Flamenco kann man nicht nur nachts erleben. Auch am hellichten Tag auf der Plaza Español, einem Kleinod mit Palast, Brunnen, Brücken und vielen Kacheln.
Ungläubig staunend bummeln wir über den Platz, als wir Musik hören, die sehr nach Flamenco klingt. Eine Frau im hautengen schwarzen Kleid dreht und windet sich zur Musik eines Gitarristen und eines Sängers, stampft, hebt die Arme, streicht über ihren Körper, wirft den Kopf in den Nacken, tanzt, verharrt, tanzt erneut. Wir sind begeistert. Und wieder rufen die Umstehenden laut Olé und pfeifen und klatschen.
Hat eigentlich schon mal jemand Kopenhagen mit Sevilla verglichen? Die dänische Hauptstadt wird ja oft als DIE Stadt für FahrradfahrerInnen gelobt. Auch von uns, denn wir sind in Kopenhagen geradelt und fanden die Infrastruktur großartig. Aber nun wissen wir: die in Sevilla ist genauso toll. Wir radeln von einer Sehenswürdigkeit zur anderen auf den grünen Fahrradstreifen, kilometerweit. Hervorragend. So machen Stadtbesichtigungen Spaß.
Das nächste Highlight ist einem Berliner Architekten zu verdanken: Jürgen Mayer H. gewann 2004 den internationalen Wettbewerb der Stadt Sevilla zur Neugestaltung der Plaza de la Encarnación aus.
Das neue Wahrzeichen von Sevilla hat eine Länge von 150 Metern, eine Breite von 70 Metern und eine Höhe von 26 Metern und gilt als größtes Holzbauwerk der Welt. Drumherum tobt das Leben: Cafés, Bars, Restaurants, alle voll besetzt, Menschen, die flanieren, Fotos machen.
Wo wir auch hinkommen, es sind jede Menge Menschen unterwegs. Ob an der Kathedrale oder am Königspalast, dem Alcazar, Schlangen, die zur Besichtigung anstehen, SpaziergängerInnen, JoggerInnen, viele sind auf Elektrorollern oder wie wir mit dem Rad unterwegs. Nicht zu vergessen die Wassersportler, die mit unterschiedlichen Booten auf dem Fluss herumkurven.
Ich hatte gestern Morgen noch die Befürchtung, dass es am Sonntag fad sein könnte in der Stadt. Ich glaube fast, dass es einem hier in Sevilla nie fad wird. Dennoch fahren wir am Nachmittag weiter und erreichen bereits nach einer Stunde einen Ort, der wie aus einer anderen Welt erscheint. Den haben wir am frühen Abend schon ein wenig unter die Lupe genommen und werden morgen alles genauestens erkunden. Ihr werdet ebenso überrascht sein wie wir.
„Dauerregen mit zehn bis 20 Liter pro Quadratmeter“, sagt wetteronline für das andalusische Hinterland voraus. Das ist einerseits großartig, denn genau in dieser Gegend herrscht gerade eine große Wasserknappheit. Teilweise gibt es in den Dörfern um uns herum kein Trinkwasser mehr aus den Leitungen und die Menschen erhalten ihr Wasser mit Hilfe von Lastwagen, die zweimal in der Woche Kanister vorbeibringen. Gut also, dass es regnet. Für uns persönlich ist das natürlich nicht so schön. Fahrradfahren, Wandern, durch schöne Orte Bummeln macht bei Regen nicht so viel Spaß.
Hinzu kommt, dass wir ab heute planlos sind. Bis hierher hatten wir uns zuhause eine Route, einen Plan gemacht, angereichert mit den Orten oder Landschaften, die wir uns näher anschauen wollten. Der Camino del Rey war unser letzter Fixpunkt, weil wir es offen lassen wollten, ob wir weiter Richtung Portugal fahren oder ob wir links abbiegen Richtung Marokko.
Spannend. Erstmal aufstehen, frühstücken und dann beratschlagen.
Alles klar. Wir haben ja doch noch was auf der Liste: das Naturschutzgebiet La Doñana hinter Sevilla. Deshalb fahren wir jetzt erstmal nach Sevilla. Wenn es dort heute Nachmittag immer noch regnet, gehen wir ins Museum. Für den Abend bin ich noch auf der Suche nach einem Flamencoevent.
Der Stellplatz ist gefunden und wir nehmen die Räder, um in die Stadt zu fahren.
Gute Radwege bringen uns über den Fluss Guadalquivir und in die City.
Das Erstaunlichste: der Duft nach Zitronenblüten! An den Avenuen, aber auch an den kleineren Straßen wachsen die Bäume, die jetzt in voller Blüte stehen und fast die ganze Stadt mit ihrem Aroma einhüllen.
Das Museum der schönen Künste ist, laut Reiseführer, das zweit bedeutendste für barocke Kunst in Spanien nach dem Prado.
Die Themen sind jedenfalls die gleichen: christliche Motive, Jesus, Maria, Apostel, Heilige… Nicht so mein bevorzugtes Genre.
Aber das Haus ist sehr schön, ein ehemaliges Kloster aus dem 16. Jahrhundert.
Wir radeln weiter, ich bremse an einem interessant aussehenden Tor. Als wir durchfahren, tut sich ein großer Gebäudekomplex auf: das Centro Andaluz de Arte Contemporáneo, also das andalusische Zentrum für zeitgenössische andalusische Kunst.
Eigentlich wollte ich nur den Innenhof anschauen, dann entdecke ich die Skulptur an der Hauswand. Schaut genau hin: im oberen Fenster links vom Torbogen schaut ein Kopf heraus, links daneben ein Arm. Ich entdecke einen Ticketschalter, heute kostet es keinen Eintritt, schaut mal dahinten in die Kirche.
Wir schauen und staunen. Riesige Tapisserien der polnischen Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas kleiden das Kirchenschiff aus. Sie waren vor zwei Jahren Polens Beitrag zur Biennale in Venedig. Zum ersten Mal stellt die polnische Künstlerin in Spanien die beeindruckende Serie von Wandteppichen aus, in denen sie das Leben der Frauen ihrer Gemeinde zusammen mit anderen Geschichten der Roma in Sevilla nachbildet.
Die farbenfrohen Kunstwerke animieren dazu, sie wie ein Bilderbuch zu lesen.
Wir verlassen die Kirche durch einen Hinterausgang und stoßen auf einen Innenhof, der von riesigen Kaminen umgeben ist. Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte der englische Geschätsmann Charles Pickman das alte Kloster und schuf dort eine große Töpferei, in der bald industriell produziert wurde.
Den krönenden, besser leuchtenden Abschluss unseres Besuches erleben wir mit der Installation „Rote Sphäre“ des Argentiniers Julio le Parc vor einem weiteren Hochaltar. Fast 2000 durchsichtige Kunststoffplättchen verarbeitete er zu einer leuchtenden, sich in sich bewegenden Kugel,
Ziemlich geflasht von so viel unerwarteter interessanter Kunst suchen und finden wir eine Kneipe, in der nicht nur wir ein Bier trinken, sondern abwechselnd drei gute Sängerinnen, die sich scheinbar spontan aus dem Publikum melden, spanische Lieder, leicht verjazzt, singen. Begleitet werden sie von einer kleinen Drei-Mann-Band.
Ein paar leckere Tapas später radelt Achim (mit Hilfe seines Navis) durch die Altstadt von Sevilla, als ob er hier zuhause wäre. Ich hinterher. Unser Ziel: die Carboneria. In dieser ehemaligenKohlenhalle soll es Flamenco geben. Es ist gesteckt voll, als wir gegen kurz nach zehn dort ankommen, überwiegend junge Leute. Achim holt uns zwei Sangria und schon geht es los: drei Männer und ein Junge sitzen auf einer Bank, einer beginnt, Gitarre zu spielen, einer singt. Die beiden anderen klatschen einen komplizierten Rhythmus. Beim dritten Lied steht der dritte Mann auf, schlank, schwarz gekleidet, lange, leicht ölige Haare, reckt die Arme nach oben, stampft mit den Füßen, dreht sich, die anderen Musiker animieren ihn mit Klatschen und Gesang. Abrupt bleibt der Tänzer stehen. Olé! Das Publikum ist begeistert. Wieder setzten die Musiker und der Tänzer an, sie singen und tanzen zwei weitere Lieder, dann ist Schluss. Das Publikum bejubelt sie frenetisch, die Künstler verbeugen sich und binnen fünf Minuten ist die gesamte Kneipe so gut wie leer.
Das hätten wir jetzt nicht erwartet, aber gut, dann radeln wir jetzt halt auch heim. Olé!