Archiv der Kategorie: Glücklich auf 8 qm

Ein Stück nach Süden, ein Stück nach Norden, dazwischen immer wieder Kraniche

4.10.2023 – Wieder stehe ich auf dem Aussichtsturm und warte auf den Einflug der Kraniche. Bis sie kommen, habe ich Zeit zu bloggen.

Gestern sind wir nach dem gemütlichen Frühstück am Fluss 30 Kilometer nach Süden geradelt.

Links von uns fließt meistens der Strom, manchmal weicht der Radweg von ihm ab und große Schilffelder, Birkenwälder, Gräben oder Teiche liegen zwischen uns und dem Wasser. Der Flussname Oder, so haben wir erfahren, stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „Die Wandelbare“. Hier, nahe dem Delta, mäanderte der Fluss früher in vielfältigen Formen.

Der Gegenwind macht uns auf dem Hinweg etwas zu schaffen, wir belohnen uns im kleinen Städtchen Schwedt mit Kaffee und Kuchen. Auf dem Weg zurück fliegen wir fast und müssen ordentlich bremsen, als wir sieben Kilometer vor dem Ziel durch Gartz kommen. Um vier hören wir uns im Gasthof Stadtmühle einen Vortrag der Nationalpark-Ranger über Kraniche an. Hier ist nämlich gerade Kranichwoche mit allerlei Programm. Das Untere Odertal ist einer der bedeutendsten Binnenrastplätze, lernen wir. Aktuell sind etwa 8000 Vögel des Glücks da.

Und: Der Nationalpark Unteres Odertal, der im Zweistromland zwischen Ost und Westoder liegt, ist der einzige Nationalpark, der eine Flussauenlandschaft schützt. „Bisher“, denken sich die Gäste aus Freising. Denn wir wissen, dass es Bestrebungen gibt, auch Teile der Isarauen zum Nationalpark zu machen.

Nach dem Vortrag laufen wir gemeinsam zum Deich, um den abendlichen Umzug der Kraniche von ihren Futter- zu ihren Schlafplätzen zu beobachten. Gemeinsam mit den Vögeln schieben sich Regenwolken über uns und es wird rasch ziemlich nass.

Kaum sind wir zuhause, haben uns umgezogen und das erste Getränk auf dem Tisch, als das nächste Spektakel folgt. Riesige Scheinwerfer bewegen sich auf uns zu. Wie vom Hafenmeister gestern angekündigt, läuft das 80 Meter lange Fluss-Kreuzfahrtschiff Mona Lisa in unseren Hafen ein. Wir sehen nichts mehr von der Oder, aber haben einen ausgezeichneten Blick in den Salon, in dem zumeist ältere Passagiere ihren Nachttrunk zu sich nehmen und eine heiße Sohle aufs Parkett legen. Ohne die Musik zu hören, sieht das gespenstisch aus. Als wir genug geschaut haben, ziehen wir die Rollos runter.

Heute früh um sechs wirft die Mona Lisa ihren Motor an, wir drehen uns um und schlafen noch zwei Stündchen weiter.

Der Oder-Radweg bleibt in Deutschland und verlässt deshalb kurz hinter Mescherin den Fluss, der ab hier auf polnischem Gebiet fließt. Achim sucht und findet bei Komoot eine Runde, die auf der Westseite der Oder bis kurz vor Stettin führt und dann auf der östlichen Seite zurück.

Der Hinweg macht viel Spaß. Mal fahren wir durch den Wald, mal entlang (viel zu) großer Felder, mal entlang des Flusses.

An einer Stelle bewundern wir die öffentlichen Grillplätze. Zehn davon gibt es, außerdem überdachte Picknickplätze.

Als wir die Außenbezirke von Stettin erreichen, wechseln wir die Flussseite. Heute haben wir keine Lust auf Großstadt. Die sehr sehenswerte Altstadt haben wir uns vor Jahren angeschaut, als wir mit den Motorrädern nach Estland gefahren sind.

Der Rückweg ist leider ein Hindernisparcours und hat so ziemlich alles zu bieten, was man sich so vorstellt: viel befahrene Straßen ohne Radweg, Kopfsteinpflaster, Matschwege, Sandwege. Und über Bahngleise durften wir unsere Räder auch noch heben.

Ein Café gibt es nicht auf der Strecke, so dass wir uns notgedrungen zwei Becher Kaffee in einer Tankstelle kaufen.

Dann erreichen wir wieder die deutsche Grenze – erneut nur durch ein Schild markiert. Dafür liebe ich Europa.

Und jetzt muss ich Schluss machen. Die Kraniche kommen.

Am Stettiner Haff und in der pommerschen Serengeti

6.10.2023 – Die Oder fließt nördlich von Stettin durchs Haff Richtung Ostsee, wir bleiben erstmal im Süden des Stettiner Haffs bei Ueckermünde.

Wir bummeln durch die kleine Altstadt und kaufen zum Abendessen Knacker ein, die wir daheim immer recht vermissen.

Der Stellplatz beim Hafen von Mönkebude ist nicht so spektakulär wie der in Mescherin, aber bis zum Sandstrand ist es nur ein Katzensprung.

Bei frischen 18 Grad bummeln wir am Hafen lang und über den Deichweg. Mittlerweile scheint wieder die Sonne, mittags hat es gegossen. Das Stettiner Haff ist durch eine schmale Landzunge, auf der bekannte Orte wie Usedom auf deutscher und Swinemünde auf polnischer Seite liegen, von der Ostsee getrennt.

In einem nahegelegenen Wald gibt es eine sorgsam ausgearbeitete Geocache-Strecke. 12 davon spüren wir hinter, an und auf Bäumen, liebevoll in Quietscheentchen, Plastikschweinchen oder im Super Mario versteckt, auf. Dann wird es langsam dunkel und rasch kalt.

13 Kilometer südwestlich liegt der Anklamer Stadtbruch, eine weite Moorlandschaft im Übergang zwischen Land und Meer. Das rund 2.000 Hektar große Wildnisgebiet ist Heimat für zahlreiche seltene Arten wie Seeadler, Fischotter und Moorfrosch. Heute gehen wir zur Abwechslung mal nicht auf Kranich- sondern auf Seeadlerpirsch. Auf dem Aussichtsturm bei Mescherin hatten wir am letzten Abend einen Naturfotografen aus Freising (!), Joe Häckl, getroffen. Von ihm stammt der Tipp.

Bereits um zehn sitzen wir auf den Rädern, um die 13 Kilometer bis Bugewitz zu fahren. Hier geht der 10 Kilometer lange Rundweg durch die Wildnis los.

Wir stellen die Räder beim Dorfgasthof ab und machen uns, bald schon in Regensachen, auf den Weg.

Eine Sturmflut ließ 1995 den Deich zum Haff brechen. Seither ist die Moorlandschaft weitestgehend sich selbst überlassen. 

Den Tieren gefällt das: Mittlerweile gibt es hier die höchste Seeadlerbrutdichte Europas. Wir sind kaum losgelaufen, als wir den ersten hoch oben in einem Baumwipfel erspähen. „Schau, da hinten rechts sitzt noch einer!“ Dann entdecken wir einen in der Luft. Seeadler gehören zu den größten Greifvögeln Mitteleuropas mit einer Spannweite von über zwei Metern. Majestätisch schwebt er hoch über uns.

Von dem im Baumwipfel gibt es hier ein „Beweisfoto“, wie Achim sagt.

Wir laufen auf dem schmalen Pfad, dem einzigen, der für Menschen erlaubt ist, immer tiefer in das Schutzgebiet hinein und kommen an eine Stelle, die im Volksmund „pommersche Serengeti“ genannt wird.

Auf dem früheren Torfabbaugebiet wachsen jetzt diese rötlich scheinenden Gräser.

An anderer Stelle wiederum steht das Wasser auf großer Fläche, nur ein paar Grasinselchen unterbrechen die glatte Fläche.

Nach etwa vier Stunden sind wir wieder bei den Rädern und treten den Rückweg an. Plötzlich bremst Achim und deutet nach links: Kraniche, die dem Bauern die frische Wintersaat klauen und sich erstaunlicherweise dabei durch uns nicht stören lassen.

Von Gien nach Reims

Gien ist schnell erreicht: 150 Kilometer über die A 20 und die D 940 nach Nordosten. Hier sind wir auf der Hinfahrt vorbeigekommen und Achim war so begeistert von der Stadtansicht. „Da muss ich noch mal hin!“ Damit die Liste der Orte, zu denen er noch mal hin muss, nicht allzu lang wird, fahren wir heute dorthin.

Das Wetter ist leider bescheiden, grau und 7 Grad, und zu allem Überfluss regnet es. Sehr. Dennoch suchen wir am Ufer der Loire die geeignete Stelle für ein Foto. Kann man inmitten der verschiedenen Grautöne die Stadt erkennen?

Auf eine weitere Besichtigung verzichten wir. Zu nass, zu kalt. Also bleibt Gien doch auf dem Zettel. Wir fahren weiter. Aber noch nicht direkt nach Reims sondern zur Kaffeepause nach Montbouy, wo wir vor 53 Tagen bereits auf der Hinfahrt so idyllisch am Kanal genächtigt haben.

Aber dann. Auf nach Reims. 250 Kilometer. Auch diese Stadt ist Neuland für mich. Bilder der berühmten Kathedrale habe ich schon oft gesehen. Nun stehe ich davor und lege den Kopf in den Nacken, um sie in ihrer majestätischen Größe zu erfassen.

Wir bummeln noch ein wenig durch die Stadt und können dann tatsächlich die Abendsonne im Straßencafé genießen.

In zwei Tagen werden wir zuhause sein. Damit endet eine fantastische Reise. Ich habe große Lust, im nächsten Frühjahr nach Marokko zurückzukehren. Es gibt ein paar Orte, an denen ich noch einmal sein möchte und viele, die ich entdecken möchte.

Unsere nächsten Reiseziele für dieses Jahr stehen noch nicht fest. Wer diesen Blog abonniert, wird sie nicht verpassen.

In der Sixtinischen Kapelle der Vorgeschichte

Auch die Heimfahrt braucht den einen oder anderen Höhepunkt. Der Besuch der Höhle von Lascaux ist zweifellos ein solcher. Immer schon möchte ich hierher. Nun sind wir tatsächlich da

Diese vier jungen Männer haben am 12. September 1940 den Eingang zur Höhle in einem Waldstück beim südfranzösischen Dorf Montignac entdeckt. Einer der Freunde war am Vortag per Zufall beim Spaziergang mit seinem Hund auf das Loch im Fels gestoßen. Ihm war klar, dass er die Erkundung nicht allein durchführen konnte. Am nächsten Tag kamen sie zu viert zurück und stiegen gemeinsam in die Höhle hinab. Dass sie damit einen Sensationsfund gemacht hatten, war schon nach kurzer Zeit klar: sie waren auf die besterhaltenenen prähistorischen Malereien Europas gestoßen.

Führende Archäologen begannen bereits zwei Wochen nach dem Fund mit ersten Untersuchungen und datierten die üppigen Malereien, mit denen die Höhle ausgestattet war, auf die Jungsteinzeit, mindestens 15 000 Jahre vor unserer Zeitrechnung.

Wer wie wir heute Lascaux 4 betritt, betritt leider nicht mehr die Originalhöhle sondern ein Museum, in dem die Höhle mit modernster Technik nachgebaut wurde. Hierfür wurde das Original in seiner Oberflächenstruktur millimetergenau dreidimensional als etwa zwei Zentimeter dicke Schale nachgebildet und farblich an das Original angepasst. Entsprechend der Original-Höhle wird die Raumtemperatur auf 14 °C gehalten – und es fühlt sich auch wirklich so an als sei man in einer Höhle. Verantwortlich zeichnet für dieses Projekt das norwegische Architekturbüro Snøhetta.

Begeistert sind Wissenschaftler und Besucher davon, dass die Malereien auch nach schätzungsweise 17 000 Jahren so gut erhalten sind. Dass die verwendeten Farben in ihrer Intensität so gut wie nichts verloren haben. Dass die Künstlerinnen oder Künstler mit großem Können gearbeitet haben. Manchmal wird deshalb die Höhle von Lascaux als „Sixtinische Kapelle der Vorgeschichte“ bezeichnet.

Um die Bilder nicht zu gefährden, wurde die Höhle 1968 für die Allgemeinheit geschlossen. Millionen von Menschen hatten das Raumklima so verändert, dass Schimmel entstanden war. Gleich nebenan wurde eine Kopie errichtet, eine Höhle, die man auch heute noch besuchen kann. Sie wurde 1983 eröffnet.

2016 wurde Lascaux 4 eröffnet. Hier ist die Originalhöhle samt aller Zeichnungen und Ritzungen nach höchstem wissenschaftlichem und technischem Standard nachgebildet. Außerdem gibt es das sogenannte Atelier, in dem Details reproduziert und eingehend erläutert werden.

Nach der Besichtigung fahren wir noch 200 Kilometer weiter nach Norden. Es regnet, wie gestern schon, in Strömen. „Weißt Du, was gut ist?“, fragt Achim. „Dass wir kein Zelt aufbauen müssen“.

Auch in Spanien gibt es Wüste

Medinaceli thront in tausend Metern Höhe auf einem Hügel gekrönt von einem Triumphbogen und einer Burg. Der alte Kern des Dorfes stammt aus dem Mittelalter, alles ist schön renoviert und dem Ensemble anegepasst. Zu unserem Glück bietet die Gemeinde einen großen Wohnmobilstellplatz mit schöner Aussicht an.

Nach unserem Familientreffen bei Cordoba sind wir gegen Mittag gestartet, mehr oder weniger in einem Schwupp 500 Kilometer nach Nordosten gefahren und hier gelandet. In der Früh machen wir einen Spaziergang durchs Dorf, dann geht es 170 Kilometer weiter in östliche Richtung.

Auf unserem Zettel stehen die Bardenas Reales, eine Halbwüste 80 Kilometer südlich von Pamplona in der Provinz Navarra. Hier hat die Natur etwas sehr Besonderes entstehen lassen. Auf einer Fläche von 400 Quadratkilometern reihen sich außergewöhnliche Bergformationen aneinander, die teils an den Grand Canyon, teils an Kappadokien denken lassen. Auf einer 40 Kilometer langen Staubpiste gondeln wir hier ein paar Stunden rum, entdecken Geier, gehen spazieren und machen eine Menge Fotos.

Auch hier gibt es einen schönen Stellplatz für uns. Vor uns Höhlenwohnungen, die vor langer Zeit aus dem weichen Sandstein herausgearbeitet wurden und noch bis in die 60er Jahre bewohnt waren. Natürlich klettern wir hinein. Sieht sehr wohnlich aus. Bis zu unserem Zuhause sind es noch 1700 Kilometer – oder 50 Meter.

Bei der Jungfrau der Berge

Als ich am Morgen wegen der angekündigten 30 Grad in kurze Hose und ärmelloses Hemd schlüpfe, freue ich mich, dass dies in Europa möglich ist. So eine legere Kleiderordnung habe ich in Marokko manchmal vermisst. Auch dass ich meinem Liebsten nun auf offener Straße ein Bussi geben oder mit ihm Hand in Hand laufen kann, finde ich prima. Und, ja, ich gebe es zu: ich mag es auch, unkompliziert Alkohol einzukaufen. Aber so ist das nun mal, wenn man eine Reise macht: manches an dem neuen Umfeld findet man viel besser als zu Hause, manches nicht. Außerdem ist es schön, wenn es zuhause was zum Freuen gibt.

Unser heutiges Etappenziel ist ein Campingplatz nördlich von Cordoba. Hier treffen wir uns mit Achims Schwester Ulrike und ihrem Lebensgefährten Rolf aus Berlin. Das hat schon fast Tradition. Letztes Jahr um diese Zeit haben wir uns im Ebrodelta getroffen.

Vorher planen wir noch einen Abstecher zu den Megalithgräbern bei Antequera, aber als wir dort ankommen, ist alles geschlossen. Seltsam. Es gibt keinen Hinweis auf Öffnungszeiten und wir fahren schulterzuckend weiter.

Der zweite Abstecher führt uns tausend Meter hoch zur Ermita Virgen della Sierra, der Jungfrau der Berge. Laut Internet liegt dieses kleine Kloster auf einem der besten Aussichtspunkte Andalusiens, aber leider ist es heute so diesig, dass es mit Aussicht nicht weit her ist. Ob sich der Umweg und die enge steile Auffahrt dann lohnen? Keine Ahnung, aber die bekommen wir nur, wenn wir es machen. Also los.

Die Auffahrt ist kein Problem, das Kloster ganz nett, die Aussicht eher bescheiden, aber der Picknickplatz, der frisch aufgebrühte Kaffee und die mit Schinken, Ei und Tomate belegten (noch aus Marokko stammenden) Croissants sind wunderbar.

Entspannt und hochzufrieden fahren wir noch hundert Kilometer bis Cordoba. Diese interessante Stadt haben wir letztes Jahr schon besichtigt. Diesmal fahren wir dran vorbei direkt zum Camping in Villafranca de Cordoba.

Dieser hat zu meiner Überraschung und Freude einen Pool und wir lagern erstmal ein, zwei Stündchen im Gras und erzählen von unseren jeweiligen Reisen.

Am Abend werfen wir zusammen, was die Bordküchen so hergeben. Wir haben noch leckeres Marokkanisches dabei. Merguez, Oliven und Datteln, die Nachbarn steuern Pasta und Pesto bei.

Bessalama, Au Revoir!

Nach einem entspannten Tag voller Nichtstun am Meer sind wir bereit, Marokko zu verlassen. Unsere Zeit ist um. Nach fast zwei Monaten wollen wir nach Hause. Familie, Freunde und ein gemütliches Zuhause warten auf uns. Wie immer am Ende einer längeren Reise halten sich Wehmut und Vorfreude die Waage.

Wir genießen noch das Ostersonntagfrühstück bei Ahmed am Strand. Am Abend zuvor habe ich zwei Eier angemalt, die köstlichen marzipangefüllten Gazellenhörnchen sind ein perfekter Schokoeierersatz und die Blümchen vom Strand sehen wunderschön aus auf unserem Frühstückstisch.

Dann nehmen wir die letzten Kilometer Richtung Fähre unter die Räder. Vorher hauen wir im Carrefour in Martil noch unsere letzten 1500 Dirham (150 Euro) auf den Kopf. Wir haben vor ein paar Tagen 200 Euro geholt, das war offensichtlich zu viel für die verbleibende Zeit. Gazellenhörnchen, Walnüsse, Käse, Schinken …

Danach durchqueren wir Badeorte, die nahezu mondän anmuten. Palmengesäumten Avenuen, elegante Hotels, große Wohnanlagen, die sicherlich zum großen Teil von Wochenend- und Sommergästen genutzt werden. Dann kommt Ceuta in Sicht, die spanische Enklave in Marokko.

Die Grenzabfertigung inklusive Kontrolle des Wohnmobils von innen dauert alles in allem eine Stunde und verläuft höflich und entspannt. „Bon voyage! Gute Reise!“

Wir fahren direkt weiter zum Hafen, checken ein und können gleich die nächste Fähre nehmen – allerdings muss Achim wieder rückwärts hochfahren. Für ihn wieder kein Problem, ich traue mir das nach wie vor nicht zu.

Dann sind wir an Bord, begießen das Ereignis mit einem kleinen Bier und schon eine Stunde später sehen wir den Felsen von Gibraltar.

Wenige Minuten nach dem Anlanden stehen wir schon am Yachthafen von Algeciras, wo wir vor beinahe sechs Wochen aufgeregt der Marokkoreise entgegen sahen. Es ist alles viel besser geworden als erhofft. Die Vielfalt der Landschaft sei als erstes benannt: die Atlantikküste, die Stein- und Sandwüsten, die Mittel- und Hochgebirge. Bevölkert von freundlichen Menschen, bei denen man sich willkommen geheißen und sicher fühlen kann. Wir sind übrigens kein einziges Mal von der Polizei kontrolliert worden. Einige Kinder in den Bergdörfern haben gebettelt, aggressiv waren sie dabei nicht. Manchmal war es nicht einfach zu erkennen, ob jemand einfach nur nett sein wollte oder eine Gegenleistung erwartete, ohne dies vorher zu sagen. Das ist aber sehr selten passiert.

Wir fahren jetzt gemütlich durch Spanien und Frankreich nach Hause und ich denke mir im Stillen: „In einer guten Woche kann man Marokko gut wieder erreichen.“ Vielleicht schon nächstes Jahr?

32. Stopp: Am Mittelmeer in Oued Laou

Mangels Brot fällt unser Frühstück etwas mager aus. Im Ramadan gibt es selbst in einer großen Stadt wie Chefchaouen keine Bäcker, die am frühen Morgen etwas verkaufen. Ich laufe etwa 20 Minuten durch verschiedene Straßen, aber alles ist zu.

Umso früher sind wir unterwegs, einmal quer durchs Land dem Fluss Laou nach Nordosten folgen. Gewellte Berge, ein Flussbett,eine Schlucht.

Dann sind wir am Mittelmeer. Das letzte Mal war ich im vergangenen Sommer mit meiner inzwischen verstorbenen Freundin Bruni am Mittelmeer. Das war in Caorle, Italien. Sie hätte es hier genauso geliebt wie ich. Wir stehen direkt am Strand auf dem kleinen Camp von Ahmed neben dem Fischereihafen in Oued Laou, der einen für 40 Dirham (4 Euro) campieren lässt. Wundervoll. Es gibt außer einem blitzblanken Stehclo und Trinkwasser, das mit einem Eimer aus dem Brunnen gezogen wird, keine Facilities, aber die brauchen wir auch nicht.

Zur Feier des Tages, schließlich steht Ostern vor der Tür, backe ich mal wieder einen Apfelkuchen mit Aussicht.

Später laufen wir in den Ort, zunächst am Strand entlang, dann über die Straße. Dieser Teil der 10 000 Einwohner großen Kleinstadt wirkt trotz (oder wegen?) der hohen Häuser ohne Passanten eher unbelebt. Immer wieder schön sind alle paar Meter die schmalen Gassen, die zum Strand hinunter führen. 

Nach einer Viertelstunde haben wir den Soukh erreicht und hier tobt das Leben. Da sich unsere Zeit in Marokko dem Ende zuneigt, wechseln größere Mengen Datteln und Oliven den Besitzer. Und wegen der kommenden Feiertage (die natürlich in Marokko keine sind) verwöhnen wir uns noch mit ein paar weiteren Leckereien fürs Osterfrühstück.

Zum Sonnenuntergang teilen wir uns unsere vorletzte Dose Bier. Bei der Aussicht brauchen wir nicht mehr.

30. und 31. Stopp: Im Rifgebirge – Taounate und Chefchaouen

Wir sind ziemlich kaputt vom frühen Aufstehen und dem vielen Laufen durch die Gassen von Fès (nicht vom Trubel, es war am frühen Vormittag kaum jemand unterwegs), als wir uns Richtung Rifgebirge aufmachen. Das Wetter ist seltsam: sehr windig und später dann recht diesig.

Schon früh kommen wir auf dem kleinen Zeltplatz nordwestlich von Taounate an und kochen Kaffee, machen ein Nachmittagsschläfchen, lesen, studieren die Landkarte, kochen und genießen die Aussicht.

Am nächsten Morgen sind wir fit und wieder voller Tatendrang. 180 Kilometer durchs Rifgebirge liegen vor uns. Am Abend wollen wir in Chefchaouen, einer der schönsten Städte Marokkos, sein.

Es ist noch immer diesig, als wir aufbrechen. Der Wind hat nachgelassen, das Thermometer zeigt 21 Grad. Wir sind am Rande der Berge auf rund 400 Meter Höhe.

An der ersten Tankstelle halten wir an und fragen nach Trinkwasser. „Klar, gern. Willkommen!“ Wir bekommen nicht nur das Wasser geschenkt sondern auch noch zwei Handvoll Erbsen, frisch vom Beet nebenan gepflückt, ein Büschel Koriander und ein kleines Fläschchen Olivenöl aus Eigenanbau. Den guten Ratschlag, auf der folgenden Strecke aufzupassen, werden wir beherzigen. „Die Leute dort wollen Euch Haschisch verkaufen!“

Zunächst einmal müssen wir auf die Schlaglöcher aufpassen. Hoffentlich bleibt das nicht so!

Bleibt es nicht. Die Straße ist zwar schmal und etwas holprig aber im Grunde ganz gut befahrbar. Im Laufe der Zeit windet sie sich auf über 1600 Meter hoch. Wir blicken hinunter ins Tal und sehen, dass hier Felder im Terrassenanbau bewirtschaftet und teils auch bewässert werden. Was dort wächst, erkennen wir nicht. Hier im Rifgebirge wird seit Alters her Hanf angebaut und seit den 60er Jahren zu Haschisch verarbeitet. Laut einem aktuellen Artikel in Capital waren es die Hippies, die den hiesigen Kleinbauern beibrachten, wie das geht. Der Hanfanbau ist in Marokko seit 1974 verboten, was aber, so lesen wir überall, nichts an der Tatsache ändert, dass nach wie vor viele Kleinst- und Kleinbauern ihren Lebensunterhalt damit verdienen.

Zu Mittag sind wir bei 12 Grad auf 1670 Metern, dem höchsten Punkt dieser Fahrt und machen uns ein Süppchen warm. Dann geht es völlig unbehelligt noch 100 Kilometer weiter, durch große Zedern-und Kiefernwälder bis wir am Nachmittag gegen vier Chefchaouen erreichen.

Die Atmosphäre hier ist freundlich, weltoffen, entspannt. Die blau getünchten Häuser sind eine Augenweide, beim Shopping geht es unaufdringlich zu, auf dem zentralen Platz in der Medina gibt es gegenüber von Kasbah und Moschee viele Cafés und Restaurants, in denen man gemütlich sitzen und dem Treiben zuschauen kann. Hier ist richtig viel los: Einheimische, die hier in der Altstadt leben, Touristen, vor allem viele junge Leute, Händler, Handwerker.

29. Stopp: Fes

In einem Garten voller blühender Kirschbäume beim Klappern von Störchen wach zu werden, ist etwas ganz Besonderes. Zum Frühstück platzieren wir Tisch und Stühle direkt unter dem Blütendach.

Dann gehen wir auf die Pirsch. Ein Spaziergang von einer Dreiviertelstunde durch den blühenden Mittleren Atlas voller Schmetterlingen, Spechten und Störchen bringt uns zu den Zedern im Nationalpark. Vielleicht haben wir heute wieder Glück und erspähen ein paar Berberaffen? Es gibt einen markierten Weg, dem wir folgen. Wo er wohl hinführt? Leise, ganz leise sind wir im Wald, um die scheuen Tiere nicht zu erschrecken. Können wir das eine oder andere entdecken? Traut sich eins in unsere Nähe? Hm, nein, nichts zu sehen weit und breit.

Dann queren wir einen breiteren Weg und plötzlich sehe ich ein Auto. Ein Auto? Im Nationalpark? „Schau, da ist ein Parkplatz!“, erkennt Achim. Und auf einmal sind auch die Affen da. Und Männer, die Erdnüsse als Affenfutter anbieten. Und Touristen. Und Männer, die ihre Pferde für einen kurzen Ausritt durch die Zedern anbieten. Jetzt kennen wir das Ziel des markierten Weges.

Scheue Berberäffchen? Hier jedenfalls nicht. Sie hocken und gucken und lausen sich und springen an Dir hoch, wenn Du eine Erdnuss in der Hand hast. Du kannst bis auf wenige Zentimeter an sie ran, ihr Fluchtinstinkt ist gleich Null. Menschen =  Fressen scheint ihre Gleichung geworden zu sein. Kein Wunder, dass wir im Wald keins der Tiere entdeckt haben. Das Affentheater findet hier statt. Dennoch freue ich mich, die Affen aus nächster Nähe beobachten und fotografieren zu können. Ein Video fürs Enkelkind daheim ist auch noch drin.

Am frühen Nachmittag geht es weiter nach Ifrane und das passt zur seltsamen Atmosphäre beim Affenparkplatz. Hier scheint man Afrika verlassen und Europa erreicht zu haben. Die Architektur ist komplett anders als wir sie im Rest des Landes erlebt haben. Keine Lehmhäuser mehr, stattdessen dominieren Steinhäuser und Satteldächer das Stadtbild. Am Stadtplatz gibt es große Cafés, alles ist modern und wirkt steril. Die Franzosen haben die Stadt während der Kolonialzeit aus dem Boden gestampft und als Luftkurort genossen. Heute sind es betuchte Marrokaner und Touristen, die es hierher zieht.

Mich zieht es weg und ich bin freue mich auf Fes. Zweimal war ich bereits hier und die größte Medina des Landes mit mehr als 9000 Gässchen hat nach wie vor eine große Anziehungskraft auf mich.

Aber zunächst einmal fahren wir 15 Kilometer lang durch das moderne Fes. Dreispurige Straßen führen ins Zentrum. Hier dominieren teurere moderne Autos den Verkehr, hohe Betonhäuser säumen wie in vielen anderen Großstädten der Welt den Weg. Wie wohl ein Marokkaner aus dem Hohen Atlas sich hier zurecht finden würde? Wir sind hier in vertrauter Umgebung, er wäre in einer anderen Welt.

Schließlich dürfen auch wir wieder in eine andere Welt eintauchen. Durch ein großes Tor treten wir ein und laufen die nächsten Stunden durch vielleicht ein paar hundert der insgesamt 9000 Gassen der größten Medina Marokkos. Ein Geschäft reiht sich ans andere. Aber es gibt auch die stattlichen Tore, kunstvoll gebaute Koranschulen, Moscheen, Brunnen und Privathäuser. Wir lassen uns treiben, zum Sonnenuntergang schließen die meisten, wir gehen essen und kommen am Morgen noch einmal wieder zum Frühstücken, Schlendern und Schauen. Leider machen die meisten Läden erst recht spät auf. Selbst gegen elf haben viele noch zu. Ob das mit dem Ramadan zu tun hat, finden wir nicht raus. Gegen Mittag verlassen wir die Stadt und fahren weiter nach Norden Richtung Rif-Gebirge.