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Ich war noch nicht überall,aber es steht auf meiner Liste

Erste Wanderung in Sápmi

Nach München sind es von hier aus 2780 Kilometer. Ganz schön weit weg von Zuhause.

Rovaniemi steht für den Polarkreis, es ist das Tor nach Lappland und zugleich seine Hauptstadt. Die Stadt wurde im zweiten Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht nahezu vollständig zerstört und von1945 bis 1952 nach Plänen des Architekten Alvar Aalto wieder aufgebaut. Als Grundriss für den neuen Ort wählte er ein Rentiergeweih.

Für viele ein touristisches Highlight ist das Weihnachtsmanndorf, in dem Santa Claus täglich  große und kleine Kinder empfängt. Sogar das nicht weit entfernte Polarkreiszentrum, an dem wir heute Nacht campiert haben, ist ganzjährig vom Weihnachtsmannfieber angesteckt.

Nach dem Frühstück entfliehen wir dem Rummel, um zu unserer ersten größeren Wanderung in finnisch Lappland aufzubrechen. Besser gesagt in Sápmi, denn so lautet die korrekte Bezeichnung für dieses Gebiet.

Wir fahren in die Arctic Circle Hiking Area. Hier gibt es verschiedene Wanderwege. Wir haben uns einen acht Kilometer langen Rundweg ausgesucht.

Gleich am Anfang werden wir gewarnt, dass duck boards in schlechtem Zustand gewesen seien und man sie deshalb entfernt hätte. Schulternzucken, Duckboards? Keine Ahnung. Egal, wir wollen los.

Wir queren den Fluss, dann geht es auf Bohlenwegen durch den Wald. Unter uns ist Moor.

Nicht nur hier sondern vielfach zumindest im Norden Finnlands gibt es Laavus, Unterstände, in denen Wanderer, Ausflügler oder Touristen verweilen können. Ausgestattet sind sie meist mit einer Feuerstelle, einem Grill, gehacktem Holz und einem Trockenclo. Heute ist Samstag und später, wieder in der Nähe des Parkplatzes, begegnen wir einheimischen Familien mit Picknickutensilien auf dem Weg zu den Laavus.

Für uns ist jetzt erstmal Schluss. Der Bohlenweg hört abrupt auf. Was heißt gleich nochmal duckboard? Bohlenweg! Mist.

Was stand auf dem Warnhinweis? „Wer weitergeht, wird sehr nasse Füße bekommen“. Hm. Was tun? Umkehren? Nein, auf keinen Fall. „Mehr als nasse Schuhe können wir ja nicht kriegen. Und die trocknen wieder“, sind wir uns einig. Also Hose hochkrempeln und rein ins Nass. Wattwandern ist auch nicht viel anders.

Etwa 20 Minuten waten wir durchs nasse Moor und freuen uns, dass wir nicht umgekehrt sind. Man kann hier ganz gut gehen, sinkt nicht tiefer ein als zu den Knöcheln und kalt ist es auch nicht. Die Sonne lugt immer mal wieder raus und es hat um die 20 Grad.

Zur Belohnung gibt es vor unserem heutigen Aussichtsturm (30 Stufen, null Vögel) eine kleine Brotzeit, angereichert mit Assamtee und einem Schuss Gin.

Beschwingt laufen wir die letzten vier Kilometer bis zum Parkplatz. Jetzt gibt es wieder einen schönen Bohlenweg und unsere Schuhe können schon ein bisschen trocknen.

Um die Stadt anzuschauen, sind wir zu faul. Aber Einkaufen geht noch.

Dann machen wir uns auf die Suche nach einem Laavu für heute Nacht. Das erste, das wir uns ausgeguckt hatten, ist schon besetzt.

Aber das zweite ist frei. Wir stehen direkt am Fluss, weit und breit kein Mensch. Nur ein paar Knotts, diese winiwinzigen Mücken – damit es nicht zu paradiesisisch wird. Aber wir wehren uns mit einer Mückenspirale und einem kleinen Feuerchen. In das wir Würste halten. Von denen die Knotts nix abkriegen. Ha!

Richtung Polarkreis

Unseren täglichen Turm gib uns heute. Er hat nur 29 Stufen und gibt den Blick frei auf Enten und Blesshühner. Einen Geocache gibt es auch im zweiten Stock.

Unsere Nacht im kleinen Inselhafen war ruhig und über die Sonne heute Morgen freuen wir uns sehr. Es hat 18 Grad, sie fühlen sich wegen der leichten Brise kühler an als die Tage zuvor.

Heute verlassen wir die Ostsee und fahren durchs Landesinnere Richtung Polarkreis nach Rovaniemi. Das sind noch 314 Kilometer. Als Tagesetappe ist uns das zu viel, so dass wir wohl unterwegs irgendwo nochmal übernachten. Mal sehen, was alles so kommt.

Am Vormittag kommt nicht mehr viel: ein bisschen was einkaufen und mit der Fähre zurück aufs Festland schippern. Tanken (1,61 Euro).

Zu Mittag probieren wir eine finnische Spezialität: Leipäjuusto („Brotkäse“) ist ein Käse, der traditionell aus dem Kolostrum der Kuh hergestellt wird, also der Milch, die diese direkt nach dem Kalben gibt. Er wird gebacken, gegrillt oder flambiert. Die Finnen geben ihn manchmal in eine Tasse und übergießen ihn mit Kaffee. Hauptsächlich wird Leipäjuusto aber mit Moltebeeren oder Preiselbeeren kalt oder gebacken aus dem Ofen gegessen.

Wir erwärmen ihn leicht in der Pfanne, legen ihn auf eine Scheibe Brot und essen ein bisschen Mirabellenmarmelade von Freundin Angie dazu. Lecker. Den kaufen wir wieder.

Die Hauptstraße haben wir schon lange verlassen, jetzt rollen wir auf kleinen Nebenstraßen nach Norden. Es gibt kaum noch Dörfer, ab und zu lugt ein Mökki, ein Sommerhaus, zwischen Bäumen hervor, manchmal eine namenlose Ansiedelung. Die Autos, die uns entgegen kommen, kann ich an einer Hand abzählen.

Meist folgen wir dem Lauf eines Flusses, ab und an passieren wir einen See. Immer ist Wald aus Birken, Kiefern und Fichten rechts und links von uns.

Dann trottet ein Rentier mitten auf der Straße und lässt sich von den Autos nicht aus der Ruhe bringen.

Wir beschließen, doch bis Rovaniemi durchzufahren. Es fährt sich sehr entspannt hier und es sind nur noch hundert Kilometer. Polarkreis, wir kommen!

Um kurz vor sechs sind wir da. Natürlich machen wir erstmal ein ausführliches Fotoshooting.

Strandtag

Zuerst mal ein gemütlicher Frühstückskaffee mit Heidi und Michael (instagram.com/heimaufreisen). Sie sind reisefroh wie wir und da gibt es eine Menge zu erzählen. Besonders fasziniert mich, dass Heidi jeden Morgen mit ihrer Freundin eine Stunde in der Eider schwimmt – wenn sie denn mal zuhause ist.

Das Wetter ist wieder großartig. Gut so, schließlich wollen wir heute ans Meer. In die Dünen. An den Strand.

Nach dem Abschied nehmen wir deshalb Kurs auf die Halbinsel Vattajanhietikko (bitte mal laut aussprechen!) und den winzigen Ort Othakari. Wir stromern ein wenig herum, außer uns ist nur ein junger Vater mit seinen beiden Kindern da. Ein Aussichtsturm, 60 Stufen rauf, 60 Stufen runter, zeigt uns die Einsamkeit des Inselchens.

Der nächste Strand bei Kalajoki soll der achtschönste des Landes sein. Da wir einen Mittagspausenplatz suchen und heute ja unser Strandtag sein soll, fahren wir hin, laufen durch die Dünen an den Strand, tapsen ein bisschen im Wasser rum, kochen Kaffee und machen Brotzeit.

Gestern Abend hatte sich Achim eine ganze Weile mit einem Fischer unterhalten. Auf Deutsch. Er empfahl uns eine kleine Straße weiter Richtung Norden, die wir am Nachmittag dann auch nehmen.

Sie ist auf jeden Fall abwechslungsreicher als die Europastraße, führt uns durch Wälder und an Stoppelfeldern vorbei und zu einer alten Holzkirche und einem mächtigen Fluss.

Am späten Nachmittag nehmen wir nicht mehr wie noch am Morgen mit einer Halbinsel vorlieb. Jetzt geht es richtig auf die Insel. Mit der Fähre, die uns kostenfrei hinüberbringt. Wir müssen eine halbe Stunde warten, währenddessen zieht Nebel auf.

Hailuoto heißt das kleine Eiland kurz vor Oulu, der nördlichsten Großstadt der Europäischen Union. Weniger als Tausend Menschen leben auf dieser Insel, die gerade erst vom Tourismus entdeckt wird und Meer, Strand, Dünen und Vogelschutzgebiete bietet. Und Nebel.

Wir fahren an den Weststrand und platzieren uns an einem kleinen Hafen. Und rechts davon ist er auch schon: unser dritter Strand für heute. Sonnen geht leider nicht.

Inselhopping

Unser erster Stopp ist heute kurz hinter Vaasa. Die Replot-Brücke mit rund einem Kilometer Länge will bestaunt werden. Sie wurde erst 1997 gebaut und bringt uns zu einer kleinen Inselgruppe namens Kwarken-Archipel.

Achim hat das gestern Abend als Zwischenstopp ausgesucht und wir sind gespannt.

Die UNESCO-Welterbestätte ähnelt einem Mosaik aus Wasser und Land. Interessant: die Erde hebt sich hier jedes Jahr um einen Zentimeter. Nacheiszeitliche Erhebungen.

Die Sonne scheint, die 20 Grad sind uns gerade recht und wir freuen uns über die gut ausgeschilderte vier Kilometer Rundwanderung.

An deren Ende ein 20 Meter hoher Aussichtsturm die Erhebung der vergangenen 2000 Jahre symbolisiert und einen wunderbaren Rundumblick bietet.

Etwa 70 Kilometer weiter nach Norden hinter Petersstad lädt uns die „Straße der sieben Brücken“ zu einem weiteren Inselhopping in die Schärenwelt ein.

Natürlich zählen wir mit, halten hier und da, gucken, fotografieren.

Als Nachtplatz haben wir uns zur Abwechslung einen kleinen See ausgesucht. Und bei 23 Grad Lufttemperatur kann ich endlich auch mal schwimmen gehen. Mir zur Seite Heidi aus Norddeutschland, unsere Nachbarin vom gestrigen Hafen.

Lagerfeuer, Würstchen, ein finnischer Traum geht gerade in Erfüllung.

Überraschungen in Rauma

Die Menschen hier in Rauma reden einen einzigartigen Dialekt. Es heißt, sie sprechen ein stimmhaftes  B, D und G, was man im Finnischen wohl nicht tut, andere Buchstaben hingegen lassen sie gern mal weg, und ihr Wortschatz beinhaltet nicht nur viele Wörter schwedischen Ursprungs, sondern – bedingt durch die Seefahrt – auch aus diversen anderen Sprachen. Schade, dass wir all das nicht hören können. Denn wer kein Finnisch kann, kann auch die Feinheiten des Dialekts nicht erfassen. Überrascht bin ich als Sprachenliebhaberin trotzdem.

Am Ortseingang von Rauma steht am Straßenrand ein Schild, das die Ankommenden im Rauma-Dialekt mit Ol niingon gotonas  („Fühle dich wie zu Hause“) begrüßt und bei der Ausfahrt Luanikast reissu („Gute Reise“) wünscht.

Auch das Schild vorm Café lockt die Gäste zweisprachig an. Oben, groß, der Rauma-Dialekt, ganz unten, ganz klein, Finnisch. Der Übersetzer hilft (teilweise) weiter: „Wenn es schneite, würde Gyll auch Donutkaffee trinken“. Gyll? Donutkaffee? Hm.

Schauen wir uns lieber die Altstadt an. Weltkulturerbe. 600 Holzhäuser sind in überraschend gutem Zustand.

In den Jahren 1640 und 1682 verwüsteten zwei verheerende Brände Rauma. Seitdem ist die Stadt aber von Feuersbrünsten verschont geblieben, was für eine Holzhausstadt eine Seltenheit ist.

Die gut sanierten Holzhäuser dienen heute als Wohnhäuser, beherbergen Geschäfte, Cafés und Restaurants.

Achim trifft vor dem Stadtmuseum überraschenderweise eine sehr kontaktfreudige Einheimische.

Nun müssen wir uns den profanen Dingen zuwenden: Ver- und Entsorgung. Das ist für Camper, die nicht auf Campingplätzen schlafen, stets eine Herausforderung. Bereist man ein Land zum ersten Mal, muss man also herausfinden, wie und wo man sein Abwasser loswerden, frisches Trinkwasser tanken, seine Toilette leeren und den Abfall entsorgen kann. In Finnland gibt es, so haben wir gehört, nicht so viele Möglichkeiten wie in manch anderen Ländern. Seit einiger Zeit sollen aber die ABC-Tankstellen diese Angebote haben. Also nichts wie hin.

Vor Ort ist es ein bisschen kompliziert: man muss sich im Imbiss den Schlüssel besorgen, kostet fünf Euro, dafür erklären die Verkäuferinnen super freundlich, wo wir lang müssen.

Nach dem Leeren des Clos wird natürlich das Becken gespült – ich trete auf den Fußhebel, von dem ich annehme, dass er dafür zuständig ist – und werde geduscht von hochspritzenden Wasserstrahlen! Iiigittttt! Zum Glück war es sauberes Wasser. Überraschend in jedem Fall.

Weiter geht es in den Supermarkt. Dass Bier hier erheblich teurer ist als in Deutschland, überrascht uns nicht. Der Preis gilt pro Flasche, eh klar.

Eine kleine, ein wenig peinliche Überraschung wartet an der Kasse auf uns. Der Gestik der Kassiererin entnehme ich, dass wir die Schlangengurke hätten abwiegen müssen. Wer kommt denn auf so was? Ich werde aber nicht weggeschickt. Sie schlüpft schnell hinter der Kasse hervor, läuft zur nächsten Waage und ist im Nu zurück. Niemand meckert. Die Verkäuferin lächelt mich freundlich an und wünscht einen schönen Tag.

Den haben wir und lassen ihn direkt am Meer in der Nähe des kleinen Örtchen Närpes etwas südlich von Vaasa ausklingen.

Ehe wir unseren kleinen Hafen für diese Nacht erreichen, gibt es noch eine letzte feine Überraschung für diesen Tag.

Statt Meer mehr Seen sehen

Finnland wird auch das Land der tausend Seen genannt. Tatsächlich reicht diese Zahl noch lange nicht. Es wurden nämlich 187.888 Seen gezählt, wobei alle mitgezählt wurden, die mindestens 500 Quadratmeter groß sind.

Nachdem wir den Großraum Helsinki verlassen haben, beginne ich zu zählen: auf unseren ersten zehn Kilometern fahren wir an vier Seen vorbei. Dabei ist der Süden des Landes seenarm im Vergleich zu anderen Regionen.

Auf kleineren Straßen schlängeln wir uns durchs Landesinnere Richtung Nordwesten. Heute steht uns der Sinn nicht nach Meer und Küste sondern nach Wald und Seen. Davon werden wir zwar auf den kommenden hunderten von Kilometern noch genug sehen, aber wir wollen heute unbedingt schon mal eine erste Kostprobe.

Mit etwa 5,5 Millionen Einwohnern auf einer Fläche fast so groß wie Deutschland gehört Finnland zu den am dünnsten besiedelten Ländern Europas. Der Großteil der Bevölkerung lebt im Süden des Landes, den wir jetzt langsam, langsam verlassen. Ihre Häuser sind hier aus Holz, zartgelb, hellgrün oder dunkelrot angestrichen, liegen zurückgesetzt von der Straße auf großen Grundstücken.

So auch das Geburtshaus des finnischen Dichters Elias Lönnrot (1802 – 1884). Auf seinen Reisen zeichnete er die mündlich überlieferte finnische Volksdichtung auf, auf deren Grundlage er das Nationalepos Kalevala verfasste. Damit legte er den Grundstein für eine finnischsprachige Literatur. Es zählt zu den wichtigsten literarischen Werken in finnischer Sprache und trug maßgeblich zur Entwicklung des finnischen Nationalbewusstseins  bei.

Erster Einkaufsstopp. Wir brauchen Brot. Achim liest „Shop“, schon hält er an. Wir landen bei Muurla Design Marketing, einer ehemaligen Glasbläserei, die heute viel Schnickschnack, aber tatsächlich auch Brot verkauft. Hätten wir gewusst, dass ein paar Kilometer weiter zwei große Supermärkte kommen… hätten wir nicht dieses leckere, leicht nach Anis schmeckende Brot gefunden. Mit Eichsfelder Mettwurst ein Genuss. Zeit für die Mittagspause. Wo? An einem See natürlich.

Nach insgesamt 200 Kilometern erreichen wir den See Pyhäjärvi, 25 Kilometer lang, acht Kilometer breit, und einem wunderbaren Plätzchen für uns zum Übernachten.

Das Abendlied liefern heute Gänse und Enten. Die Luft ist voll von ihrem Geschnatter. Die ersten Zugvögel scheinen sich für ihre Reise in den Süden zu sammeln. Für uns geht es weiter nach Norden.

Willkommen in Helsinki! Tervetuloa!

Vorgestern Nacht um zwei in der Früh legte unsere Fähre in Travemünde ab, 32 Stunden später landen wir in Finnlands Hauptstadt. Es ist Sonntag, der 1. September, meteorologischer Herbstanfang.

Rund fünf Wochen liegen vor uns, in denen wir eine große Runde durchs Land machen wollen: an der Westküste hoch, über den Polarzirkel nach Lappland an den Inarisee, Polarlichter und Indian Summer erleben. Über Karelien an der russischen Grenze und die Seenplatte wieder nach Süden.

Aber heute erstmal Helsinki.

Wir finden einen prima Stellplatz direkt am Wasser in der Nähe des Zoos (unserem Reiseführer sei das erste Mal gedankt). Mit den Rädern geht es fix ins Zentrum.

Am Hauptbahnhof suchen wir die Touristeninfo, vergeblich, stoßen stattdessen auf interessante Architektur: Das aus finnischem Granit gebaute Bahnhofsgebäude ist ein Blickfang. Rechts und links vom Haupteingang wachen wuchtige Lampenträger über das Geschehen.

Eine bedeutende Rolle spielt in Helsinki ein Berliner Architekt, Carl Ludwig Engel, der Anfang des 19. Jahrhunderts den Auftrag zur Stadtgestaltung erhielt (Helsinki war 1812 von Zar Alexander I. zur finnischen Hauptstadt gekürt worden). Seine neoklassizistischen Bauten prägen seither das Gesicht der Innenstadt. Das Stadttheater ist hierfür ein Beispiel.

Auch der gigantische Dom mit seiner ausladenden Freitreppe.

Auf der Esplanade, einem breiten Grünstreifen, flanieren Einheimische wie Touristen und wir stoßen auf eine interessante Fotoausstellung des irischen Konzeptkünstlers Kevin Abosch, der im vergangenen Frühjahr Tausende von Menschen in der finnischen Hauptstadt fotografierte und diese Bilder mit Hilfe künstlicher Intelligenz verfremdete.

Obwohl heute Sonntag ist, locken auf dem angrenzenden Marktplatz jede Menge Verkaufs- und Fressbuden.

Wir stärken uns erstmal mit dem finnischen Nationalgetrãnk Kaffee und leckeren Zimtröllchen.

Dann geht’s schon wieder aufs Schiff. Diesmal aber nur ein kleines, das uns in einer Viertelstunde rüberbringt zur Festungsinsel Suomenlinna.

Hier stromern wir ein, zwei Stündchen herum, genießen das schöne Wetter und stellen wieder einmal fest, dass 19 Grad im Norden wärmer sind als 19 Grad im Süden. Diese Erfahrung machen wir jedes Mal in Skandinavien.

Helsinki ist eine quirlige Metropole mit viel Grün und viel Wasser. Gute Radwege bringen uns am Abend wieder zurück zu unserem Camper.

Während die ersten Wahlergebnisse aus Thüringen und Sachsen via Internet eintrudeln, brate ich Kartoffeln mit Speck und Eiern. Ein Seelenessen als Medizin gegen traurig machende Nachrichten.

Wir sind neugierig auf… Finnland

Die Fähre ist gebucht, die Vorfreude steigt. Am 1. September rollen wir mit unserem Bus in Helsinki von der Fähre. In knappen zwei Monaten wollen wir das Land erkunden, hoffen auf Polarlichter und folgen der Ruska, dem finnischen Indian Summer.

Dann gibt es auch wieder regelmäßig Beiträge hier im Blog. Ich freu mich drauf!

Auf dem schönsten Balkon Europas

Wer weiß, wo wir sind? Meine luxemburgische Freundin Simone sicherlich. Sonst noch wer? Ich wusste bis gestern jedenfalls nicht, dass der Chemin de la Corniche in Luxemburgs Hauptstadt Luxemburg als schönster Balkon Europas bezeichnet wird. Das sind ja ganz schöne Vorschusslorbeeren. Na, dann wollen wir doch mal schauen. Man spaziert entlang der Stadtmauer und die verschiedenen Ebenen der Stadt liegen sehr malerisch vor einem: ganz oben der Kirchberg mit den modernen europäischen Einrichtungen, in der Mitte die Haute Ville, die Oberstadt, und unten am Fluss die Basse Ville, die Unterstadt.

Links oben die Oberstadt, Mitte oben der Kirchberg, Mitte unten die Unterstadt mit dem Stadtviertel Grund

Ich bin zum ersten Mal in Luxemburg, habe aber verschiedene Erinnerungen an dieses kleine Land. Die älteste: Radio Luxemburg. Den Sender haben wir als Jugendliche immer gehört.

Träipen, eine Blutwurst, und Zigaretten namens Maryland haben Simones Eltern immer mitgebracht, wenn sie uns in München besucht haben.

Die Luxemburg Krimis von Tom Hillenbrand um den früheren Sternekoch Xavier Kieffer habe ich alle gelesen. So schade, dass es keine neuen gibt.

Und dann habe ich die Sprache, das Lëtzebuergesch, noch im Ohr. Von früher, wenn Simone mit Familie oder Freunden in Luxemburg telefoniert hat und das in unserer WG nicht zu überhören war.

Sehr sympathisch alles.

Zum Beispiel auch dieses hier: Seit dem 29. Februar 2020 ist der öffentliche Nahverkehr für alle kostenlos, sowohl für Einwohner als auch für Touristen. Der Gratistransport gilt für Züge, Straßenbahnen und Busse. Vom Campingplatz in Kockelscheuer fährt alle viertel Stunde ein Bus in die Innenstadt. So geht ÖPNV. Natürlich nehmen wir den Bus, um vom Campingplatz in die Stadt zu kommen.

Die ist voll mit Menschen. Wahrscheinlich viele Touristen, aber das kann man in Luxemburg nicht wirklich wissen, da hier Menschen aus über hundert Nationen leben.

Als ganz besonders hier empfinde ich die verschiedenen Ebenen, auf der die Stadt erbaut ist und den Fels, der sie teilt.

In ihn hineingebaut wurden die Kasematten, Felsgänge und Höhlen, die der Verteidigung gedient haben.

Der Chef vom Ganzen ist der Großherzog, aktuell Henri. Vor seinem Palast mitten in der Altstadt patroulliert traditionsgemäß die großherzogliche Garde.

Von der Oberstadt aus kann man mit einem verglasten Panoramalift (natürlich umsonst) entlang der UNESCO-geschützten Festungsmauer 71 Höhenmeter runter in die Unterstadt fahren.

Hier kann man gut entspannen bei einem Glas Wein, einem Spaziergang entlang des Flusses oder einem typisch luxemburgischen Abendessen, den Kniddelen mat Speck.

Danach trainieren wir ein paar Kalorien ab, indem wir den Kirchberg erklimmen.

Die Wahl Luxemburgs zu einem der Sitze der Europäischen Gemeinschaft hatte bedeutende Auswirkungen auf die Entwicklung der Stadt. 1961 beschließt die Regierung, auf dem Plateau des Kirchbergs ein neues Viertel entstehen zu lassen, das die europäischen Institutionen beherbergen wird. Das Generalsekretariat des Europäischen Parlaments, der Europäische Gerichtshof, die Europäische Investitionsbank, der Europäische Rechnungshof sowie verschiedene Dienststellen der Europäischen Kommission siedeln sich auf Kirchberg an. 

Kirchberg zeichnet sich durch seine zeitge- nössische Architektur und zahlreiche Kunst- werke im öffentlichen Raum aus.

Die Philharmonie, verschiedene Museen sowie ein Kultur und Konferenzzentrum tragen zur Dynamik dieses urbanen Zentrums bei.

Die Philharmonie

Warum haben wir diese tolle Stadt  nicht schon früher besucht, frage ich mich jetzt. Ich kann eine Städtereise dorthin nur empfehlen.

Unsere Reise endet mit diesem Highlight. Morgen kehren wir nach Deutschland zurück, besuchen noch kurz Familie und Freunde und fahren dann heim. Wir freuen uns jetzt sehr auf zuhause. Neun Wochen sind eine lange Zeit. Jetzt werden wir erstmal das Beisammensein mit unseren Lieben und unser stationäres Zuhause genießen. Das mobile Zuhause darf sich etwas ausruhen, die Pläne für die nächsten Reisen stehen aber schon.

An der Seine

Dass die Häuser hier so schön bunt sind, haben wir einem Unglück zu verdanken. Sie wurden im 16. Jahrhundert auf diese Weise neu aufgebaut, nachdem ein Feuer die mittelalterliche Bausubstanz zerstört hat.

Die Altstadt von Troyes im Zentrum Frankreichs gleicht einem Champagnerkorken, weiß der Reiseführer. Oben im dicken Kopf waren der Adel und die Kirche beheimatet, unten im Körper die Handwerker und Händler. Kanäle trennen die beiden Bereiche, die Seine umrahmt sie.

Wir erreichen die alte Hauptstadt der Champagne gegen vier am Nachmittag und machen uns mit den Rädern auf zur Stadtbesichtigung.

Als erstes stoßen wir auf die Kathedrale. Hier stellen wir unsere Fahrräder ab und erkunden beide Teile der Altstadt zu Fuß.

Überraschend viele Fachwerkhäuser gibt es hier. Dazu gesellt sich eine andere interessante Bauweise, damier champenois genannt, ein Schachbrettmuster aus Kalkstein und Backstein. Manches Mal sind die Fassaden und die Dachschindeln aus Kastanienholz.

Grundsteuer wurde früher an der Breite des Hauses bemessen, so dass die Bauherren bemüht waren, eher schmal zu bauen und stattdessen in die Länge zu gehen.

Glücklicherweise steht die gesamte Altstadt unter Denkmalschutz und entging der architektonischen Innovationswut der sechziger Jahre. Von beiden Weltkriegen verschont geblieben und durch zahlreiche Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten erneuert, erstrahlt Troyes historisches Zentrum in einem entzückenden altmodischen Glanz.

Ganz anders sieht es da aus, wo wir heute Nacht schlafen: auf einem Stellplatz, der zur Mac Arthur Glen-Shoppingmall gehört.

Troyes ist nämlich zugleich die Hauptstadt der Outlet-Center. Bereits in den 1960er-Jahren eröffneten die ersten am Stadtrand, um dort Restposten lokaler Unternehmen abzusetzen. Heute pilgern jährlich mehr als eine Millionen Menschen dorthin, um Designermode, Haushaltswaren und  Kosmetik günstig zu erstehen.

Als wir am Abend aus der Stadt zurückkehren, haben die Geschäfte schon zu. Mal sehen, ob wir morgen Früh widerstehen können.