ist Wahlkampf. Überall hängen Plakate, Lautsprecherwagen fahren im ganzen Land durch die Straßen und machen Reklame für die Kandidatinnen und Kandidaten. Gewählt werden die Vorsitzenden und Mitglieder der Provinzverwaltung, die wohl ähnliche Aufgaben hat wie die Kreisverwaltungen bei uns. Heute ist Wahltag. Wir haben schon vormittags Wahllokale entlang der Straße gesehen. Als wir gegen sechs nach Hause fahren, erleben wir die Auszählung der Stimmzettel live: eine Urne steht auf dem Tisch, eine Person nimmt einen Stimmzettel heraus, reicht ihn einer anderen Person, die mit lauter Stimme vorträgt, wer auf dem Stimmzettel angekreuzt wurde. Eine dritte Person macht einen Strich auf einer großen Liste, die an einer Pinnwand hängt. Drumrum stehen interessierte Bürgerinnen und Bürger. Noch transparenter geht es nicht.
Es war König Chulalongkorn (1853 – 1910), auch Rama V. genannt, dem es auf Koh Sichang so gut gefiel, dass er sich hier einen Ferienpalast bauen ließ. Kränkelnde Mitglieder seines Hofstaats soll er wegen des bekömmlichen Klimas zur Genesung her geschickt haben.
Der König hatte übrigens einen riesigen Harem, weitaus größer als die Herrscher im osmanischen Reich, er hatte 153 Ehefrauen, 75 Kinder, schaffte die Sklaverei und die Niederwerfung vor dem König ab, tat viel für die Bildung und die Wirtschaft und galt als hervorragender Außenpolitiker. Den Menschen auf seiner Lieblingsinsel Koh Sichang schenkte er einen riesigen, frei zugänglichen Park voller Frangipanibäumen, Wasserbecken und Tempeln.
Ehe wir des Königs Palast besichtigen, fahren wir an den Strand. DEN Strand, den einzigen Sandstrand der Insel. Wir haben uns einen Scooter ausgeliehen, mit dem wir nun die Insel erkunden können.
Das Wasser ist warm, wieviel Grad? Achim kompatibel. Also sehr warm.
Es gibt Liegestühle plus Tischchen und Sonnenschirm kostenfrei. Tham Phang, so heißt der Strand, beach for everyone, ist das Motto. Dieses großartige Angebot lassen wir uns nicht entgehen.
Wir hören dem Rauschen des Meeres zu, beobachten die paar Strandgänger, die außer uns noch da sind, freunden uns mit der Insel an und denken: „Da hat er wohl recht gehabt der alte Rama.“
Noch ein Nachtrag zu gestern. Da haben wir, ohne dass wir es wussten, auf unserem Abendspaziergang das Wahrzeichen der Insel gesehen: ein weißes Eichhörnchen. Wie wir heute Morgen durch ein Plakat an einem Geschäft gesehen haben, gibt es diese nur hier! Deshalb gibt es Souvenirs und Plastiken wie diese von dem kleinen Tier. Unseres vom Vorabend war aber ein echtes und hüpfte sehr lebendig von Ast zu Ast.
Viel geschlafen habe ich letzte Nacht nicht, obwohl die Fahrt recht komfortabel war. Die Sitze waren bequem und man konnte sie weit zurückstellen, fast darauf liegen. Es gab Wasser, ein süßes, weiches Brötchen und eine Decke. Aber ein Bus ist nunmal kein Zug, der immer schön geradeaus fährt. Ein Bus schaukelt und schlingert, er vibriert, knirscht und knattert. Der Fahrer brettert durch die Berge, legt sich in die Kurven, bis wir in der zweiten Nachthälfte flacheres Terrain erreichen und er den Highway runterdonnern kann. Kopfkino von Busunfällen versuche ich auszuschalten. Ich angele mir Achims Decke und versuche, wieder einzuschlafen. Um halb fünf erreichen wir den Busbahnhof in Bangkok und es gibt erstmal einen Kaffee.
Mitten in der Halle sind ein Informationsschalter sowie verschiedene Ticketschalter untergebracht. Hier bekommen wir unsere Fahrkarte nach Siracha am Golf von Thailand. Der Bus geht um halb sieben. Die Fahrt dauert zweieinhalb Stunden (mindestens eine davon durch Bangkok), dann sind wir am Golf von Thailand. Aber noch nicht am Ziel.
Der Busfahrer übergibt uns nahtlos an einen Tuktuk-Fahrer, der uns an den Pier bringt. Unser Schiff auf die Insel Sichang liegt schon dort. Es fährt aber erst in einer Dreiviertelstunde, so dass wir Zeit genug haben, noch einen Kaffee zu trinken.
Um zehn geht es an Bord. Der Blick zurück zeigt die Skyline von Siracha.
45 schaukelige Minuten später erreichen wir die kleine Insel, auf der wir die nächsten vier Tage verbringen wollen.
Am Anleger erwartet uns der Besitzer von Sichang My Home, bei dem wir einen kleinen Bungalow gemietet haben.
Er liegt nicht am Strand sondern mitten im Ort in einem großen Garten mit vielen Bäumen. Umlaufend ist ein Freisitz, den wir sicherlich ausnutzen werden in den nächsten Tagen. Jetzt aber erstmal duschen, frische Klamotten anziehen und dann mal schauen, wo wir etwas zu essen finden und wie es am Strand aussieht.
Erstmal gibt es nur eine Cola, weil auf der ganzen Insel der Strom ausgefallen ist. Dafür aber mit toller Aussicht auf das petrolfarbene Wasser.
Was wir schon sagen können: Diese Insel ist sehr untouristisch. Einerseits suchen wir genau das, andererseits sind wir erstmal irritiert, weil es keinerlei Angebote gibt, keine stylischen Cafés oder Restaurants, keine Touristinfo mit Touren hierhin oder Ausflügen dorthin. Das meiste ist in Thai beschriftet. Aber wir werden uns hier schon noch einleben und alles erkunden.
Ein Mittagessen, einen Besuch in der Wäscherei, einen Nachmittagsschlaf später laufen wir zum höchsten Punkt der Insel. Vorbei an unserer Wäsche, die an der Straße zum Trocknen hängt.
Viele, viele Stufen erklimmen wir…
… werden mit prächtiger Aussicht belohnt…
… suchen auf 196 m Höhe einen Geocache – ohne ihn zu finden…
… und erleben einen gigantischen Sonnenuntergang.
Beim Abendessen denken wir darüber nach, warum uns diese Insel nicht spontan anspricht. Sie ist kein tropisches Idyll mit Palmen und langen Sandstränden. Hier wird nichts präsentiert, nichts aufgehübscht. Stattdessen bekommen wir einen Einblick ins Alltagsleben, sehen, wie sehr Privat- und Geschäftsleben ineinander fließen: im Erdgeschoss fast jeden Hauses wird etwas verkauft, hergestellt oder eine Dienstleistung angeboten. Derselbe Raum wird für die Zubereitung der Mahlzeiten, fürs Essen, für das Treffen mit Familie und Freunden, für die Hausaufgaben der Kinder, für deren Spiele genützt. An vielen Ecken wirkt die Szenerie etwas verlottert, nicht weil Abfall rumliegt sondern irgendwelcher Kram. Es gibt keine ansonsten in Thailand üblichen und auf uns Ausländer so idlisch wirkenden Nachtmärkte. Keine walking streets. Thai-Massage? Fehlanzeige. Hier wird einfach gelebt.
Aber die Leute sind freundlich zu uns. Vielfach ertönt ein „Suatika!“ oder „Hello!“ aus den Häusern, wenn wir vorbeigehen. Wer Land und Leute kennenlernen will, ist hier richtig.