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Kein Glück mit den Glücksvögeln

Gut, dass die Sonne mittlerweile erst um zwanzig vor Acht aufgeht. So schaffe ich es gerade rechtzeitig, am See zu sein.

Es ist herbstlich frisch mit elf Grad, doch im Laufe des Tages erwarten wir an die 30. Warten tu ich auch auf die Kraniche, die sich aber in diesem Teil des Sees heute Morgen leider nicht zeigen.

Auch mein Versuch, ein Baguette zu kaufen, scheitert, weil ich es gestern hätte vorbestellen müssen. Zum Glück haben wir im Supermarkt ein leckeres Vollkornbrot ergattert und ein Stück vom Kempener Rosinenbrot ist auch noch übrig. Den Vormittag verbringen wir in der Sonne vorm Bus und genießen, wie es langsam wärmer wird.

Es ist schon halb Zwei, als wir uns auf die Räder setzen, um den See einmal zu umrunden. Das haben wir vor zwei Jahren auch schon mal gemacht und wer mag, kann das hier nachlesen.

Heute ist unser erster Stopp nach sechs Kilometern. Hier steht eine der berühmten Fachwerkkirchen, von denen es zehn in dieser Region gibt. Dieses architektonische Ensemble ist in dieser Dichte einzigartig in Frankreich. Die Gebäude entstanden zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert vor allem deshalb aus Holz und Lehm, weil es in der feuchten Champagne an Natursteinen mangelte.

Die Kirche Saint-Jean-Baptiste von Nuisement-aux-Bois hat eine faszinierende Geschichte: Sie wurde komplett vor dem Untergang gerettet. Die ursprünglich zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert erbaute Kirche stand im Dorf Nuisement-aux-Bois. Als in den 1960er und 1970er Jahren der Stausee Lac du Der angelegt wurde, sollte dieses Dorf in den Fluten versinken. Um dieses Meisterwerk der Fachwerkarchitektur zu bewahren, wurde das Gebäude 1969 Stück für Stück abgebaut und 1971 an seinem heutigen Standort in Sainte-Marie-du-Lac-Nuisement originalgetreu wieder aufgebaut.

Nun steht sie im Zentrum eines Museumsdorfes mit Rathaus, Schule und Dorfkrug.

Kaum sind wir wieder am See und gerade mal  einen Kilometer gefahren, zieht Achim die Bremsen und greift nach dem Fernglas: Acht Kraniche. Für den Anfang (und die Uhrzeit) sehr schön. Zum Fotografieren sind sie aber zu weit entfernt.

Nach einem weiteren Kilometer bin ich es, die bremst. Wer kann denn Kaffee und frischen Waffeln widerstehen?

Wir schaffen es, 13 Kilometer ohne einen weiteren Halt zu fahren. Doch dann müssen wir die Räder wieder abstellen und zur Vogelbeobachtungshütte gehen. Tagsüber sind die Kraniche zum Fressen auf Feldern in der Gegend („Die können bis zu 30 Kilometer weit weg sein“, weiß mein Mann), deshalb sind jetzt keine zu sehen. Aber Reiher, Gänse und Schwäne zeigen sich uns.

Gegen Fünf sind wir wieder zuhause. Der Apéritif ist kalt gestellt. Danach müssen wir nochmal los und abermals unser Glück mit den Glücksvögeln versuchen. Laut Internet ist sechs Kilometer von uns entfernt ein guter Beobachtungspunkt für den abendlichen Einflug in die Schlafplätze.

Wir setzen uns auf eine Bank am Wasser. Möwen schreien, Enten und Gänse schnattern, nur das erhoffte Grugru der Glücksvögel ist nicht zu hören. Jetzt, um den Sonnenuntergang herum, wäre die richtige Zeit für sie, sich hier in der Weite des flachen Sees ihren Schlafplatz zu suchen. Wo sind denn bloß die 20 000, die kürzlich hier gezählt wurden? Wenigstens scheint der Vollmond. Seine goldene Farbe, die uns so fasziniert, kann meine Kamera leider nicht einfangen.

Die Hauptsaison des Kranichzuges hat gerade erst begonnen; im Oktober und November werden traditionell Zehntausende bis über 100.000 Vögel am See erwartet. Vielleicht sollten wir auf der Rückfahrt noch einmal hier vorbeischauen.

Jetzt trinken wir unser Bier aus und fahren heim. Grüne Bohnen, Kartoffelbrei und Rührei warten auf uns.

Bienvenue en France!

Wer an ein Kriegsmuseum denkt, hat oft endlose Reihen von Waffen und verstaubten Uniformen im Kopf. Das Bastogne War Museum, vor dem wir heute Nacht geschlafen haben, macht es anders. Schon beim Betreten spürt man, dass hier nicht nur Daten und Fakten heruntergebetet werden, sondern Geschichten von Menschen im Mittelpunkt stehen.

Der moderne Audio-Guide führt uns durch die dramatischen Monate des Winters 1944. Das Besondere: Die Erzählung stützt sich auf vier virtuelle Charaktere – darunter ein amerikanischer und ein deutscher Soldat sowie eine einheimische Lehrerin und ein Junge aus Bastogne. So erlebt man den Krieg aus verschiedenen Blickwinkeln, ohne Schwarz-Weiß-Malerei, was die Sinnlosigkeit des Krieges auf eindringliche Weise unterstreicht.

In immersiven Szenen steht man in einem Luftschutzbunker, während über einem die Bomben zu dröhnen scheinen. Die Angst und Enge der Zivilbevölkerung wird hier greifbar.

In einer anderen Station sitzt man akustisch mitten im verschneiten Ardennenwald bei den frierenden GIs.

Bastogne erlangte im Zweiten Weltkrieg weltweite Berühmtheit: Im Dezember 1944 war die Stadt während der Ardennenoffensive Schauplatz einer Belagerung, bei der amerikanische Truppen trotz Einkreisung standhielten.

Vier Kilometer entfernt ist der Bois Jacques, der Wald, in dem sich amerikanische Fallschirmjäger während der Belagerung von Bastogne verschanzten. Um sich vor dem ununterbrochenen deutschen Artilleriebeschuss und den eisigen Temperaturen von bis zu -28 °C zu schützen, gruben die Soldaten kleine Erdlöcher, die auch heute noch zu sehen sind. Trotz mangelnder Winterbekleidung, Munition und Nahrung hielten sie die Stellung und blockierten den deutschen Vormarsch.

Passend zum Thema des Vormittags gibt es Mittagessen mit Blick auf die Zitadelle in Montmédy, Frankreich. Auch hier fand seit ihrer Erbauung im 13. Jahrhundert ein sinnloses Hauen und Stechen um Macht und Geld statt.

Das Motiv lässt uns nicht los. Während wir weiter nach Süden fahren, entdecken wir ein braunes Schild, auf dem steht: Verdun Memorial.

Die Schlacht um Verdun war eine der blutigsten und längsten Schlachten des Ersten Weltkriegs, die im Jahr 1916 rund 300 Tage lang zwischen Deutschland und Frankreich ausgetragen wurde und ohne einen Sieger endete. Die Frontlinie lag am Ende fast genau da, wo sie vorher auch war.  Beide Seiten hatten fast gleich viele Verluste erlitten: Rund 300.000 Menschen starben, weitere 400.000 wurden verletzt. Bis heute steht Verdun als Mahnmal für den sinnlosen Schrecken des Krieges.

Das Beinhaus von Douaumont beherbergt im Innern die nicht identifizierten sterblichen Überreste von 130 000 Menschen, die nach dem Krieg auf dem Schlachtfeld geborgen wurden. Vor dem Beinhaus befindet sich ein Friedhof mit 16.142 Gräbern französischer Soldaten. 

Gegen Sieben erreichen wir unser Tagesziel, den Lac du Der-Chantecoq. Hier sind wir mittlerweile zum dritten Mal. Der See ist bekannt als Rastplatz für die Kraniche auf ihrem Weg von Nord nach Süd.

Aktuellen Zählungen zufolge halten sich hier gerade rund 20.000 Kraniche auf. Der herbstliche Durchzug und die Rast am größten französischen Stausee haben damit begonnen und die Zahlen werden in den kommenden Wochen voraussichtlich noch stark ansteigen.

Wir haben uns für einen Campingplatz entschieden, weil das Wetter in den nächsten Tagen so schön werden soll und wir das gern mit Tisch und Stühlen draußen vorm Bus genießen wollen. Auch jetzt hat es noch 20 Grad, so dass das Abendessen im Freien serviert wird.

Kraniche in der Champagne

Als ich um kurz nach sieben die Bustür öffne, geht gerade die Sonne auf. Ich höre sie sofort: „Gru, Gru!“, tröten die Kraniche, die wie auf einer Perlenkette aufgereiht über mich hinwegfliegen. Wegen ihnen sind wir hergekommen. Im Herbst und im Frühjahr rasten Abertausende von Kranichen hier am Lac du Der-Chantecoque auf ihrem Zug von Süd nach Nord und andersrum. Im November 2019 wurden über 260.000 Kraniche gezählt, neuer Allzeit-Rekord für alle Rastplätze auf der westlichen Zugroute. Genau heute vor einem Jahr (Achims Kamera weiß das) sind wir per Zufall in der Mittagspause hier gelandet und haben dabei von Vogelguckern erstmals davon gehört.

Eigentlich wollte ich gleich nach dem Aufstehen eine Runde Laufen, aber jetzt muss ich erstmal zurück in den Bus und die Kamera holen. Voilà.

Jetzt aber los. Achim hatte mir gestern Abend schon einen Tipp für eine schöne Runde gegeben und was soll ich sagen? Recht hat er gehabt! Ich laufe vom Bus aus ein paar Minuten und erreiche einen Damm, dem ich bis ans andere Ende folge. Das Plätschern des Wassers und das Tröten der Kraniche begleiten mich.

Es hat zwar nur sechs Grad, aber mit Mütze und Handschuh ist das kein Problem.

Gegen Mittag machen wir uns mit den Fahrrädern auf, den See zu umrunden. Mit knapp 48 km² ist der Lac du Der-Chantecoq der größte Stausee in Frankreich. Mit dem Bau des Stausees wurde 1966 begonnen, acht Jahre später konnte er eingeweiht werden. Er dient als Rückhaltebecken, um das Marne-Tal und im weiteren Verlauf vor allem die Stadt Paris vor Hochwasser zu schützen und in trockenen Hochsommern immer für ausreichenden Wasserstand der Seine in Paris zu sorgen.

Es gibt einen sehr gut ausgeschilderten Radweg, der auf 40 Kilometern einmal rundum führt. Meistens können wir auf dem Damm fahren mit toller Aussicht aufs Wasser und die Wasservögel. Reiher, Haubentaucher, verschiedene Enten und Gänse, alles da. Nur mein geliebter Eisvogel lässt sich nicht blicken. Über uns kreisen immer mal wieder Falken, ab und zu ziehen auch ein paar Kraniche über uns weg. Ob sie wohl schon aus Spanien kommen?

Ein Hinweisschild am Wegesrand zeigt uns, dass der nächste von uns wieder angepeilte Kranich-Hotspot in Spanien, die Laguna de Gallocanta, noch 1308 Kilometer weg ist. In ein paar Tagen sind wir dort.

In der zweiten Hälfte der Tour führt die Route öfters durch den Wald. Der Name Lac du Der kommt vom keltischen Wort für „Eiche“, der wichtigste Baum für den Hausbau und die typischen Fachwerk-Kirchen der Region. 

Chantecoq war eines der drei überfluteten ehemaligen Dörfer, die im heutigen Seegebiet lagen.

Während wir heimradeln, male ich mir aus, dass wir uns so gegen viertel vor sechs mit zwei Gin Tonic, ein paar Nüsschen und einer warmen Decke auf den Damm setzen und den Kranichen beim allabendlichen Flug in ihr Nachtquartier zuschauen. Pünktlich um halb sechs fängt es an zu regnen. Jetzt giesst es. Keine Kraniche heute Abend. Aber ein Gin Tonic geht trotzdem, oder?