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Zufallsfund: Olite

Ob die Schöpfer von Disneyland den kleinen Ort Olite vor Augen hatten, als sie ihre Phantasiewelt erschufen? Möglich ist es.

Der Palast der Könige von Navarra aus dem 15. Jahrhundert thront mit all seinen Türmen und Zinnen mitten in der kleinen, circa 40 Kilometer südlich von Pamplona gelegenen Stadt.

Es ist Sonntag und mit uns ist eine Menge Besucherinnen und Besucher im Palast. Außer uns nur Spanier. Alle klettern begeistert die Türme hoch und runter und bestaunen das außergewöhnliche Ambiente und die schöne Aussicht.

Nach dem ganzen Auf und Ab wird es Zeit, sich zu erholen. In den spanischen Cafés ist das immer ein pures Vergnügen. Nette Leute, anständige Preise: Drei Euro für zwei Milchkaffee, so lieben wir das. Was wir übrigens auch noch lieben ist der aktuelle Diesel-Preis in Spanien: 1,40 € pro Liter.

Dann geht’s wieder auf die Straße. 200 Kilometer haben wir noch vor uns. Wir passieren die Südauslãufer der Pyrenäen und erreichen schließlich die Laguna de Gallocanta.

Im Informationszentrum im südlichen Bereich gibt es einen Aussichtsturm, von dem aus man auf die Kraniche gucken kann, die ein paar hundert Meter entfernt stehen.

Die Laguna de Gallocanta ist, wie der Lac du Der-Chantecoq in Frankreich, an dem wir vor ein paar Tagen waren, einer der wichtigsten Rastplätze für den Kranichzug. Laut Fachfrau im Infozentrum sind aktuell 26 000 Vögel des Glücks hier. Wo man sie morgen früh am besten beobachten könnte, frage ich die Dame. Bei der Ermità de nuestra señora del Buen Acuerdo, empfiehlt sie uns. Den Spot kennen wir vom letzten Jahr. Da haben wir dort übernachtet.

Über Stock und Stein rumpeln wir ein Stück weit nach Norden, erreichen die Einsiedelei, biegen rechts ab und erreichen einen kleinen Parkplatz neben einer Vogelbeobachtungshütte. Schockierend: der See ist in diesem Bereich trocken gefallen. Wir sind jetzt zum dritten Mal hier und das haben wir noch nicht erlebt.

Wir ziehen uns nochmal warm an, um nach den Vögeln zu schauen. Ich halte es aber nicht lange aus, denn ein Sturm ist aufgekommen und es ist nun sehr ungemütlich draußen. Im Bus ist es erheblich gemütlicher, aber der Wind schaukelt den Camper ordentlich hin und her. Ich glaube, ich werde bald seekrank.

Stippvisite am Atlantik

Schnee und Regen in den Pyrenäen. Das klingt nicht gut. Deshalb entscheiden wir uns für den kleinen aber sicheren Umweg über Biarritz, was uns einen nicht geplanten Kurzbesuch am Atlantik beschert.

Die Vorfreude steigt, als während der Fahrt sogar die Sonne rauskommt. Kaffee trinken an der Uferpromenade? Ein Strandspaziergang? Mal sehen, ob das Wetter hält.

Als wir am Meer ankommen, werden wir mit einem kräftigen Hagelschauer begrüßt. Nicht der erste an diesem Tag. Wir packen uns wetterfest ein und schon hört es auf und bald kämpft sich sogar die Sonne durch. Die Wellen schlagen gegen den Strand, es tost und braust. Die Lippen schmecken nach wenigen Minuten salzig. Was für ein Spektakel!

Und dann sind wir am Ziel. Nicht nur am Tagesziel, am ZIEL. In Spanien.

Die Anreise ist nun vorbei und wir wollen in der nächsten Zeit einmal mehr Spanien erkunden, das heißt: Orte oder Gegenden aufsuchen, die wir schon kennen und sehr mögen und Orte und Gegenden erkunden, die neu für uns sind. Einiges haben wir schon ins Auge gefasst, wollen uns aber auch treiben lassen und auf Unvorhergesehenes einlassen.

Darauf erstmal dos cafè con leche, zwei Milchkaffee.

Am frühen Abend steuern wir einen Stellplatz zwischen San Sebastian an der Küste und Pamplona, südlich davon im Landesinneren, im Dorf Lekunberri, an. Achim lässt die Drohne steigen und dann wird es multikulti im Bus: LaBrassBanda liefert die musikalische Umrahmung zum gestern erworbenen französischen Wein und spanischer Tortilla.

Bordeaux trinken bei Bordeaux

„Wenn es morgen wieder den ganzen Tag so schüttet wie heute, fahren wir durch. Hinter Bordeaux gibt es einen schönen Stellplatz direkt an der Gascogne“, schlägt Achim gestern Abend vor. Ich bin einverstanden. Sollte, entgegen der Wettervorhersage, es nicht ununterbrochen regnen, wollen wir uns Limoges anschauen und das Örtchen Périgueux, auf das wir neulich durchs SZ-Rätsel aufmerksam wurden.

Der Sonnenaufgang am Etang Duris bei Luant ist vielversprechend. Vielleicht haben wir heute mehr Glück als gestern. Da hat es vom Aufstehen bis zum Schlafengehen nonstop geregnet. Wir sind nur gefahren, unterbrochen von drei kurzen Stopps: Einkaufen, Ver- und Entsorgen und die Kanalbrücke bei Briare anschauen, wo ein Seitenkanal der Loire den tiefer gelegenen Fluss Loire quert.

Nach dem Frühstück lässt Achim die Drohne steigen. Wir kennen den kleinen See, an dem wir übernachtet haben, von unserer Spanienreise vor zwei Jahren. Und dann kommt tatsächlich die Sonne raus und wir geben Limoges ins Navi ein.

30 Kilometer vor unserem Zwischenziel fängt es wieder an zu regnen, aber da es nur regnet und nicht gießt, greifen wir zum Schirm und machen uns auf zu einem kleinen Spaziergang. Der dauert dann tatsächlich nicht sehr lang. Es ist kalt, vier Grad, und der Regen wird auch wieder stärker.

Hübsch die alte Brücke und die Häuser aus dem Mittelalter, stattlich die Kathedrale.

Beim Mittagessen überlegen wir lange hin und her, was wir mit dem Rest des Tages anfangen. Périgueux ist schnell aus dem Rennen. Zu nass. Stellplatz beim Winzer mit Weinverkostung oder den sehr verlockend aussehenden direkt an der Garonne? Wir entscheiden uns für den Wein und sind gespannt, was uns erwartet.

Nach 233 Kilometern und knapp drei Stunden Fahrt sind wir schlauer:

Benoît vom Château du Garde leitet das Weingut, auf dem wir heute übernachten, in vierter Generation. Wir verabreden uns mit ihm für 18 Uhr zu einer Dégustation, einer Weinprobe.

Bis zum letzten Jahr hat er 34 ha bearbeitet, erzählt er uns während der Verkostung. Das ist ihm zuviel geworden und so hat er sich bis auf 8 ha von seinen Weinbergen getrennt. Aus seinen Trauben stellt er Rot- und Weißwein her sowie den Clairet, eine Art Rosé, die es nur in der Gegend von Bordeaux gibt.

Nun will er sich mehr auf Tourismus konzentrieren. Camper sind jetzt schon willkommen, im Laufe des Jahres möchte er ein Sanitärgebäude einrichten und Radtouren nach Bordeaux anbieten. Das wird sicherlich funktionieren, denn es ist schön hier zwischen den Weinbergen, Benoît ist ein sehr kommunikativer Mensch und der Wein ist sehr lecker. Santé!

Kraniche in der Champagne

Als ich um kurz nach sieben die Bustür öffne, geht gerade die Sonne auf. Ich höre sie sofort: „Gru, Gru!“, tröten die Kraniche, die wie auf einer Perlenkette aufgereiht über mich hinwegfliegen. Wegen ihnen sind wir hergekommen. Im Herbst und im Frühjahr rasten Abertausende von Kranichen hier am Lac du Der-Chantecoque auf ihrem Zug von Süd nach Nord und andersrum. Im November 2019 wurden über 260.000 Kraniche gezählt, neuer Allzeit-Rekord für alle Rastplätze auf der westlichen Zugroute. Genau heute vor einem Jahr (Achims Kamera weiß das) sind wir per Zufall in der Mittagspause hier gelandet und haben dabei von Vogelguckern erstmals davon gehört.

Eigentlich wollte ich gleich nach dem Aufstehen eine Runde Laufen, aber jetzt muss ich erstmal zurück in den Bus und die Kamera holen. Voilà.

Jetzt aber los. Achim hatte mir gestern Abend schon einen Tipp für eine schöne Runde gegeben und was soll ich sagen? Recht hat er gehabt! Ich laufe vom Bus aus ein paar Minuten und erreiche einen Damm, dem ich bis ans andere Ende folge. Das Plätschern des Wassers und das Tröten der Kraniche begleiten mich.

Es hat zwar nur sechs Grad, aber mit Mütze und Handschuh ist das kein Problem.

Gegen Mittag machen wir uns mit den Fahrrädern auf, den See zu umrunden. Mit knapp 48 km² ist der Lac du Der-Chantecoq der größte Stausee in Frankreich. Mit dem Bau des Stausees wurde 1966 begonnen, acht Jahre später konnte er eingeweiht werden. Er dient als Rückhaltebecken, um das Marne-Tal und im weiteren Verlauf vor allem die Stadt Paris vor Hochwasser zu schützen und in trockenen Hochsommern immer für ausreichenden Wasserstand der Seine in Paris zu sorgen.

Es gibt einen sehr gut ausgeschilderten Radweg, der auf 40 Kilometern einmal rundum führt. Meistens können wir auf dem Damm fahren mit toller Aussicht aufs Wasser und die Wasservögel. Reiher, Haubentaucher, verschiedene Enten und Gänse, alles da. Nur mein geliebter Eisvogel lässt sich nicht blicken. Über uns kreisen immer mal wieder Falken, ab und zu ziehen auch ein paar Kraniche über uns weg. Ob sie wohl schon aus Spanien kommen?

Ein Hinweisschild am Wegesrand zeigt uns, dass der nächste von uns wieder angepeilte Kranich-Hotspot in Spanien, die Laguna de Gallocanta, noch 1308 Kilometer weg ist. In ein paar Tagen sind wir dort.

In der zweiten Hälfte der Tour führt die Route öfters durch den Wald. Der Name Lac du Der kommt vom keltischen Wort für „Eiche“, der wichtigste Baum für den Hausbau und die typischen Fachwerk-Kirchen der Region. 

Chantecoq war eines der drei überfluteten ehemaligen Dörfer, die im heutigen Seegebiet lagen.

Während wir heimradeln, male ich mir aus, dass wir uns so gegen viertel vor sechs mit zwei Gin Tonic, ein paar Nüsschen und einer warmen Decke auf den Damm setzen und den Kranichen beim allabendlichen Flug in ihr Nachtquartier zuschauen. Pünktlich um halb sechs fängt es an zu regnen. Jetzt giesst es. Keine Kraniche heute Abend. Aber ein Gin Tonic geht trotzdem, oder?

Den Hochöfen aufs Dach gestiegen: Völklinger Hütte

Treppauf, Treppab, vorbei an rostigem Stahl, einem fesselnden Gewirr aus Rohrsystemen, Gebäuden und Kaminen, hinauf in die schwindelerregende Höhe der Hochöfen. Über zwei Stunden streifen wir durch die Völklinger Hütte bei Saarbrücken, die meiste Zeit sind wir alleine unterwegs und entdecken ein Industriedenkmal, ein Weltkulturerbe, von dem ich bis vor kurzem nur den Namen kannte.

Von 1873 bis 1986 arbeiteten Tausende von Menschen in diesem zeitweise bedeutendsten Eisen- und Stahlwerk Europas – in beiden Weltkriegen Tausende von Zwangsarbeitern.

Seit der Stilllegung der Hochofenanlage sowie der Gasgebläsehalle 1986 stehen diese unter Denkmalschutz und wurden 1994 zum Weltkulturerbe erklärt.

Die UNESCO begründete ihre Entscheidung so: „Die Völklinger Hütte ist ein einzigartiges Zeugnis der Industriekultur und der Technikgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.“  Sie ist das weltweit einzige Eisenwerk dieser Epoche, das vollständig erhalten ist und zugleich Schauplatz internationaler Ausstellungen, Festivals und Konzerte.

Weitere zwei Stunden verbringen wir mit gefühlt hundert Ausschnitten aus der Geschichte des deutschen Films von 1895 bis heute, von Marlene Dietrich bis Franka Potente, von Emil Jannings bis Daniel Brühl. Dann schwirrt mir der Kopf, Achim kriegt sich nicht mehr ein vor Begeisterung und unsere Liste der unbedingt noch anzuschauenden Filme ist um ein Vielfaches länger geworden.

Zur Erholung machen wir am Nachmittag einen Spaziergang auf eine Halde. Auf ihrem Plateau steht das Saar-Polygon, das ich gestern per Zufall im Internet entdeckt habe. Es soll die Vergangenheit, den Wandel und die Zukunft der Region symbolisieren.

Unseren heutigen Übernachtungsplatz am Lac du Der Chantecoque in Frankreich erreichen wir erst im Dunkeln.

Heute Morgen bin ich sehr früh aufgewacht. Reisefieber hat mich gepackt. Zwei Monate werden wir nun mit unserem Camper unterwegs sein und ich frage mich: Welche Menschen werden wir kennenlernen? Welche Tiere beobachten können? Welche Orte entdecken wir? Was werden wir alles erleben? Welche Abenteuer erwarten uns? Da kann die Temperatur schon mal ansteigen. Der erste Tag war auf jeden Fall schon mal ein fulminanter Auftakt.

Gleich noch ein Museum: Folkwang in Essen

Wie kommen wir vom Kröller-Müller-Museum im holländischen Otterlo am besten nach Göttingen zur Schwiegermama? Über den Kohlenpott (an meiner Ausdrucksweise lässt sich mein Alter ablesen 😊). In Duisburg waren wir während Corona, gefiel uns sehr gut. In Essen, Zeche Zollverein, klasse! Aber halt, das Folkwangmuseum in Essen! Oft gehört, nie dagewesen. Das ändern wir heute.

Mir als gebürtiger Niederrheinerin wird ein interessanter Fakt in Erinnerung gerufen: Bei Nijmegen in den Niederlanden heißt der Rhein nicht mehr Rhein, sondern Waal – den wir auf dem Weg zurück nach Deutschland überqueren.

Wie das Kröller-Müller-Museum ist das Folkwang einer einzelnen Sammlerpersönlichkeit zu verdanken: dem ebenfalls aus reichem Elternhaus stammenden Kunstliebhaber Karl Osthaus, der 1897 mit seiner Sammeltätigkeit begann.

Die linke Eva stammt von Rodin

Die erste interessante Entdeckung, die wir im Museum machen, ist Eva von Auguste Rodin. Mit meiner Namensschwester muss ich gleich mal ein bisschen posen.

Nicht das doppelte Lottchen sondern die doppelte Femme accroupie von Auguste Rodin

Die nächste Überraschung ist auch Rodin zu verdanken: gestern saß seine Femme accroupie, seine hockende Frau, noch im Gras vorm Kröller-Müller-Museum. Heute ist sie – oder ihr Double – hier in Essen.

Es gefällt mir, dass es im Museum eine eigene Stelle fürs Erforschen der Herkunft von Raubkunst gibt und dies bei fraglichen Werken dokumentiert ist und ausgehängt wird.

Paul Gauguin: Jeune fille à l’eventail

Auch dieser Vermerk unter Gauguins Bild gefällt mir: „Über das Leben der Frau, deren Namen die Literatur als Tohotaua überliefert, ist noch zu wenig bekannt… Gauguin nutzte eine Fotografie als Vorlage für dieses Gemälde. Das fotografische Porträt war bereits gestellt, in seiner Malerei veränderte Gauguin das Abbild von Tohotaua aber noch weiter… Jeune fille à l’eventail ist deshalb weniger ein Porträt von Tohotaua als mehr ein Abbild des weißen männlichen Blicks auf einen namenlos gemachten polynesischen Frauenkörper.“

Ein paar Säle weiter dann die nächste Überraschung. Diese Figur heißt Goldene Sirene und ist von Kiki Smith. Moment, den Namen habe ich doch neulich erst gelesen. Dem Internet sei abermals dank. Schnell finde ich heraus, dass ich mich nicht getäuscht habe. In Freising, unweit von meinem Wohnort, wurde vor kurzem im Diözesanmuseum eine neue Kapelle eingeweiht. Geschaffen wurde sie – von Kiki Smith. Da müssen wir dann auch bald hin.

Viele bekannte und uns weniger bekannte Kunstwerke später stoßen wir auf eins, das Achim Anregung für eigene künstlerische Tätigkeit bietet.

Philipp Goldbach schuf diese Wand-Installation aus 120.000 gestapelten Diarähmchen des ehemaligen Bildarchivs der Ruhr-Universität Bochum. Das Wandfries ist in seiner Abfolge nach AutorInnen und topographischen Orten strukturiert und sein Erscheinungsbild mehr als nur Zufall. Ich weiß nicht, ob bei uns daheim 120.000 Dias lagern, aber ein paar Tausend sind es bestimmt, die in einem solchen Kunstobjekt eine optimale Zweitverwertung fänden.

Wir lassen nicht nur unseren Museumsbesuch sondern auch diese Reise im Café Edda ausklingen. Morgen geht es nochmal für einen kurzen Besuch zur inzwischen erholten Schwiegermama und am Mittwoch fahren wir wieder nach Hause.

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Eine bedeutende Sammlerin: Helene Kröller-Müller

Als Tochter aus betuchtem Hause hätte sie ihr Geld für modischen Schnickschnack, für Schmuck oder Reisen ausgeben können. Nichts dergleichen interessierte die Deutsch-Holländerin Helene Kröller-Müller. Ihr Augenmerk galt einzig und allein der Kunst.

Foto aus Wikipedia

Ihr Museum in Otterlo liegt 150 Kilometer südwestlich von uns. Auf dem Weg dorthin fahren wir wieder einmal über ein gewaltiges Straßenbauwerk, den 26 Kilometer langen Houtribdeich, der das Ijsselmeer und das Markermeer voneinander trennt.

Das Kröller-Müller-Museum ist gut besucht, vor allem die Van Gogh-Sammlung zieht viele Besucherinnen und Besucher an. Es ist die zweitgrößte Van Gogh-Sammlung der Welt mit 90 Gemälden und rund 180 Zeichnungen. Der junge Maler und die Kunstsammlerin lebten in der gleichen Epoche und van Gogh war für Helene der bedeutendste Vertreter der modernen Kunst.

Doch auch Exponate anderer moderner Meister wie Seurat, Monet, Picasso und Mondrian sind Teil ihrer Sammlung. Sie kaufte vor allem Kunstwerke, die während ihres eigenen Lebens entstanden und damals noch nicht die allgemeine Anerkennung fanden oder aber von der Kunstkritik negativ beurteilt wurden. 

Zwischen 1907 und 1939, ihrem Todesjahr, erwarb Helene Kröller-Müller 11 500 Kunstobjekte. Immer war es ihr Wunsch, die Werke in einem Museum zeigen zu können. Sie vermachte dem niederländischen Staat mit dieser Auflage ihre Sammlung. Neuerwerbungen halten sie lebendig.

Faszinierend sind auch die Außenanlagen des Museums. Auf 25 Hektar, mitten im Naturpark Veluwe gelegen, finden wir einen der größten Skulpturenparks Europas.

Verteilt über den Garten sind über 160 Skulpturen aufgestellt. Von Marta Pan und Tom Claassen…

… bis zu Auguste Rodin und vielen anderen.

„Ihr müsst viel Zeit mitbringen“, schrieb uns eine Freundin, die kürzlich hier war. Ach, hätten wir nur noch viel mehr gehabt!

Stadt und Strand

Heute wollen wir an die Nordsee. Uns den Wind um die Ohren pfeifen lassen. Leider heute auch den Regen.

Auf dem Weg liegt Alkmaar, berühmt für seinen Käsemarkt. Da er heutzutage vor allem für die Touristen da ist, findet die Show nur noch in den Sommermonaten statt. Ob wir da viel verpassen? Im Internet habe ich heute Morgen gelesen, dass der Platz abgesperrt wird, die Zuschauer in Fünferreihen stehen und man von hinten entsprechend wenig sieht.

Die Waage, auf der die großen Käselaibe ausgewogen werden, kann man auf dem Platz auch in der kühlen Jahreszeit besichtigen. Seit 1365 wird hier in Alkmaar Käse gewogen.

Am Markttag geht das Treiben bereits um 7 Uhr morgens los.  Unter den wachsamen Augen des Marktmeisters platzieren sogenannte Setter rund 30.000 Kilo Gouda-Käse in langen Reihen auf dem Platz. Pünktlich um 10 Uhr ertönt die Glocke. Dies ist das Zeichen dafür, dass der Käsemarkt beginnt.

Vielleicht würde ich mir das Spektakel doch gern mal anschauen. Alkmaar kommt eh auf die Liste der zu wiederholenden Ausflüge. Denn auch der Bummel durch die Altstadtgassen und entlang der Grachten macht ohne Regenschirm mehr Spaß. Ein andermal. Zu einer wärmeren Jahreszeit.

Wir fahren weiter nach Egmond aan Zee auf einen Campingplatz. Frei stehen ist hier in Holland nicht erlaubt, an der sehr touristischen Küste wohl auch kaum möglich. Stellplätze für WoMos sind ebenfalls eher rar. Wir kochen Kaffee und packen uns wasserdicht ein. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn aktuell ist es trocken. Ab an den Strand.

Ein breites Dünenband begleitet hier den Strand. Just in dem Moment, in dem Achim seine Drohne rausholt, beginnt es zu regnen.

Wir laufen noch etwa eine halbe Stunde durch die Dünen und den Regen, bis wir wieder am Bus sind. Spannend: in den ortsnahen Dünenbereichen gibt es jede Menge Schrebergärten, in denen auf großen Flächen Gemüse angebaut wird. Hier und da bieten die GärtnerInnen den Spaziergängern ihre Waren in hölzernen Buden zum Verkauf an. Davon kann ich leider keine Fotos machen. Der Regen ist mittlerweile zu stark.

Im Camper wird’s jetzt eng mit den nassen Klamotten. Nachdem alles irgendwie aufgehängt ist, machen wir es uns gemütlich. Wenn man im Trockenen sitzt, klingt das Trommeln des Regens auf dem Wagendach sehr heimelig.

Bei Sonnenschein die Küste runter

Wir fahren weiter nach Süden und nehmen dabei kleine Straßen so nah an der Küste wie möglich. Richtig ans Wasser kommt man allerdings nur, wenn man einen Abstecher macht.

Entweder sehen wir von weitem etwas Interessantes: „Guck mal dahinten! Was ist das denn?“ Im Näherkommen erkennen wir zwei Figuren, die aufs Meer hinausschauen. Wachten op hoog water, Warten aufs Hochwasser heißt das Kunstwerk.

Oder es gibt einen Hinweis bei google maps wie auf diesen Waadfisker, den Fischer im Watt, der uns an den Deich lockt und zu einem Blick aufs Wattenmeer verhilft.

Das ist für diese Reise wohl auch der letzte, denn weiter südlich gibt es keine vorgelagerten Inseln und somit auch kein Wattenmeer mehr.

Aber jetzt erstmal zu Albert Hijn, einem holländischen Supermarkt. Hier findet man so typische Leckereien wie Schokoladen- und bunte Zuckerstreusel, Lakritze, Spekulatiusbruch, Pudding mit Keksbrösel u. v. a. m. Normale Sachen gibt es auch, aber wer will die schon?

Die Lage am Meer verlieh dieser Stadt eine wichtige Handelsposition. Auf diese Weise bekam Harlingen im Jahre 1234 bereits das Stadtrecht. Im Laufe der Jahrhunderte nahm der Wohlstand zu. Das kann man an den über 500 monumentalen Gebäuden, die Harlingen zählt, erkennen.

Aber auch die schlichteren Bürgerhãuser und die kleinen und großen Häfen und Kais haben ihren Reiz.

Hier bekomme ich auch eine weitere Spezialität: Kibbeling, ein niederländisches Fischgericht. Fischfilet wird in mundgerechte Häppchen geschnitten, mit Backteig überzogen und dann frittiert. Remouladensauce dazu und das ganze in ein weiches weißes Brötchen gepackt. Bestes Junkfood.

Der nächste Höhepunkt des Tages ist die Fahrt über den Afsluitdijk, den Abschlussdeich. Der 32 Kilometer lange Damm wurde in den 30er Jahren gebaut und ist eines der wichtigsten niederländischen Objekte zur Landgewinnung und zum Küstenschutz. Er machte aus der gezeitenabhängigen Zuiderzee das Binnengewässer Ijsselmeer.

In der Mitte des Dammes gibt es einen Parkplatz. Ein idealer Platz für den Nachmittagskaffee. Neben uns drehen sich rund hundert Windräder.  Sie bilden den weltweit größten Windpark in einem Binnengewässer. Hier werden 1,5 Terrawattstunden Strom erzeugt. Damit können 500 000 Haushalte versorgt werden.

Zum Schlafen haben wir einen Platz im Binnenland gefunden. Die kleine Ortschaft Oosthuizen bietet zwei Stellplätze für Camper an einem Kanal an. So stehen wir wieder am Wasser, sind glücklich, dass das Wasser von oben heute ausgefallen ist und sind gespannt auf den morgigen Tag.

Am Lauwersmeer

Gerade rechtzeitig zum Sonnenaufgang öffne ich die Bustür. Klingt früher als es ist: es ist schon zwanzig nach acht.

An drei Seiten sind wir auf unserem Stellplatz von Wasser umgeben. Da schmeckt das Frühstück doppelt so gut.

Wir fahren heute nicht weiter sondern drehen mit dem Rad eine 50-Kilometer-Runde ums Lauwersmeer, eine ehemalige Meeresbucht, die 1969 durch einen Deich von der Nordsee getrennt wurde. Mit dem Deichschluss konnte das Wasser der namensgebenden Lauwers nicht mehr direkt in die Nordsee fließen. Dadurch wurde das Wasser brackig und die Natur veränderte sich, eine neue Flora und Fauna entstand. Um dieses Gebiet zu schützen, wurde 2003 der Nationalpark Lauwersmeer eingerichtet.

Natürlich gibt es hier viele Vögel. Entsprechend viele Vogelkijkhuter, Vogelbeobachtungshütten, wurden rund um das Binnenmeer errichtet. Ob es wohl mal einen Designwettbewerb dafür gegeben hat? Wahrscheinlich, denn jede Station sieht anders aus.

Sollte es einen Wettbewerb geben, wer an einem halben Tag die meisten Vogelkijkhuter besucht, haben wir den heute gewonnen. Wir waren auf ALLEN. Und haben Falken und Bussarde und Gänse gesehen. Die gibt es tausendfach, weil sie hier überwintern. Die Luft ist voll mit ihrem Geschnatter.

Vogelgucker sind übrigens freundliche und kommunikative Menschen. Wenn man sich in einem solchen Beobachtungsstand trifft, grüßt man sich natürlich erstmal freundlich. Dann fragen die Neuankömmlinge, was es denn zu sehen gibt. Die Antwort erfolgt in diesem Fall auf Holländisch. Da die deutschen Besucher dessen nicht mächtig sind, wird die Übersetzungsapp gezückt und nach dem deutschen Wort gesucht. Slechtvalk  so heißt der Wanderfalke, Bergeend die Brandgans. Die fremdklingenden Worte werden wie eine Praline vorsichtig probiert und langsam im Mund gewendet. Dann lässt man die anderen am optischen Equipment teilhaben. Das Spektiv ist schon auf den Falken eingestellt. „Komm, guck mal hier durch!“

Teile des Naturschutzgebietes sind als Sternenpark, als dark sky park, deklariert. Hier ist es besonders dunkel und deshalb kann man besonders gut Sterne gucken (wenn das Wetter mitspielt). Auch für die Sternegucker wurden Beobachtungshütten gebaut und mit hölzernen Kopfstützen versehen, damit man es sich nachts gemütlich machen kann.

Wir sind im Uhrzeigersinn ums Lauwersmeer gefahren und erreichen den Damm, der uns von der Nordsee trennt, am Ende unserer Tour. Auf der ganzen Strecke sind wir immer wieder an Schleusen vorbei gekommen, kleinen, größeren, alten, neuen. Hier an der empfindlichsten Stelle sind die Schleusentore hochhausgroß. Bei Sturmflut werden die Schotten dicht gemacht. Das dem Meer abgetrotzte Land will man sich nicht wieder abnehmen lassen.

Zum Abendessen gibt es heute Blumenkohl und es ist mal wieder ein traumhafter Kochplatz, an dem ich ihn zubereiten darf.