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Auf dem Donauradweg

Vom Zeltplatz sind es 14 Kilometer bis zur Mündung des Lech. Auf dem Bild kommt der Lech von links. Wir machen ein Abschiedsbild und heißen unseren dritten Fluss, die Donau, willkommen. An ihr werden wir die kommenden zwei Tage entlang radeln.

Oft führt der Donauradweg über die Deichkrone, warm, aber mit toller Aussicht. Wenn wir dann vom Fluss weggeleitet werden und in den Wald eintauchen, ist das erfrischend wie ein kühles Bad.

Bald ist Neuburg an der Donau erreicht und ein paar Kilometer weiter eine Brotzeitbank mit Flussblick.

In der zweiten Hälfte der Tagesetappe ist von der Donau nicht mehr viel zu sehen. Wir fahren auf ca. 20 Kilometern durch eines der bedeutendsten Auwaldgebiete an der deutschen Donau. Hier sind Biber und Eisvogel, Gelbbauchunke und  Hirschkäfer sind zuhause. Die Ausweisung als Natura2000-Gebiet ist ein Ausdruck für die Bedeutung dieses Naturschatzes auch auf europäischer Ebene.

Um die Renaturierung der Donau zu unterstützen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wurde das Auenzentrum Neuburg/Donau gegründet. Es hat seinen Sitz im Jagdschloss Grünau, das mitten in den Donauauen liegt.

Erst in Ingolstadt kommen wir wieder direkt an den Fluss und zelten auf dem Campingplatz am Auwaldsee.

In der Nacht spielt der Himmel vierstimmig Trommel. Aus allen Himmelsrichtungen donnert es, mal piano, mal fortissimo. Wir stehen unter einer Vielzahl von hohen Bäumen und ich male mir abwechselnd aus, dass ein starker Ast abbricht und auf unser Zelt fällt oder aber der Blitz einschlägt. Wo ist das nächste feste Gebäude, in das wir uns bei einem Orkan retten können? Dann fängt es an zu regnen und ich schlafe ein.

Da wir heute nur rund 40 Kilometer bis Bad Gögging auf dem Zettel haben, nehmen wir unterwegs ein paar Geocaches mit.

Um halb drei erreichen wir unseren Zeltplatz bei Bad Gögging. Nichtsmehrtun ist nun angesagt.

Morgen fahren wir über den Abensradweg 80 Kilometer nach Süden Damit schließt sich unser Kreis und wir sind wieder zu Hause.

„Das müssen wir unbedingt wiederholen“, sind wir uns einig. Es gefällt uns sehr, mit so wenig Utensilien auf Reisen zu sein. Ununterbrochen draußen zu sein. Immer wieder Neues zu erleben und sich darauf einstellen zu müssen. Ja, und auch die Herausforderung anzunehmen, die das Schlafen im Zelt und das Sitzen auf dem Boden für uns mit sich bringen.

In zwei Wochen allerdings steigen wir erstmal wieder in unseren Campingbus ein und fahren nach Norddeutschland. Dann geht es auch hier im Blog weiter.

Vom Lech zur Donau

Als ich wach werde, höre ich eine ganze Weile den Regentropfen zu, die auf unser Zelt trommeln. Doch die Wetterapp beruhigt mich: gleich wird es aufhören und der Rest des Tages wieder sonnig bei höchstens 27 Grad. Während Achim noch neben mir schnorchelt, schlüpfe ich in meinen Badeanzug. Um acht gibt es Brötchen, da bleibt noch Zeit, eine große Runde im See zu schwimmen.

Wir folgen für weitere 40 Kilometer dem Lauf des Lech, meistens durch den angenehm kühlen Auwald. In Ellgau finden wir einen Fahrradladen, in dem Achim neue Clicks für seine Radschuhe bekommt. Er hat unterwegs zwei Schrauben verloren. Beim Edeka füllen wir unsere Vorräte auf: Kaffee, Margarine, Schinken. Wir müssen jeden Tag aufs neue einkaufen, weil nicht zu viel in unsere Gepäcktaschen passt. Fürs Abendessen suchen wir uns kleine Steaks und Tomatensalat aus. Wozu habe ich schließlich die kleine Pfanne eingepackt?

Unseren Campingplatz erreichen wir schon um zwei und als erstes trocknen wir unser Zelt. Kaffee kochen, Schwimmen gehen (ja, wir haben schon wieder einen Platz am See) und dann schwingen wir uns wieder auf die Räder und fahren nach Donauwörth.

Die Touristeninfo versorgt uns mit einem Faltblatt über einen kleinen historischen Spaziergang und so laufen wir vom Rathaus über die Reichsstraße („eine der schönsten Straßen Süddeutschlands“) zum Münster „Zu unserer lieben Frau“. Auf der Orgelempore studiert der Kirchenchor gerade eine Messe ein. Ob sie von Egk ist, dem berühmten Komponisten, der nicht nur in jedem zweiten Kreuzworträtsel vorkommt sondern auch aus Donauwörth stammt?

Nach eineinhalb Stunden Stadtbummel gibt es noch ein Eis, dann radeln wir zurück. Ehe wir unsere Steaks braten, gibt es noch ein kleines Backgammonmatch. Auf dem Bild davor sieht es so aus, als ob ich schon wüsste, wer gewinnt.

Auf dem Lechradweg

Der Lechradweg führt uns ins hübsche Landsberg. Kurz bummeln wir durch das mittelalterliche Städtchen, dann zieht es uns wieder an den Fluss. Wir können uns heute viel Zeit lassen. 60 Kilometer liegen vor uns, allermeist völlig eben und bei angenehmen Temperaturen.

Wir trödeln durch die Gegend, halten oft an, um Fotos zu machen, setzen uns auf eine Bank, um Fischer und Vögel zu beobachten.

Meistens führt der Radweg direkt am Wasser entlang, manchmal müssen wir das Ufer verlassen, weil ein Kraftwerk oder eine Halbinsel zu umfahren sind. Dann gleiten wir durch Wiesen und Felder. Gestern wäre das sehr strapaziös gewesen, weil es hier nur wenig Schatten gibt.

Später gibt es dann natürlich das inzwischen schon obligatorische Picknick am Fluss, bei dem wir von blauen Jungfern regelrecht umschwärmt werden. Dabei wird rege für den Nachwuchs gesorgt und mein lieber Mann verblüfft mich einmal mehr mit Spezialwissen.

„Die perfekte Haltung beim Paarungsakt ist die Herzform“, sagt er. Und es scheint tatsächlich so zu sein. Etliche Pärchen haben sich so arrangiert, dass sie herzförmig aneinander kleben.

Nach dem kleinen Exkurs in Biologie erreichen wir bald Augsburg. Die Stadt lassen wir heute mal links liegen. Wir waren schon oft hier. Unser Sohn hat hier studiert. Schön, wie das Leben mit dem Fluss hier zum Alltag gehört. Es wird gegrillt und gejoggt, geradelt und geschwommen, Ball gespielt und Yoga gemacht.

Unser Campingplatz liegt ein wenig außerhalb der Stadt. Die Zeltwiese liegt am Badeteich. Mehr brauch ich nicht.

Ammer-Amper-Radweg

Unsere Kinder haben sich das Wohnmobil ausgeliehen. Also wechseln wir das Verkehrsmittel und steigen für eine Woche um aufs Rad. Auf den Gepäckträger kommt das Zelt, in die Taschen die Schlafsäcke und die Campingküche. Es ist erst zwei Jahre her, dass wir das letzte Mal im Zelt geschlafen haben, also sind wir optimistisch, dass es uns auch diesmal wieder Spaß machen wird.

Vor drei Tagen sind wir bei angenehmen 20 Grad in Neufahrn gestartet, der Ammer-Amper-Radweg ist bei Haimhausen schnell erreicht. Er bringt uns zu unserem ersten Campingplatz in Utting am Ammersee.

Das Thermometer bleibt bei unter 25 Grad, so dass die 70 Kilometer angenehm zu radeln sind. Nach dem Anlegebier bauen wir das Zelt auf, die Handgriffe sitzen noch erstaunlich gut. Der Campingkocher wärmt uns den mitgebrachten Linseneintopf, dann genießen wir die Abendstimmung am Ammersee.

Am nächsten Morgen springe ich als erstes ins Wasser. Ui, der See ist deutlich kälter als unserer daheim.

Nach dem Frühstück packen wir gemütlich zusammen. Wir können uns Zeit lassen, denn heute werden es nur etwa 50 Kilometer. Gegen Mittag erreichen wir das nächste Highlight: die Stoa 169. „Mitten im bayerischen Pfaffenwinkel befindet sich nahe am Flussufer der Ammer auf einer landwirtschaftlich genutzten Wiese unweit des Dorfes Polling eine offene Säulenhalle: die STOA169. Künstlerinnen und Künstler aller Kontinente wurden ausgewählt, je eine Säule zu gestalten. Gleich einem Archiv der zeitgenössischen Kunst tragen die Säulen das gemeinsame Dach der STOA169“, heißt es zur Erklärung auf der dortigen Website.

Initiator dieses Kunstwerks ist der deutsche Maler Bernd Zimmer, der sich von den Säulenhallen hinduistischer Tempel inspirieren ließ. Er sagt zu seinem Projekt: „Eine Halle, getragen von über hundert individuell gestalteten Säulen, geschaffen von Künstlerinnen und Künstlern aller Kontinente, wird zum Zeichen von Grenzenlosigkeit, friedlicher Koexistenz und der Achtung der Freiheit des Anderen.“

Von der Stoa radeln wir noch ein halbes Stündchen, bis wir einen schönen Picknickplatz an der Ammer finden.

Unser Campingplatz am Abend begeistert uns in mehrfacher Hinsicht: Beim Einchecken bekommen wir aus einer Werbeaktion zwei Bier und eine Flasche Rübenkraut geschenkt, es gibt einen Badeteich, eine Tischtennisplatte, für die wir an der Rezeption Schläger und Bälle bekommen und einen Kicker, auch umsonst. Uns wird nicht langweilig an diesem Abend.

Am nächsten Morgen, unserem dritten Tag, brechen wir früh auf, 33 Grad werden erwartet. Weiter geht es auf dem Ammer-Amper-Radweg und nach etwa 25 Kilometern erreichen wir bei Schongau den Lech. Ihm wollen wir die nächsten beiden Tage nach Norden bis Donauwörth folgen.

Wir entdecken einen Hinweis auf einen Badestrand. Raus aus den Klamotten, rein ins kühle Nass, so kann man die Hitze ertragen. Noch ein kurzes Mittagsschläfchen im Schatten, dann sind wir fit für die zweite Hälfte unserer Tour.

Und wie froh bin ich über mein E-Bike. Denn es ist mittlerweile nicht nur furchtbar heiß sondern wird auch zunehmend hügelig. Rauf, runter, Achim muss ab und zu auch mal schieben und immer mal wieder liegt ein Baum im Weg, ein Überbleibsel vom Sturm vor ein paar Tagen.

Verschwitzt und müde erreichen wir gegen sechs den Campingplatz bei Landsberg. Heute gibt es leider keinen See, aber eine Dusche und Couscous mit Gemüse aus der Campingküche. Nach Sonnenuntergang wird es angenehm frisch und nach und nach zeigen sich die Sterne am Himmel.

Ich brauch‘ Tapetenwechsel…

Jetzt hat es auch uns erwischt: Corona. Sechs Tage haben wir brav das Haus gehütet. Nun zeigt der Test nur noch einen Balken an und Symptome haben wir auch seit drei Tagen nicht mehr. Unser Gesundheitsamt empfiehlt, sich dennoch weitere fünf Tage von anderen Menschen fernzuhalten. Das kriegen wir hin: Im Bus geht das ganz hervorragend und Tapetenwechsel ist nach der Quarantäne eh was Feines.

In Rekordzeit werfen wir ein paar Lebensmittel und Klamotten in den Bus und zwei Stunden später stehen wir bereits auf dem kleinen Stellplatz beim Limeseum nahe Dinkelsbühl. Achim kennt ihn von einer Reise, die er vor zwei Jahren unternommen hat, als ich in Nepal war. Jetzt wollen wir einfach ein wenig andere Luft schnuppern und da das Wetter Besserung verspricht, ein paar kleine Radtouren machen.

Wir verbummeln den Abend und den Vormittag gemütlich mit leckerem Essen und Spielen. In der Nacht regnet und windet es nochmal heftig, doch als wir uns gegen Mittag auf die Räder schwingen, bleibt es trocken und später wird dann sogar die Sonne rauskommen.

Entlang der Wörnitz fahren wir durch Felder, Dörfer und Hügel ins 17 km entfernte Dinkelsbühl.

Hinter dem Stadttor empfängt uns das mittelalterliche Städtchen mit zeitgenössischer Kunst im Garten des „Museum 3. Dimension“: rechts im Bild sieht man zum Beispiel eine Nachbildung der Escher-Treppe,  die zweidimensionale Darstellung einer dreidimensionalen Treppe mit geschlossenem Innenraum, die in sich selbst zurückläuft, so dass eine Illusion erzeugt wird, dass sie unendlich hinauf bzw. hinunter führt.

Die Doppelhelix ganz links im Bild lässt sich durch einen Telefonanruf in Schwingung versetzen! Funktioniert. Ich hab’s ausprobiert.

Der Ortskern von Dinkelsbühl ist in bestem Zustand. Gut, dass das Wetter heute nicht zum Besuch der Straßencafés einlädt, denn wir sollen uns ja nicht zu anderen gesellen. Aber Kuchen kaufen, um ihn später vorm Bus zu genießen, geht.

Am späten Nachmittag machen wir noch einen Spaziergang zum (montags geschlossenen) Museum, das von den Römern und ihrem berühmten Grenzwall erzählt. Damals gab es hier ein Fort, von dem aus der hiesige Limesabschnitt bewacht wurde. Ein Miniaturnachbau veranschaulicht das Ganze.

Um kurz nach sieben geht bereits die Sonne unter. Einem weiteren gemütlichen Abend im Bus steht nichts im Wege.

Mit den Rädern ans Meer

Wenn ich morgens aufstehe, steht schon um halb acht das Empfangskomitee vor der Tür. Struppi und Mietzi miauen und schnurren und lassen sich erst einmal eine Runde kraulen. Aber dann ist es auch wieder genug. Essen, bitte! Okay. „Soup“ für Struppi, Nassfutter, klein geschnitten, für Mietzi. Und die scheuen Ladies von oben wollen auch noch versorgt werden.

Es ist angerichtet: Struppi, oben links, Mietzi, unten rechts

Erst dann darf ich meine morgendliche Laufrunde durch die Felder starten. „Ich wohne auf dem Land bei den Bauern“, pflegt Freundin Simone die Lage ihrer Finca bei Campos zu beschreiben. Gestern am frühen Abend haben wir eine kleine Fotosafari durch die Nachbarschaft gemacht. Blühende Wiesen, ab und zu ein Windrad, hier ein Schaf, dort ein Esel. Immer wieder ein Gehöft. Wunderbare Einsamkeit. Lustig: Ein Auto voller Jugendlicher hält neben uns an und der Fahrer erkundigt sich auf Spanisch nach dem Weg zum Strand. Äh, ungefähr 13 Kilometer in die Richtung…

Nach dem Laufen frühstücken wir ausführlich, zerbrechen uns den Kopf über das Rätsel des Tages, das Freundin Helli uns schickt, spielen Wördl, lesen Zeitung, äh ja, das Katzenclo bei den Ladies oben muss auch noch gesäubert werden und schon ist es Mittag.

Die Sonne scheint, der Wind hat sich gelegt, wir steigen auf die Räder und fahren Richtung Meer.

Wieder begeistert uns die Landschaft. Wenn die Sonne scheint wie heute wirkt alles wie gemalt.

Zwischen uns und dem Meer liegen die berühmten Salinen von Es Trenc. Vorgestern haben wir hier das Flor de Sal in x Varianten gekauft, heute bahnen wir uns einen Weg durch die Salzfelder. Leider haben dies vor uns irgendwelche LKW auch gemacht und dabei den Fuß-, Rad-, Reitweg malträtiert.

Wir balancieren entlang der tiefen Furchen, ich rutsche aus und lande im Matsch, Achim fällt hin, passiert ist ihm zum Glück nichts.

Schließlich erreichen wir das Meer in Ses Covetes. Wir können es gar nicht fassen, wie intensiv die Farben heute sind.

Und dann gibt es auch noch ein Restaurant mit Meerblick, Kaffee und Windbeuteln. Fast zu schön um wahr zu sein.

Siebter und letzter Tag an der Ems (von Papenburg nach Emden)

An diesem Tag kommen wir – indirekt – gleich am Vormittag mit drei Tragödien in Kontakt.

In der Lokalzeitung stand ein Artikel über den Geschäftsführer einer hiesigen Entsorgungsfirma, der zusammen mit zwei Freunden zum Aufräumen nach Ahrweiler gefahren war. Dort ist die Masse an Sperrmüll noch ein großes Problem und so bot er an, den Müll im Emsland zu entsorgen, wo es freie Kapazitäten gibt. In Papenburg zum Beispiel, wo wir am Morgen mit den Rädern vorbei kommen. Wie furchtbar, dass die Menschen alles durch die Flut verloren haben. Hier landet nun ihr Hab und Gut.

Hier wird Müll aus Ahrweiler geschreddert

Eine Tragödie ist es auch für die Beschäftigten von Deutschlands größtem Schiffsbauunternehmen, der Meyer-Werft in Papenburg, dass die Geschäftsführung 650 Arbeitsplätze abbauen will. In der Belegschaft, die knapp 4000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zählt, herrscht deshalb große Unruhe. Wegen des Stillstands der Kreuzfahrtbranche durch die Corona-Pandemie steckt die Werft in der Krise.

Kreuzfahrtschiffgigant (r.) in der Meyer-Werft in Papenburg

Die Folgen des dritten Unglücks sehen wir weitere Kilometer später: die Eisenbahnbrücke in Weener wurde 2015 von einem Binnenschiffer zerstört. Der Unglücksfrachter rammte die längste Eisenbahn-Klappbrücke Deutschlands – und setzte damit die Bahnstrecke von Leer nach Groningen für Jahre außer Betrieb. Ein Desaster für die Pendler.

Ein Desaster für uns könnte das Wetter sein. Ist es aber nicht, denn wir sind wasserfest eingepackt.

Hier in Ostfriesland, wo wir inzwischen sind, wurde die Ems eingedeicht. Die Nordsee mit ihren Tiden macht sich bemerkbar. So radeln wir heute also hinterm Deich und nützen hin und wieder eine Lücke, um einen Blick auf den Fluss zu erhaschen. Ab und zu gibt es einen kurzen Schauer, aber während unserer Mittagspause in Leer und unserem Stadtbummel dort bleibt es trocken.

Deichpflege an der Ems
Rathaus in Leer
Buntes Coloniale-Haus

Am Nachmittag geht es dann mit richtigem Nordseewetter los. Mal Sonne, mal Regen, einmal sogar Hagel und ganz viel Wind.

Nach 60 Kilometern setzen wir kurz vor Emden mit der Fähre über, erreichen die Dollart genannte Meeresbucht, wo sich die Ems von uns verabschiedet, um in die Nordsee weiterzufließen.

Auf der Fähre kurz vor Emden

Hier in Emden ist für uns das Ende unserer einwöchigen Radtour erreicht. Das Gesamtpaket, also sehr nette ReisebegleiterInnen, viel Interessantes am Wegesrand, lecker Essen und Trinken, war super. Den Emsradweg per se würde ich nicht unbedingt empfehlen. Ich glaube, da gibt es schönere Strecken (Elbe, Werra, Altmühl, Saale, Unstrut, um nur einige zu nennen). Aber die letzten beiden Tage waren auch landschaftlich nah an der Ems sehr fein.

Sechster Tag an der Ems (von Haren nach Papenburg)

Ehemaliges Besucherzentrum in der Transrapidversuchsanlage Emsland

Vor etlichen Jahren sind einige Mitglieder der Grünen in meinem Heimatsee hinausgeschwommen und haben mit einem Flatterband die geplante Trasse des Transrapid mitten durch den Mühlsee aufgezeigt. Es gab noch weitere gute Argumente gegen den hirnrissigen Plan, den Münchner Hauptbahnhof mit dem Airport mittels Transrapid zu verbinden.

Transrapidtrasse

Heute nun stehe ich vor der Transrapidversuchsanlage Emsland, auf der die Magnetschwebebahn zehn Jahre im Einsatz war.

Der norddeutsche Ingenieur Hermann Kemper hatte in den 30er Jahren „eine Schwebebahn mit räderlosen Fahrzeugen“ entwickelt. Doch erst 1983 wird die Teststrecke im Emsland in Betrieb genommen, um die Technik auf Herz und Niere zu prüfen. Doch die beteiligten Industriekonzerne Thyssen-Krupp und Siemens  verkaufen den vermeintlichen Verkaufsschlager  nur einmal nach Schanghai, alle anderen Pläne scheitern.

Ein Unfall auf der Teststrecke im September 2006, bei dem 26 Menschen ums Leben kamen, trug zum endgültigen Aus bei. Heute rosten Transrapid und Trasse vor sich hin.

Wir radeln weiter an der Ems. Heute fast nur am Fluss. Ganz großartig! Gegen drei und nach 52 Kilometern erreichen wir bereits unsere Unterkunft sechs Kilometer südlich von Papenburg.

Nach einer kleinen Pause radeln wir ohne Gepäck in die Stadt und schauen uns um. Das Rathaus, ein Kanal, auf dem Schiffe liegen, ganz viel Blumenschmuck, eine Windmühle, all das verströmt ein sehr angenehmes Flair.

Wir schauen auch noch in die Kirche und sind überrascht, hier die laut Kirchenführer  mit über 90 Registern und knapp 7.000 Pfeifen größte und eindrucksvollste Orgel ganz Niedersachsens zu entdecken.

Die Nähe zur See drückt sich nun auch schon in der Speisekarte aus, die wir bald studieren: Scholle Finkenwerder Art und Labskaus. Es sind nur noch 60 Kilometer bis nach Emden, wo die Ems in den Dollart mündet und unsere Radtour morgen endet.

Fünfter Tag an der Ems (von Lingen nach Haren)

Heute habe ich gleich zu Beginn der Tour mein persönliches Highlight: endlich mal wieder schwimmen. Das Wasser im Geester See ist kalt. Ziemlich kalt. Macht aber nix. Schnell rein und durchziehen. Herrlich.

So kann der Tag beginnen

Einige Dörfer später hätte Achim sein Highlight haben können. Die Kuchen-, Torten-, Keksefirma Coppenrath und Wiese hat hier einen Firmensitz und Werksverkauf. Marzipan-, Schoko-, Nusstorte? Leider nichts davon. Samstagnachmittag geschlossen. Wie schade.

Vor verschlossenen Türen

Geschlossen hat leider auch das Moormuseum. Warum?! Nun gut, plaudern wir stattdessen ein wenig mit den bunten Bentheimer Schweinen nebenan. So hübsche Tierchen.

Bensheimer Schwein

Der Emsradweg macht uns heute viel Spaß: die Route führt sehr oft direkt am Wasser entlang. Mittlerweile ist er so groß, dass auch kleinere und größere Schiffe auf ihm fahren können.

Ausflugsschiff auf der Ems

Unseren nachmittäglichen Eiskaffee nehmen wir in der Kreisstadt Meppen ein. Hübsch anzusehen das Rathaus. Was es mit der Sonnenschirmdekoration in der Fußgängerzone auf sich hat, weiß ich leider nicht.

Das Rathaus von Meppen

Nördlich von Meppen kommen wir an der größten Landkarte der Welt vorbei. Sie wurde 1994 vom Schweizer Künstler Christoph Rhis auf einen 130 Meter hohen Kühlturm eines ehemaligen Gaskraftwerkes gemalt, kam ins Guinness-Buch der Rekorde und ist heute ein Wahrzeichen der Region.

Die größte Weltkarte bei Meppen

Das kleine Städtchen Haren, das wir am Abend erreichen, hat eine interessante neuere Geschichte: von 1945 bis 1948 war es Verwaltungszentrum der polnischen Besatzungszone, einem Sondergebiet innerhalb der Britischen Besatzungszone in Deutschland.   Haren hieß während dieser Zeit erst Lwów dann Maczków. Es musste von der deutschen Bevölkerung geräumt werden.

Yachthafen in Haren

Die neue, polnischstämmige Bevölkerung setzte sich zusammen aus etwa 30.000 Displaced Persons, vor allem ehemaligen Häftlingen der Emslandlager  – zu diesen gehörten auch Angehörige des Warschauer Aufstand  vom August 1944 und 18.000 polnische Soldaten.

Sie blieben bis 1948 hier. Dann wurde die Stadt Maczków wieder der deutschen Verwaltung unterstellt und erhielt am 10. September 1948 ihren ursprünglichen Namen zurück (Danke, Wikipedia!)

Warum eine so kleine Stadt wie Haren mit etwas mehr als 20 000 Einwohnern einen Dom hat, möchte ich gern noch wissen. Es ist kein Bischofssitz sondern die Pfarrkirche Sankt Martinus, die liebevoll Emsland-Dom genannt wird. Sie schaut ja auch fast wie einer aus. Gebaut wurde sie von 1908 bis 1911 von Ludwig Becker erbaut und gilt als Wahrzeichen der Stadt.

Der Emsland-Dom in Haren

Den schönen Sommerabend verbringen wir im Garten des Hotels, den wir uns mit vielen weiteren Radfahrern teilen.

Vierter Tag an der Ems: Von Emsdetten nach Lingen

Der Vormittag kommt heute mit einigen Überraschungen daher. Blühende Heide an der Ems? Wir lernen am frühen Vormittag, dass sie Teil der Dünen Elter Sand ist.

Während der jetzten Kaltzeit, die vor ca. 10.000 Jahren zu Ende ging, wirbelte der Wind Sand und Staub vom kaum durch Vegetation geschützten Boden auf und wehte sie über das Land. Was an einer Stelle abgetragen wurde, wurde an anderer Stelle wieder aufgehäuft. Dünen entstanden.

Blühende Heide

Die Wanderdünen im Elter Sand waren bis vor etwa 200 Jahren in Bewegung. Durch die Aufforstung mit Kiefern und die Anlage von Hecken wurden sie gefestigt. Damit verschwanden aber auch typische Landschaftsformen wie Flugsandflächen und Heiden weitgehend. Nur an wenigen Orten gibt es solche Heiderelikte.

Da kommt uns wenige Kilometer später das Gradierwerk in Bentlage gerade recht. Für den Fall, dass wir in den Dünen zu viel Sand eingeatmet haben, drehen wir eine Runde und atmen die salzhaltige erfrischende Luft ein.

Das Gradierwerk aus dem 18. Jahrhundert ist Teil der Saline Gottesgabe. Ob die Umwidmung einer nahegelegenen Telefonzelle zu einem Marien-Altar damit zusammenhängt, entzieht sich unserer Kenntnis.

Zu was alte Telefonzellen so gut sind

Den Rest des Tages rollen wir so dahin. Wir suchen vergeblich ein Café oder einen Gasthof für eine Pause, aber alles hat geschlossen. Dabei sind viele RadlerInnen unterwegs. Ob das Corona geschuldet ist? Erst nach 40 Kilometern werden wir endlich fündig.

Richtig an den Fluss kommen wir auch heute eher selten. Auch das Landschaftsbild ändert sich nicht groß. Die Passagen durch Wälder werden häufiger, das bringt Fahrspaß.

Nach 66 Kilometern erreichen wir unser heutiges Tagesziel Lingen, wo wir die Gastfreundschaft unserer mitradelnden Freunde genießen, auf dem Marktplatz vor engagierter böhmischer Blasmusik ins ruhige Innere flüchten, bei „Heidi“ das leckere heimische Lünner kosten und einen Absacker im Biergarten Wilhelmshöhe in Form von Münchner Hofbräu trinken. Oans, zwoa, drei…

Marktplatz in Lingen