Archiv der Kategorie: Glücklich auf 8 qm

Am Noordkaap

Letztes Jahr waren wir am Nordkapp in Norwegen, heute sind wir am Noordkaap in Holland.  Es ist der nördlichste Punkt des niederländischen Festlandes.

Das Kunstwerk „De Hemelpoort“ (die Himmelspforte) markiert den exakten Ort. Von hier aus bietet sich ein freier Blick über das Wasser und den unendlichen Himmel über dem Watt. Schemenhaft erkennen wir Borkum am Horizont.

Heute ist es grau und regnerisch und es kostet ein wenig Überwindung, den warmen, gemütlichen Bus zu verlassen. Aber sowohl zum Noordkaap als auch zur Wasserburg Menkemaborg kommt man nur zu Fuß. Auch für manche Schnappschüsse muss man das Auto verlassen.

Windkraft
Wasserburg Menkemaborg

Andere kann man bequem aus dem Auto machen 😏.

Ehe wir uns das allermooiste dorp van Nederland, das allerschönste Dorf der Niederlande, Winsum anschauen, lassen wir den Wasserkessel pfeifen, brühen einen Kaffee auf und probieren seit langem mal wieder einen Honigkuchen, den wir gestern bei unserem ersten holländischen Einkauf entdeckt haben.

Aber dann wagen wir uns raus. Viel Backstein, viel Wasser, zwei Kirchen auf einer Warft, zwei Windmühlen. Wenn es nicht so nieseln würde und die Sonne schiene, hätten wir allerdings mehr Spaß bei unserem Stadtbummel.

Schließlich finden wir noch einen Käseladen und kaufen Winsumer Brugkaas, Brückenkäse, hier gefertigt und die Kostprobe schmeckt uns beiden sehr gut.

Unser Platz für den Abend und die Nacht ist auf einer ehemaligen Werft in Lauwersoog, wieder einmal direkt am Wasser. Draußen mache ich heute nichts mehr, die Umgebung erkunden wir morgen. Dann soll wieder die Sonne scheinen.

Von der Blauen Stadt und hängenden Küchen

Es war vor allem der Name, der mich gereizt hat, als unser Nachbar neulich von der Blauen Stadt hier in Holland erzählte. Waren wir doch im Frühjahr erst in der Blauen Stadt in Marokko, in Chefchaouen.

Hier in Holland ist nicht wie in Marokko die Farbe der Häuser sondern das Blau des Wassers namensgebend für die Stadt.

Die hiesige Touristeninformation bezeichnet das Projekt als unkonventionelle Lösung gegen die Arbeitslosigkeit: „Was macht man, wenn der Reichtum aus dem Getreideanbau verflogen ist und die Arbeitslosigkeit in der Region zum zunehmenden Problem wird? Man gräbt ein großes Loch und füllt es mit Wasser. Rings um den See baut man Häuser für wohlhabende Leute. Auf diese unkonventionelle Art entstand das Dorf Blauwestad.“

Ein Wohndorf an einem neu angelegten See, das reichere Menschen in die Region locken, dem Bevölkerungsschwund entgegenwirken und die Gegend aufblühen lassen sollte.

Gesagt, getan: Es wurde ein 800 Hektar großes Loch ausgehoben; 2005 drehte Königin Beatrix den Hahn auf, worauf rund 14 Millionen Kubikmeter Wasser das neue Oldambtmeer fluteten, das heute den Anwohnern und Touristen als Freizeitgelände dient.

Wir radeln bei bestem Wetter durch die Gegend und denken uns, dass man wirklich schlechter wohnen kann als hier. Und was es nicht alles gibt.

Doch damit noch nicht genug. Um die Bewohner des neuen Wohngebietes vernünftig an den Hauptort Winschoten anzubinden, wurde eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke gebaut. Es ist die größte Europas geworden.

Sie ist 800 Meter lang, besteht aus vier Brückenteilen und überquert ein Naturschutzgebiet, eine Autobahn und einen Fluss. Eingeweiht wurde sie im Jahr 2021.

Nach so viel Informationen brauchen wir erstmal eine Pause angereichert mit holländischen Spezialitäten Frikandel speciaal mit Fritten. Lekker, wie man hier sagt.

Die hangende Keukens, die hängenden Küchen von Appingedam, stehen am Nachmittag auf unserem Besichtigungsprogramm. Auch hier war es vor allem der Name, der mich getriggert hat, denn letztes Jahr haben wir in Spanien die hängenden Häuser in Cuenca bestaunt.

Diese Häuser hier in Appingedam hatten ursprünglich zur Wasserseite hin Ladeluken und wurden früher als sogenannte „Packhäuser“ zum Be- und Entladen von Schiffen genutzt.

In Wikipedia finde ich: „Nachdem Appingedam seine Bedeutung als Seehafen verloren hatte und die ursprüngliche Nutzung der Packhäuser aufgegeben worden war, erfolgte ein Umbau der Gebäude zu Wohnhäusern. Aufgrund der vorgegebenen Größe und Zuschnitte der Gebäude war jedoch der nachträgliche Einbau von Küchen nicht möglich. Die Architekten lösten die Aufgabe, indem sie die Küchen als Anbauten außen an die Häuser anfügten. Die neuen Küchenräume schweben frei einige Meter über dem Wasser.“ Gern hätte ich mir so eine Küche von innen angeschaut. Noch lieber würde ich in so einer Küche mal kochen, vielleicht eine holländische Spezialität wie die Eierbalen, die ich heute Nachmittag in Appingedam gesehen habe. Da muss ich wohl bis zuhause warten.

Uns zieht es jetzt wieder ans Meer. Wellen und Schafe gucken.

Keine Seehunde, aber moderne Kunst

Wir sind zu spät! Wie geplant radeln wir nach dem Frühstück zur Zeehondenkijkwand, fahren hierhin, fahren dorthin und finden sie nicht. Das nahe gelegene Dollart – Besucherzentrum hat auch noch geschlossen, aber wir haben Glück: gerade kommt die zuständige Frau und schließt auf. „Die Seehunde?“, sie schüttelt bedauernd den Kopf. „Die sind nur im Sommer hier. Juni, Juli, August, September“, zählt sie auf. Sie fühlt sich im Englischen sichtlich nicht wohl, auf Deutsch und Holländisch können wir leider nicht miteinander reden, also spare ich mir die Frage nach dem Warum und befrage stattdessen das Netz. „Zu Winterzeiten verlassen die meisten ihre Region und ziehen in tiefere Gefilde der Nordsee, wo sie der Nahrung nach Fischen folgen“, erfahren wir da. Wie schade!

Wir gehen also nur ein bisschen spazieren und radeln dann zum Bus zurück. Unser Nachbar auf dem Stellplatz hat uns gestern einen Tipp gegeben: nur 20 Kilometer südlich von hier ist die Blaue Stadt. Die wollen wir uns anschauen. Morgen geht’s dann weiter nach Groningen ins Museum.

Wir sind vielleicht eine viertel Stunde gefahren: „Ist heute Sonntag?“, frage ich meinen Liebsten. „Oh je, dann ist morgen Montag und vielleicht hat das Museum zu?!“ Hat es, bestätigt das Internet. Da heißt es spontan sein. Groningen, wir kommen!

Das 100 Jahre alte Groninger Museum bekam 1994 ein neues Zuhause. Konzipiert wurde es vom italienischen Designer Alessandro Mendini und gilt als Ikone der Postmoderne des 20. Jahrhunderts. Ins Haus und in die Dauerausstellung kommt man kostenfrei.

Vor allem Künstler aus Groningen werden hier ausgestellt. Dass noch keine Künstlerinnen vertreten sind, ist ein Manko, dass den Verantwortlichen bewusst ist, wie sie schreiben und sie versprechen: „Wir arbeiten dran“.

Als erstes stoßen wir auf die Bilder des Fotojournalisten Erwin Olaf, dem mit seiner ersten Ausstellung im Groninger Museum 1987 der internationale Durchbruch gelang. Aktuell wird von ihm eine von den Skulpturen Auguste Rodins inspirierte Fotoserie gezeigt, die er eigens für das Groninger Museum gefertigt hat.

Der Expressionismus spielt eine große Rolle in der Arbeit der 1918 in Groningen gegründeten Künstlergruppe „De Ploeg“ (der Pflug). Der Name ist mit Bedacht gewählt: Das Kunstklima in Groningen empfanden sie als brachliegendes Feld, das es umzupflügen galt.

Dass sich daran einiges geändert hat, davon zeugt nicht nur dieses beachtliche Museum sondern ein weiteres geniales Gebäude, das wir nach einem kurzen Spaziergang durch die Stadt entdecken.

Das Forum Groningen beherbergt verschiedene Einrichtungen, die täglich öffentlich und zum Teil kostenlos zugänglich sind, darunter die städtische Bibliothek, die Touristeninformation, und die Dachterrasse, die einen Ausblick über die ganze Stadt bietet. Als kulturelles Zentrum hält es außerdem Kinosäle, Veranstaltungs- und Ausstellungsräume, Cafés und ein Restaurant vor.

An diesem Sonntagnachmittag sind viele Besucherinnen und Besucher da, viele von ihnen junge Leute, die hier an ihren Laptops zu arbeiten scheinen.

Von der Dachterrasse in 45 Metern Höhe hat man einen tollen Blick auf die Stadt.

Am Abend fahren wir raus aus der Stadt und bringen uns schon mal in die Pole Position für die morgigen Highlights.

Von Kunst und Watvögeln. Die Seehunde kriegen wir (hoffentlich) morgen

Der Wetterbericht hatte recht. Als ich um halb acht wach werde, regnet es nicht mehr. Ich schlüpfe in eine warme Hose und den Anorak und verlasse leise den Bus. Als wir gestern ankamen, haben wir wenig von unserer Umgebung wahrgenommen, weil es in Strömen geregnet hat.

Wir stehen hinterm Deich neben dem kleinen Hafen von Termunterzijl. So eine Idylle am frühen Morgen! Eine kleine Treppe führt auf den Deich hinauf und von hier kann man die gesamte Bucht, den so genannten Dollart, überblicken. Im Nieselgrau, weit hinten, zeichnet sich Emden ab.

Zwei Ziele haben wir für unsere heutige Radtour ausgeguckt: die Zeehondenkijkwand (Seehundebeobachtungswand) und de Kiekkaasten (Guckkasten), der ebenfalls am Rande des Watts liegt und von dem aus man die Wasservögel gut beobachten kann.

Abgelenkt von ein paar Geocaches auf der Fahrt am Deich entlang und einem kräftigen Schauer fahren wir an den Zeehonden vorbei und merken das leider erst drei Kilometer später. Bei dem Gegenwind haben wir keine Lust zurückzufahren. Egal, wir kommen auf dem Rückweg hier wieder lang.

Dafür tauchen nun am Wegesrand in kurzen Abständen zwei Kunstwerke auf. Zuerst der Hongerige Wolf. Der niederländische Bildhauer Arie Berkulin schuf es 1987. Es besteht aus zehn senkrecht stehenden Sandsaugrohren, die bei der Erhöhung des Deichs im selben Jahr benutzt wurden. Der Künstler will damit die stete Bewegung des Landes zum Meer hin veranschaulichen.

Auch das nächste Fundstück am Wegesrand ist schon von weitem sichtbar: das Kunstwerk von Martin Borchert Waaiboei (Windboje) ist nicht weniger als acht Meter hoch und steht an der holländisch-deutschen Grenze. Das Kunstwerk entstand 1996 und steht lose auf dem Deich, wo es sich mit dem Wind bewegt. Es ist einer Kirchturmspitze mit einer Nadel aus Blattgold nachempfunden und erinnert seit 1996 an die in der Bucht untergegangenen Dorfkirchen. Durch die Entstehung des Dollart und durch Einbrüche des Emsufers sind mindestens 20 Kirchspiele und 10 bis 15 weitere Dörfer sowie drei Klöster untergegangen

Wir stellen die Räder ab und machen uns zu Fuß auf den Weg zum Kiekkaaste. Er ist die einzige außendeichs gelegene Vogelbeobachtungshütte der Niederlande. Von hier lassen sich die Wattflächen des Dollart betrachten.

In der Ferne machen wir ein paar Rotschenkel aus, die drei jungen Ornithologinnen mit ihrem Spektiv neben uns entdecken noch eine ganze Horde Alpenstrandläufer und natürlich sehen wir alle Arten von Möwen, Gänsen und Enten.

Auf dem Rückweg nehmen wir den Asphaltweg direkt am Wasser, was zugleich bedeutet, dass wir etwa alle 200 Meter absteigen müssen, um ein Gitter aufzumachen. Damit sollen die Schafe, die hier den Deich pflegen, in bestimmten Abschnitten gehalten werden.

Als wir bei der Seehundbank ankommen, sehen wir die Bescherung: es ist Flut. Keine Möglichkeit für Seehunde also, sich auf dem Strand zu tummeln. Mist, das hatten wir vor zwei Stunden nicht bedacht. Vielleicht hätten wir da noch Glück gehabt. Wir werfen einen Blick in den Tidenkaklender: Morgen ist um 12 Uhr Niedrigwasser. Also werden wir uns nach dem Frühstück nochmal auf den Weg machen. Für heute ist es dann auch genug. Ich nehme noch die günstige Gelegenheit wahr, dass es hier eine Waschmaschine gibt und schmeiße unsere Schmutzwäsche hinein und Achim macht noch ein schönes Drohnenfoto von unserem idyllischen Stellplatz.

Am Dollart

Wat’n Wetter im Watt. Sturmtief Wolfgang sorgt für Wind und Regen an der Nordseeküste. Interessant: während es an der Ostsee zu starken Überflutungen kommt, gibt es im Wattenmeer ein äußerst seltenes Niedrigwasser. Die Fähren zu den ostfriesischen Inseln sind für heute allesamt abgesagt und auch die Elbfähre bei Glückstadt kann nicht fahren.

Wir ziehen unsere Regensachen und Gummistiefel an und machen einen kleinen Spaziergang zur Aussichtsplattform auf einer ehemaligen Bohrinsel im Dollart, eine große Bucht zwischen Deutschland und Holland. Der Hinweg mit Rückenwind ist okay, auf dem Rückweg verstecke ich mich hinter Achim, weil der Wind uns den Regen ins Gesicht peitscht.

Als wir wieder trocken sind und der Kaffee ausgetrunken ist, umrunden wir den Dollart, kommen nach Holland und stellen unseren Bus in den kleinen Hafen von Termunterzijl zum Abwettern. Füße hoch, Musik an, rausgucken aufs Wasser. Für morgen verspricht der Wetterbericht leichte Wetterbesserung.

Varusschlacht statt Wildpferde

In der Nähe der Stadt Dülmen ist die einzig verbliebene Wildpferdebahn auf dem europäischen Kontinent beheimatet – im Naturschutzgebiet Merfelder Bruch, einem weitläufigen Moor- und Heidegebiet. Erstmals im Jahr 1316 urkundlich erwähnt, leben hier noch heute rund 400 Pferde. Der eingezäunte Bereich umfasst eine Fläche von rund 400 ha. Die Pferde sind weitestgehend sich selbst überlassen.

Auch Wikipedia informiert über die Dülmener Wildpferde und zeigt sie auf diesem Foto.

Als ich am Ende des gestrigen Blogbeitrages schrieb, dass wir heute ganz was anderes machen wollten als radfahren und Schlösser anschauen, hatte ich einen Besuch bei den Wildpferden im Sinn. Aber im Internet steht geschrieben, dass das Terrain nur am Wochenende für Besuchende geöffnet ist. Sicherheitshalber rufe ich in der Früh bei der Touristeninfo an – bekomme dort aber dieselbe Auskunft.

Gut, dass wir uns am Abend zuvor einen Plan B überlegt haben. Achim redet seit Monaten davon, dass er nach Kalkriese möchte. Hier wird in einer Sonderausstellung mit dem etwas reißerischen Titel „COLD CASE – Tod eines Legionärs“ erstmals der bislang älteste und weltweit einzig erhaltene römische Schienenpanzer der Öffentlichkeit gezeigt. Die Zeit wird knapp, denn die Ausstellung läuft nur noch gute zwei Wochen.

Mich hat dieser cold case bisher ja eher kalt gelassen. Römerrüstungen sind nicht so mein Ding. Aber als Plan B scheint mir das doch akzeptabel. Und man bereitet seinem Liebsten auch gern mal eine Freude ☺.

Der Parkplatz vor dem stylischen Museumsturm ist so gut wie leer, als wir dort am frühen Nachmittag ankommen.

Im Gebäude werden wir von einer überdimensionalen Abbildung einer vor Ort entdeckten Maske, die die Römer als Gesichtsschutz getragen haben, empfangen.

Erst Ende der 1980er-Jahre begannen in Kalkriese die archäologischen Ausgrabungen. Auslöser hierfür war die Entdeckung der römischen Silbermünzen durch den britischen Hobby-Archäologen Tony Clunn. Was hier vor mehr als 2000 Jahren passiert ist, genau im Jahre 9 n. Chr., wird den Besucherinnen und Besuchern mit unterschiedlichen Mitteln plastisch nahe gebracht.

In einem Video beispielsweise mimen  zwei Schauspieler die damaligen Kontrahenten: den römischen Heerführer Varus und seinen früheren Zögling und späteren Widersacher Arminius, der genau hier in Kalkriese die mächtigen römischen Truppen in einen Hinterhalt lockte und besiegte.

Im Außengelände kann man versuchen nachzuvollziehen, wie die Römer in die Falle getappt sind. An der engsten Stelle zwischen Berg und Moor errichteten die Germanen am Fuß des Kalkrieser Berges einen 400 m langen Wall, der sich unauffällig in die Landschaft fügte. Sie platzierten ihre Krieger darauf und nahmen die überraschten Römer von zwei Seiten in die Zange.

Dann kommen wir zum aktuellen Höhepunkt der Sonderausstellung, in deren Zentrum die erst vor wenigen Jahren entdeckte Rüstung steht. „The one and only“, die einzige weit und breit, titeln die Ausstellungsmacher, die selbst keine eindeutige Antwort auf die Frage haben: Warum gibt es weltweit nur diesen einzigen Fund?

Faszinierend ist es, die Arbeit der ForscherInnen zu verfolgen, das Ineinandergreifen der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen nachzuvollziehen, die Museumskonzeption zu erleben und die Architektur der Gebäude zu erkunden.

Die Details zur Varusschlacht kann ich erfahren, muss sie aber nicht unbedingt kennen. Aber es gibt sicherlich schlechtere Orte, um über die Gräuel von Kriegen ganz allgemein nachzudenken. Hier, sagen die Experten, starben binnen drei Tagen 20 000 Römer. Wieviele Germanen ihr Leben ließen, weiß man nicht.

Gerade heute habe ich den Satz von Albert Camus gelesen: „Frieden ist die einzige Schlacht, die es wert ist, zu führen.“

Quartett von Wasserschlössern

Als ich um kurz vor halb acht wach werde, ist es noch halb dunkel und sehr feucht. Nach dem Frühstück sieht das schon ganz anders aus: die Sonne scheint und Achims kurzer Schlafanzug ist (für ihn) noch passend zur Temperatur (9 Grad).

Wasserschloss Lembeck

Zuerst fahren wir nochmal zum benachbarten Schloss Lembeck, um die Drohne steigen zu lassen. Ja, das ist Achim gut gelungen. Jetzt sieht man – im Gegensatz zu gestern – dass es sich um ein Wasserschloss handelt.

Wasserschloss Raesfeld

20 Kilometer weiter westlich überrascht uns das Wasserschloss Raesfeld. Hier ist richtig was geboten: neben dem imposanten Gebäudekomplex aus dem 17. Jahrhundert gibt es eine schöne Parkanlage mit schnatternden Wasservögeln, etliche Cafés, in denen man draußen bei Kaffee und Kuchen sitzen kann, eine große Touristeninfo, in der man viele Tipps zum Radfahren und Wandern bekommt und ein paar Schritte entfernt einen Bürgerpark mit Fitnessparcours, Kneippbecken und, wichtig für uns, einer Ladestation fürs E-Bike. Ah ja, und leckere belgische Waffeln mit allem drum und dran.

In der Touristeninfo haben wir diesen praktischen Fahrradanhänger bekommen. Wir können hier die Knotenpunkte eintragen, die sowohl in der Radkarte vermerkt sind als auch auf den Schildern entlang der Straßen und Radwege. So kann man sich von Punkt zu Punkt hangeln und kommt im besten Fall dort an, wo man hin will.

Wir haben zwei weitere Wasserschlösser im Visier und dafür müssen wir erstmal 20 Kilometer nach Norden fahren, vorbei an vielen Windrädern, viel mehr als wir es aus Bayern gewohnt sind. Auch Sonnenblumen blühen noch. Einmal müssen wir absteigen und schnell die Ferngläser aus den Packtaschen holen. Fünf Rauhfußbussarde zeigen genau über uns ihre Flugkünste.

In einem Dorf entdecken wir dieses tolle Ensemble: Tische und Bänke um einen Baum herum als Treffpunkt für die Nachbarschaft. Sehr nachahmenswert.

Wasserburg Gemen

Wieder ganz anders ist die Atmosphäre bei den beiden nächsten Schlössern. Beides sind heute Bildungsstätten. Vor der Wasserburg Gemen sind viele Jugendliche unterwegs, vor, nach und während ihrer Seminare. Es ist eine Jugend-Bildungsstätte des Bistums Münster.

Wasserschloss Velen

Vor dem Schloss Velen, knapp 20 Kilometer nordöstlich, spielt eine Gruppe Erwachsener Tischtennis. Dort können wir das Gelände nicht betreten. Es ist in Privatbesitz und wird als Seminarhaus betrieben.

Fürs erste ist unser Bedarf an Schlössern damit gedeckt und für morgen haben wir ganz was anderes vor. Ob das klappt, ist aber überhaupt nicht sicher. Wir sind gespannt.

Schlösser im Münsterland

Nach dem Frühstück fahren wir 20 Kilometer nach Westen in die kleine Gemeinde Havixbeck. Hier haben wir die Möglichkeit, unser Clo zu leeren (ist nicht ekeliger als Windeln wechseln oder Popo abwischen), Abwasser zu entsorgen und Frischwasser zu tanken. In unseren Tank passen 100 Liter, damit kommen wir ein paar Tage aus.

Nochmal 50 Kilometer weiter westlich beziehen wir unser neues Quartier für die nächsten zwei Nächte auf dem Hof von Bauer Trockel. Auf seiner Wiese bietet er Stellplätze für drei Wohnmobile an. Außer uns ist aber keiner da.

Hier ist unser Startpunkt für den Westkurs der 100-SCHLÖSSER-ROUTE. Je nach Wetter und Lust wollen wir sie in den nächsten Tagen erkunden. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war das Münsterland in kleine Herrschaftsgebiete zersplittert. Daher die große Dichte an Schlössern und Burgen in der Gegend.

Das erste Schloss finden wir gleich in unserem Ort. In der Nähe des Dorfes Lembeck wurde im Mittelalter ein festes Haus errichtet. Zwischen 1670 und 1692 wurde es zu dem heute noch gut erhaltenen Wasserschloss umgebaut, welches zu den größten des Münsterlandes gehört.

Das Foto ist leider ohne Wasser. Für ein Foto mit Wasser müssen wir nochmal mit der Drohne herkommen – wird nachgereicht. Versprochen.

Der Radweg führt durch Felder, Wälder, Alleen und kleine Ortschaften. Wir müssen am Bauernhofcafé in Haltern eine Zwangspause machen, um unsere Akkus aufzuladen.

Über Haltern am See, das mich mit seinen Backsteinbauten und der quirligen Fußgängerzone an meine Heimatstadt Kempen am Niederrhein erinnert, kommen wir zum Wasserschloss Sythen.

Im Internet und auf Informationstafeln im weitläufigen Gelände kann man die bewegte Geschichte vom Ritter Dietrich bis zum Caritasverband Recklinghausen nachlesen, der – heutzutage völlig unverständlich – das Herrenhaus und das Wirtschaftsgebäude 1971 abreißen ließ.

Viele Jahre später konnten die Überreste des inzwischen fast verfallenen Anwesens von der Stadt Haltern erworben und von einem Förderverein, der den Kosenamen „Rentnerband“ trägt, gerettet werden. Mindestens zehn Rentner sind auf dem Gelände unterwegs, als wir uns dort umschauen. Überall wird gewerkelt, alles winterfest gemacht. So beeindruckend dieses bürgerschaftliche Engagement!

Auf dem Rückweg radeln wir quer durch den Wald des Naturparks Hohe Mark und stehen auf einmal sehr überrascht vor einem riesigen Turm. Er wird „Himmelsleiter“ genannt, ist aber im Gegensatz zum Kunstwerk in Münster praktischer Natur: es ist ein 39 Meter hoher Feuerwachturm. Wir klettern quasi an den Baumstämmen entlang in die Höhe, erklimmen die Baumwipfel und können dann in schwindelerregender Höhe unseren Blick über den Wald bis zum Horizont schweifen lassen. Der Sonnenuntergang ist nicht mehr weit, also nichts wie zurück zum Bus.

Viele Schlösser und noch mehr Radwege im Münsterland

Auf der Fahrt vom Stettiner Haff nach Göttingen schaue ich mir im Internet an, wie man eigentlich von Göttingen aus an die holländische Nordsee, Ziel unserer nächsten Kleeblattreise, fahren kann. Dabei springt mir Münster ins Auge. Und eine Werbung der dortigen Touristeninfo für den 100-Schlösser-Radweg. Er ist 1000 km lang und da das für die Meisten zu weit ist, wurde er in vier Abschnitte aufgeteilt, die einen jeweils zu den Sehenswürdigkeiten der Gegend führen. So viele Schlösser auf einem Fleck kenne ich von der Loire. Dass es dies hier auch gibt, wusste ich nicht. Die Entscheidung fällt schnell: das schauen wir uns an.

Da der Wetterbericht für das Wochenende Regen ansagt, schieben wir einen Tag in der Stadt Münster ein. Hier gibt es interessante Museen, in denen man trocken bleibt.

Fahrradstadt Münster

Schön, wenn sich der Wetterbericht zu unseren Gunsten irrt. In der Nacht regnet es noch kräftig, aber einem Morgenlauf entlang des Dortmund-Ems-Kanals steht schon nichts mehr im Wege. Nach einem leckeren Frühstück schwingen wir uns auf die Räder, um die Stadt zu erkunden. Münster ist DIE Fahrradstadt in Deutschland, so dass wir sicher und bequem vom Stellplatz am Kanal rüber ins Zentrum fahren können.

Der Dom
Der Prinzipalmarkt

Ich habe wegen der elf Grad, die wir nur haben, Anorak, Schal und Handschuhe an, aber die Sonne strahlt mittlerweile vom Himmel und setzt den Dom und den Prinzipalmarkt ins rechte Licht.

Botanischer Garten
Das Schloss

Wir bummeln durch den botanischen Garten und zum Schloss. Es gehört zu den letzten großen Schlossanlagen, die im 18. Jahrhundert in Deutschland gebaut wurden. Johann Conrad Schlaun, der berühmteste Barockbaumeister Westfalens, errichtete das Gebäude. Das Schloss brennt im Zweiten Weltkrieg fast vollständig aus, nur einige Möbel, Türen und Wandfelder sind kostbare „Überlebende“. Heute ist das Schloss der Sitz der Universität.

Museum Kunst und Kultur

Erst gegen Mittag zieht es uns ins Museum für Kunst und Kultur, das 2014 erbaut wurde und tausend Jahre Kunst beherbergt. Es gibt interessante An-und Ausblicke.

Aus dem Museum zum Dom geblickt
Lambertikirche mit Himmelsleiter

In der Lambertikirche gibt es am Nachmittag ein Orgelkonzert. Der spanische Organist Juan Maria Pedrero (*1974) spielt Werke seines Landsmanns Juan Cabanilles (1644 – 1712) sowie von Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Reger. Zuvor und währenddessen bewundern wir die Installation „Die Himmelsleiter“ der jungen österreichischen Künstlerin Billi Thanner, die außen am Kirchturm und innen vor der Orgel befestigt ist.

Münster gefällt uns sehr gut. Wir lassen den abwechslungsreichen Besichtigungstag am Aasee bei einem Feierabendbier ausklingen. Was gibt es zu feiern? Den Tag.

Kleeblattfahrt Nummer Eins: An die Oder

2.10.2023 – Eigentlich. Was für ein gefährliches Wort. Es signalisiert, dass sich ursprüngliche Einschätzungen oder Pläne geändert haben. Stimmt leider. Eigentlich hätte dieser Blog in den kommenden zwei Monaten Bilder und Erzählungen aus Finnland enthalten sollen. Leider mussten wir diese Pläne über den Haufen werfen. Achims Mama hatte kürzlich einen Herzinfarkt und wir wechseln uns nun mit seinen Schwestern bei der Betreuung seiner Mutter ab. In unseren Pausen werden wir von Göttingen aus kleeblattförmige Touren unternehmen. Die erste führte uns nach Nordosten an die Oder.

Auf dem Weg dorthin haben wir am Ruppiner See geschlafen. Nach einem frühen Bad am Morgen haben wir auf dem Steg gefrühstückt – und uns überlegt: „Hier sieht es eigentlich aus wie in Finnland. Oder?“

Am Nachmittag erreichen wir unseren Stellplatz in Mescherin an der Oder, etwa 30 Kilometer südlich von Stettin. Hier darf man im kleinen Hafen direkt am Fluss stehen.

Wir entrichten beim Hafenmeister, einem rund 80 Jahre alten Herrn mit rosiger Haut und sonniger Laune, unseren Obulus von fünf Euro.

„Dahinten links geht es auf den Stettiner Berg. Ich sag immer: Wer da nicht hoch gestiegen ist, darf nicht sagen, dass er in Mescherin war.“

Das wollen wir uns natürlich nicht nachsagen lassen und machen uns nach dem Kaffee auf den Weg. Ein paar Minuten geht es über steile Treppen nach oben, dann haben wir einen tollen Ausblick. Die Auenlandschaft ist dem ursprünglich verästelten Lauf des Flusses zu verdanken. Die Oder ist hier zweigeteilt: es gibt die West- und die Ostoder, dazwischen die Auen.

Weiter geht es mit den Rädern nach Osten. In fünf Minuten ist die Brücke erreicht und auf der anderen Flussseite liegt Polen.

Unter der Brücke über die Ostoder bei Gryfino suchen wir einen Geocache, finden ihn aber nicht. Schade, aber wir bleiben ja noch ein paar Tage hier im Grenzgebiet, so dass Achim noch Chancen auf seinen ersten polnischen Cache hat.

Wir radeln zurück nach Deutschland, direkt hinter der Grenzbrücke steht ein Aussichtsturm. Bei Einbruch der Dämmerung macht sich eine erwartungsvolle Stimmung unter der Handvoll Vogelgucker breit. „Wenn es gerade dunkel wird, kommen sie und landen dort zum Übernachten“, erklärt mir die Frau neben uns. „So nah?“, frage ich erstaunt. Sie nickt. Es dauert noch eine kleine Stunde, währen der wir Silberreiher, Bachstelze, Fledermaus und Massen von Staren beobachten, bis die Stars des Abends kommen. Mit ihrem typischen Gru Gru fliegen sie ein, die Kraniche, zu Hunderten, und landen genau dort, wo meine Nachbarin es vorhergesagt hatte. Wie wir uns freuen.

Dann ist es dunkel, bis zum Stellplatz sind es nur fünf Minuten und es ist noch warm genug, den Gin, ein Tavla und sogar das Abendessen draußen zu genießen.

Ab und zu hören wir es im Wasser platschen, zirpen oder tschirpen. Keine Ahnung, was da im Dunkeln im und auf dem Fluss los ist, jedenfalls eine ganze Menge. Besser als Radio.