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In den bunten Bergen

Wenn ich die Augen zu mache, klingt es als würde es stark regnen. Wenn ich sie öffne, sehe ich Hunderte von Kormoranen im Pulk über den See schwimmen und mit ihren Flügeln aufs Wasser patschen. So verwirbeln sie das Wasser und kommen besser an ihre Beute. Frühstückszeit.

Die Berge gegenüber präsentieren sich in zartem Rot-grün. Wir können uns nicht satt sehen. Klickklickklick macht Achims Kamera.

Ein großer Schwarm Störche kreist in einiger Entfernung über den Bergen. Hinter uns, wo gestern Abend die Wölfe waren, machen wir mit dem Fernglas drei Geier aus, die bräsig auf einem Felsvorsprung hocken.

Im See gesellen sich Reiher, Gänse, Haubentaucher und Blesshühner zu den Kormoranen. Nach zwei Stunden in frischer Morgenkälte (5 Grad) koche ich Kaffee und mache Frühstück, das wir im Freien zu uns nehmen. Wir wollen hier draußen nichts verpassen.

Erst gegen Mittag fahren wir ein Stück weiter, auf Schotterpiste im Halbrund auf die andere Seite des Sees, wo wir die Busse abstellen und einen kleinen Spaziergang machen. Immer mit Blick auf die bunten Berge.

Das Städtchen Beypazarı nur 30 Kilometer weiter östlich mit seinen 50 000 EinwohnerInnen bietet trotz einiger verheerender Brände in den vergangenen 150 Jahren das Bild einer osmanischen Stadt mit vielen Häusern im osmanischen Stil. Sie haben in der Regel drei Stockwerke. Davon ist das Erdgeschoss mit Steinen gemauert, die oft vorkragenden Obergeschosse bestehen aus Fachwerk.

Wir besuchen die örtliche Moschee und kaufen Brot, Obst und Gemüse in der Bazarstraße ein. Karotten gibt es für 60 Cent das Kilo – in Beypazarî und Umgebung werden mehr als die Hälfte aller Möhren in der Türkei angebaut. Ansonsten ist die Türkei längst nicht mehr so preisgünstig wie früher. Im Supermarkt zahlt man in etwa dasselbe wie bei uns, Cafés und Restaurants in Istanbul sind teils eher teurer. Wir werden sehen, wie es auf dem Land ist.

Als wir auf dem Heimweg durch eine kleine Gasse laufen, heißen uns mehrere ältere Bewohnerinnen und Bewohner mit einem freundlichen „Hoș geldiniz!“ willkommen.

Ab in die Berge

So schön es auch in Istanbul gestern war, heute zieht es uns in die Natur. 300 Kilometer südöstlich liegt das Vogelschutzgebiet Nallıhan inmitten von bunten Bergen. So schöne Bilder haben wir daheim auf Youtube in einem Video gesehen. Das wollen wir heute  selbst erleben.

Das erste Stück nehmen wir die Autobahn nach Adapazarı. Am 17. August 1999  traf die Türkei ein Erdbeben der Stärke 7,4 auf der Richterskala. Es zerstörte den größten Teil der dicht bevölkerten und hoch industrialisierten Nordwest-Türkei. Am stärksten wurden die Städte Izmit, Gölcük und Adapazari verwüstet. Gemeinsam mit meiner türkischstämmigen Vorstandskolkegin des Neufahrner Frauentreff brachte ich damals in Neufahrn gesammelte Hilfsgüter in die Krisenregion. Die Nächte verbrachten wir, begleitet von leichten Nachbeben, in Zelten einer UN-Hilfsorganisation.

Heute, 27 Jahre später, ist zumindest im Vorbeifahren nichts mehr von der Katastrophe zu sehen. Wir verlassen die Autobahn und fahren ein Stück nach Süden.

Immer tiefer hinein in die Berge.

Kurz vor dem Ziel wird die Landschaft dramatisch.

Und dann sind wir da und hin und weg. So ein paradiesischer Platz.

Das Vogelschutzgebiet Nallıhan ist ein 1959 angelegtes künstliches Feuchtgebiet, wo der Aladağ-Bach in den Sarıyar-Staudamm mündet. Es zählt zu den bedeutendsten des Landes. 191 Vogelarten wurden hier beobachtet, im Moment sind vor allem Kormorane hier, über uns in der Luft und auf den Bäumen. Manche brüten, teils sind schon Jungvögel da.

Wir erhalten die Erlaubnis, auf dem Parkplatz des Info-Zentrums, das derzeit umgestaltet wird, zu übernachten. Ein guter Platz, bei immer noch 18 Grad die Stühle rauszustellen und uns und meinen gezerrten Muskel etwas zu entspannen. Natur kann Körper und Seele heilen.

Auf einmal kommt der Wärter und lädt uns zum Abendessen und zum Tee ein. Wir sitzen noch eine Weile zusammen und lauschen den Schakalen. Nicht zu fassen. Aber wenn Yunnus das sagt, wird es stimmen. Ich habe nie zuvor einen Schakal gehört.

PS: Später am Abend hörten wir Wölfe. Direkt neben uns. Gut, dass wir im Bus saßen 😄.