Planlos im Regen

„Dauerregen mit zehn bis 20 Liter pro Quadratmeter“, sagt wetteronline für das andalusische Hinterland voraus. Das ist einerseits großartig, denn genau in dieser Gegend herrscht gerade eine große Wasserknappheit. Teilweise gibt es in den Dörfern um uns herum kein Trinkwasser mehr aus den Leitungen und die Menschen erhalten  ihr Wasser  mit Hilfe von Lastwagen, die zweimal in der Woche Kanister vorbeibringen. Gut also, dass es regnet. Für uns persönlich ist das natürlich nicht so schön. Fahrradfahren, Wandern, durch schöne Orte Bummeln macht bei Regen nicht so viel Spaß.

Hinzu kommt, dass wir ab heute planlos sind. Bis hierher hatten wir uns zuhause eine Route, einen Plan gemacht, angereichert mit den Orten oder Landschaften, die wir uns näher anschauen wollten. Der Camino del Rey war unser letzter Fixpunkt, weil wir es offen lassen wollten, ob wir weiter Richtung Portugal fahren oder ob wir links abbiegen Richtung Marokko.

Spannend. Erstmal aufstehen, frühstücken und dann beratschlagen.

Alles klar. Wir haben ja doch noch was auf der Liste: das Naturschutzgebiet La Doñana hinter Sevilla. Deshalb fahren wir jetzt erstmal nach Sevilla. Wenn es dort heute Nachmittag immer noch regnet, gehen wir ins Museum. Für den Abend bin ich noch auf der Suche nach einem Flamencoevent.

Der Stellplatz ist gefunden und wir nehmen die Räder, um in die Stadt zu fahren.

Gute Radwege bringen uns über den Fluss Guadalquivir und in die City.

Das Erstaunlichste: der Duft nach Zitronenblüten! An den Avenuen, aber auch an den kleineren Straßen wachsen die Bäume, die jetzt in voller Blüte stehen und fast die ganze Stadt mit ihrem Aroma einhüllen.

Das Museum der schönen Künste ist, laut Reiseführer, das zweit bedeutendste für barocke Kunst in Spanien nach dem Prado.

Die Themen sind jedenfalls die gleichen: christliche Motive, Jesus, Maria, Apostel, Heilige… Nicht so mein bevorzugtes Genre.

Aber das Haus ist sehr schön, ein ehemaliges Kloster aus dem 16. Jahrhundert.

Wir radeln weiter, ich bremse an einem interessant aussehenden Tor. Als wir durchfahren, tut sich ein großer Gebäudekomplex auf: das Centro Andaluz de Arte Contemporáneo, also das andalusische Zentrum für zeitgenössische andalusische Kunst.

Eigentlich wollte ich nur den Innenhof anschauen, dann entdecke ich die Skulptur an der Hauswand. Schaut genau hin: im oberen Fenster links vom Torbogen schaut ein Kopf heraus, links daneben ein Arm. Ich entdecke einen Ticketschalter, heute kostet es keinen Eintritt, schaut mal dahinten in die Kirche.

Wir schauen und staunen. Riesige Tapisserien der polnischen Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas kleiden das Kirchenschiff aus. Sie waren vor zwei Jahren Polens Beitrag zur Biennale in Venedig. Zum ersten Mal stellt die polnische Künstlerin in Spanien die beeindruckende Serie von Wandteppichen aus, in denen sie das Leben der Frauen ihrer Gemeinde zusammen mit anderen Geschichten der Roma in Sevilla nachbildet.

Die farbenfrohen Kunstwerke animieren dazu, sie wie ein Bilderbuch zu lesen.

Wir verlassen die Kirche durch einen Hinterausgang und stoßen auf einen Innenhof, der von riesigen Kaminen umgeben ist. Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte der englische Geschätsmann Charles Pickman das alte Kloster und schuf dort eine große Töpferei, in der bald industriell produziert wurde.

Den krönenden, besser leuchtenden Abschluss unseres Besuches erleben wir mit der Installation „Rote Sphäre“ des Argentiniers Julio le Parc vor einem weiteren Hochaltar. Fast 2000 durchsichtige Kunststoffplättchen verarbeitete er zu einer leuchtenden, sich in sich bewegenden Kugel,

Ziemlich geflasht von so viel unerwarteter interessanter Kunst suchen und finden wir eine Kneipe, in der nicht nur wir ein Bier trinken, sondern abwechselnd drei gute Sängerinnen, die sich scheinbar spontan aus dem Publikum melden,  spanische Lieder, leicht verjazzt, singen. Begleitet werden sie von einer kleinen Drei-Mann-Band.

Ein paar leckere Tapas später radelt Achim (mit Hilfe seines Navis) durch die Altstadt von Sevilla, als ob er hier zuhause wäre. Ich hinterher. Unser Ziel: die Carboneria. In dieser ehemaligen Kohlenhalle soll es Flamenco geben. Es ist gesteckt voll, als wir gegen kurz nach zehn dort ankommen, überwiegend junge Leute. Achim holt uns zwei Sangria und schon geht es los: drei Männer und ein Junge sitzen auf einer Bank, einer beginnt, Gitarre zu spielen, einer singt. Die beiden anderen klatschen einen komplizierten Rhythmus. Beim dritten Lied steht der dritte Mann auf, schlank, schwarz gekleidet, lange, leicht ölige Haare, reckt die Arme nach oben, stampft mit den Füßen, dreht sich, die anderen Musiker animieren ihn mit Klatschen und Gesang. Abrupt bleibt der Tänzer stehen. Olé! Das Publikum ist begeistert. Wieder setzten die Musiker und der Tänzer an, sie singen und tanzen zwei weitere Lieder, dann ist Schluss. Das Publikum bejubelt sie frenetisch, die Künstler verbeugen sich und binnen fünf Minuten ist die gesamte Kneipe so gut wie leer.

Das hätten wir jetzt nicht erwartet, aber gut, dann radeln wir jetzt halt auch heim. Olé!

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