Schon in der Nacht sind die Temperaturen nicht mehr unter 13 Grad gefallen. Als wir um halb acht (halb neun MEZ) aufstehen, haben wir schon 15 Grad. Da kann ich endlich mal ein Sommerkleidchen rauskramen. Das erste Mal auf dieser Reise.
Mit den Rädern fahren wir ins benachbarte Tavira, ein kleines Städtchen, das für Fischfang und Salzgewinnung wichtig war. Es erstreckt sich zu beiden Seiten des Flusses Gilão.
Durch schmale Gassen strampeln wir hoch zu den Überresten einer alten maurischen Festung, in der die heutigen Stadtgärtner einen hübschen kleinen Park angelegt haben: Bougainvilleen, Tamarisken, Mimosen und Beete mit Frühlingsblühern. Ein Straßenmusikant spielt auf dem Akkordeon, pure Romantik.
Die meisten Häuser sind weiß gestrichen, manche Fassaden sind mit den für Portugal typischen Kacheln, den Azulejos, gefliest. Sie sollen vor Hitze schützen.
Wir müssen uns bei inzwischen 20 Grad zwar nicht vor Hitze schützen, uns aber dringend mal unter die Straßencafégenießer mischen. Viño verde, kleine Kabeljauravioli und dann die berühmten Pasteis de nata. Da weiß man doch gleich, wo man ist.
Mit dem Rad sind es etwa zwanzig Minuten bis zum Strand. Um es den Touristen leichter zu machen, die vorgelagerten Inseln zu erreichen, gibt es eine Schmalspurbahn, mit der man das Marschland überqueren kann. Gemütlich tuckert sie zehn Minuten dahin, schon sind wir am Wasser. Die Räder haben wir am „Bahnhof“ gelassen.
Noch zehn Minuten laufen, dann sind wir am einzigen offiziellen FKK-Strand der Algarve. Sagte ich es schon? Es ist Sommer!
Na ja, ein bisschen übertreibe ich ehrlich gesagt schon. Denn es ist noch nicht so viel Sommer, dass es zum Schwimmen reicht. Macht aber nix. Wir fühlen uns auch so pudelwohl.
Etwas wehmütig nehmen wir Abschied von Óscar, halten bald wieder an, um Dünen, Klippen, einen alten Baum und eine noch ältere Stadt anzuschauen und landen schließlich in Santo Estevao, einem kleinen Dorf, etwa 40 Kilometer hinter der portugiesischen Grenze. Aber der Reihe nach.
Unser Ruhetag in Óscars kleinem Idyll in Matalascañas am Atlantik wird von seiner Einladung unterbrochen, ihn bei seinem Strandspaziergang zu begleiten. Den macht er jeden Tag auf der Suche nach Strandgut: „See, this is my supermarket“, grinst er und schiebt einen gut erhaltenen Pinsel in seine Hosentasche. Im Laufe der nächsten Stunde kommen Hölzer und Wurzeln in bizarren Formen und vor allem Korallen in weiß, rosa, gelb und braun hinzu. Die finden wir in Büscheln von Gestrüpp, die auf dem Sand liegen. Man kann sie ganz einfach daraus lösen.
Ich habe ein schönes Foto von Óscar als Strandschrat gemacht – leider ist es auf seinem, nicht auf meinem Handy. Achim trägt die gefundenen Korallen in Óscars Strohhut heim. Dort zeigt er uns die kleinen Kunstwerke, die er aus den Fundstücken fertigt, zum Beispiel ein Holz, in das er mehr als 50 Tiere geschnitzt und gemalt hat und Korallen, die er auf bunt bemalten Steinen befestigt hat.
Wir tauschen noch Apfelkuchen gegen Orangen aus seinem Garten (die besten!), am Morgen dann kisses, hugs and be happy und los geht’s.
Schon nach wenigen Kilometern halten wir wieder an und laufen auf einem elegant geschwungenen Holzsteg in die Dünen hinein. Es ist ganz neblig heute Morgen und der Duft von Ginster liegt in der Luft.
Weiter geht es, bis wir beim Örtchen Mazagon auf ein Hinweisschild zu einer 400 Jahre alten Pinie stoßen. Ach, vorbeigefahren. Es ist nicht viel Verkehr und drüben bei der Bushaltestelle kann man gut wenden. Wir suchen ein bisschen, laufen zum Strand runter, durch eine kleine Schlucht, vorbei an Sandsteinklippen, wieder zurück zum Parkplatz.
Nochmal genauer bei google maps gucken, dann entdecken wir den Baum auf der anderen Seite der Straße. Ein wahrer Methusalem. Den muss ich auch noch drücken.
Gegen Mittag erreichen wir Huelva und erhalten eine Lektion mit der Überschrift „Du darfst dem Internet nicht alles glauben“. So steht es dort geschrieben: „Huelva, eine wunderschöne Küstenstadt im Südwesten Spaniens, gehört zu den reizvollsten Reisezielen Andalusiens. Die aufsehenerregende Gemeinde, die vor 3.000 Jahren gegründet wurde, gilt als Standort pittoresker Kirchen und Plätze, die einen Einblick in die Geschichte dieser bedeutenden Handelsstadt gestatten.“ Liegt auf dem Weg, gucken wir uns natürlich an.
Hm, ja, ganz nett hier, aber auch viele Neubauten mitten in der Altstadt und der angeblich allerschönste Platz, die Plaza de la Palmeria, ist nur von neuen Häusern umgeben. Müssen wir nicht verstehen. Achim glaubt ja, dass den Text im Internet die Pressesprecherin geschrieben hat. Ha! Verleumdung!
Wir trinken einen Kaffee, suchen uns noch eine billige spanische Tankstelle und sind eine halbe Stunde später an der portugiesischen Grenze.
Unser Ziel ist Tavira, eine Kleinstadt, die nicht direkt am Meer liegt, was aber mit dem Rad gut erreichbar ist. Wir fahren zum Stellplatz: voll. Zum Campingplatz: geschlossen. Also fahren wir noch ein paar Kilometer weiter ins Land und landen auf Rouis‘ privatem Stellplatz, zwischen Obst- und Olivenbäumen. Ist schön hier. Willkommen in Portugal! Die Algarve liegt vor uns.
Wir haben gestern Abend unsere kleine Robinsonade am Strand von Matalascañas gefunden. Óscar hat hier ein kleines Grundstück am Strand, auf dem wir für zehn Euro am Tag stehen dürfen.
Gegen Mittag gehen wir an den Strand. Wenn wir wollten, könnten wir 30 Kilometer rüber nach Osten, bis zur Mündung des Guadalquivir, laufen.
Dieser immense Strand wird vom Atlantik auf der einen und Dünen, die Teil des Nationalparks sind, auf der anderen Seite eingerahmt. Sie bilden den größten Dünenkomplex Europas mit aufeinanderfolgenden Dünenzügen, die parallel zur Küstenlinie verlaufen.
Damit ist unser Bild vom Nationalpark Doñana und der Vielfalt seiner Ökosysteme nun komplett.
Wir laufen noch ein ordentliches Stück am Strand entlang, barfuß, die Füße im Wasser.
Dann kehren wir um, der am Vormittag gebackene Apfelkuchen wartet auf uns. Und mein Krimi. Und einfach Nichtstun, nur aufs Meer gucken.
Gegen Sonnenuntergang kommt Óscar auf einen Plausch vorbei, massiert uns ein bisschen und zeigt Achim noch eine spezielle Übung, die gut ist für den Schulter und Nackenbereich.
Morgen bleiben wir auch noch hier. Einfach so. Genießen.
Um halb sieben klingelt der Wecker. Aufstehen, Kaffeewasser aufsetzen, waschen, anziehen, frühstücken. Es ist leise im Bus, denn das ist, seitdem wir nicht mehr arbeiten, nicht gerade unsere bevorzugte Aufstehzeit. Um halb acht nehmen wir die Räder und fahren zum verabredeten Treffpunkt in El Rocío. Es wird gerade hell.
Wir haben eine Bustour in den Nationalpark gebucht. Denn das ist die einzige Möglichkeit, hinein zu kommen. Leider gibt es heute nur eine in Spanisch. Sergio, unser Führer, erzählt im Verlauf der kommenden vier Stunden sehr viel über den Park und über Flora und Fauna. Nur, wir verstehen so gut wie gar nichts. So ein Jammer.
Trotzdem bekommen wir einen Eindruck vom Reichtum des Parks und der Vielfalt seiner Fauna und Flora.
Wir sehen Hirschkühe,
den schwarzen Milan, mit einem Fisch in den Fängen,
ein Rothuhn, das wir bisher noch gar nicht kannten,
und sogar Kraniche.
Einmal mehr trauern wir vor einer ausgetrockneten Lagune.
Sie wird immerhin von vielen, vielen Störchen und dem Osterhasen besucht.
Der Doñana-Nationalpark ist nicht nur Spaniens wichtigstes Feuchtgebiet, sondern dient Millionen von Zugvögeln als Heimat, Winterdomizil und Rastplatz auf ihren Wanderungen zwischen Europa und Afrika.
Ob man, wie dies bei Wikipedia bereits geschieht, davon in der Vergangenheit schreiben muss? Jedenfalls wird hier überdeutlich, wie empfindlich solche Ökosysteme sein können und wie rasch sie zerstört werden können.
Wir sind nur noch knapp 20 Kilometer vom Atlantik entfernt. Bis dort geht der Nationalpark und hier zeigt er sich von einer völlig anderen Seite – die wir morgen erkunden wollen.
Wir haben ein wunderbares Plätzchen in Matalascañas gefunden. Näher am Wasser geht nicht.
Auf dem Campingplatz in El Rocío ist noch alles normal. Ich bin fast ein wenig enttäuscht, hatte ich doch erwartet, dass es hier, am Rande des Nationalparks Doñana, etwas ursprünglicher sei. Außergewöhnlich ist allenfalls, dass es nur hubbelige Sandwege gibt, die vom letzten Regenguss teilweise ein bisschen matschig sind.
Wir ziehen uns feste Schuhe an und machen uns auf in den Ort. Aber was ist denn das für ein Ort?
Weiße zweistöckige Häuser mit bunten Fenster- und Türfassungen und großen überdachten Veranden stehen in Reih und Glied, dazwischen breite Sandwege und immer wieder eine kleine Kirche. Pferdekutschen fahren durch den Ort, wir sehen zwei Reiter, die ihr Bier vor der Kneipe trinken. Im Sattel natürlich.
Was wie eine Geisterstadt wirkt, weil nahezu alle Häuser unbewohnt sind, erwacht einmal im Jahr zum Leben. Zu Pfingsten laufen, reiten oder fahren an die hundert Bruderschaften in den Ort und ziehen in diese ihre Häuser ein. Die Wallfahrt in El Rocío zu Ehren der Jungfrau Maria gehört zu den größten religiösen Festen in Spanien.
Neben der Kirche beginnt das Marschland, in dem sich seltene Vögel wie Löffler, Sichler und Flamingos wohlfühlen. In dem Gebiet soll es auch Luchse und Hirsche geben. Letztere sehen wir tatsächlich am anderen Ufer, recht weit weg, aber ein großes Rudel von etwa zehn Tieren.
In den 54 000 Hektar großen Nationalpark darf man nur mit einer geführten Tour. Die heben wir uns für morgen auf. Heute wollen wir mit den Rädern in die Infozentren am Rande des Naturparks, der eine 26 000 Hektar große Pufferzone bildet. Eine Straße führt nach Süden, links von uns ist der eingezäunte Nationalpark, rechts der Naturpark.
Unser erster Stopp ist das Besucherzentrum LaRocina. Ein Bohlenweg führt zu den unter Wasser stehenden Marschgebieten, die durch das Schwemmland im Mündungsbereich des Guadalquivir entstanden sind. Für Naturliebhaber wurden viele Beobachtungshütten gebaut.
Und die Objekte der Begierde sitzen fast direkt vor den Ferngläsern und Fotoapparaten: Sichler, Löffler, jede Menge Gänse und Enten, ein Storchen-Hochhaus und in größerer Entfernung zwei iberische Kaiseradler. Da schlagen die Herzen der Vogelfreunde höher.
Ein bisschen traurig wird es dann zwölf Kilometer weiter südlich. Wir hatten schon davon gehört, hofften aber, dass es dieses Jahr anders sei: die Marsch ist weiter südlich rund ums Infozentrum Acebuche trocken gefallen. Seit dem bisherigen Rekordsommer 2022 gibt es hier kein Wasser mehr. Kein Wasser, keine Vögel. Auch hier gibt es einen sehr gepflegten Holzweg, alle paar Meter steht eine strohbedeckte Hütte als Beobachtungsstand, aber: es ist nichts mehr da zum Beobachten.
Der Grund ist in der allgemeinen Wasserknappheit zu finden, aber auch in den verschiedenen Interessenslagen. Teile des Naturparks werden seit Jahrzehnten als Erdbeerplantagen genutzt. Hierfür sind große Mengen an Wasser erforderlich. Der WWF Spanien geht von Wasserentnahmen aus mehr als 1000 illegalen Brunnen aus.
Wir fahren zurück nach El Rocío. Hier ist noch genügend Wasser im Marschland. Heute Abend sehen wir nicht nur die üblichen Vögel sondern auch halbwilde Pferde im Wasser. Was für ein Anblick.
Wir sind gespannt, was wir auf unserer morgigen Safari noch alles sehen werden. Um acht geht es los.
Flamenco kann man nicht nur nachts erleben. Auch am hellichten Tag auf der Plaza Español, einem Kleinod mit Palast, Brunnen, Brücken und vielen Kacheln.
Ungläubig staunend bummeln wir über den Platz, als wir Musik hören, die sehr nach Flamenco klingt. Eine Frau im hautengen schwarzen Kleid dreht und windet sich zur Musik eines Gitarristen und eines Sängers, stampft, hebt die Arme, streicht über ihren Körper, wirft den Kopf in den Nacken, tanzt, verharrt, tanzt erneut. Wir sind begeistert. Und wieder rufen die Umstehenden laut Olé und pfeifen und klatschen.
Hat eigentlich schon mal jemand Kopenhagen mit Sevilla verglichen? Die dänische Hauptstadt wird ja oft als DIE Stadt für FahrradfahrerInnen gelobt. Auch von uns, denn wir sind in Kopenhagen geradelt und fanden die Infrastruktur großartig. Aber nun wissen wir: die in Sevilla ist genauso toll. Wir radeln von einer Sehenswürdigkeit zur anderen auf den grünen Fahrradstreifen, kilometerweit. Hervorragend. So machen Stadtbesichtigungen Spaß.
Das nächste Highlight ist einem Berliner Architekten zu verdanken: Jürgen Mayer H. gewann 2004 den internationalen Wettbewerb der Stadt Sevilla zur Neugestaltung der Plaza de la Encarnación aus.
Das neue Wahrzeichen von Sevilla hat eine Länge von 150 Metern, eine Breite von 70 Metern und eine Höhe von 26 Metern und gilt als größtes Holzbauwerk der Welt. Drumherum tobt das Leben: Cafés, Bars, Restaurants, alle voll besetzt, Menschen, die flanieren, Fotos machen.
Wo wir auch hinkommen, es sind jede Menge Menschen unterwegs. Ob an der Kathedrale oder am Königspalast, dem Alcazar, Schlangen, die zur Besichtigung anstehen, SpaziergängerInnen, JoggerInnen, viele sind auf Elektrorollern oder wie wir mit dem Rad unterwegs. Nicht zu vergessen die Wassersportler, die mit unterschiedlichen Booten auf dem Fluss herumkurven.
Ich hatte gestern Morgen noch die Befürchtung, dass es am Sonntag fad sein könnte in der Stadt. Ich glaube fast, dass es einem hier in Sevilla nie fad wird. Dennoch fahren wir am Nachmittag weiter und erreichen bereits nach einer Stunde einen Ort, der wie aus einer anderen Welt erscheint. Den haben wir am frühen Abend schon ein wenig unter die Lupe genommen und werden morgen alles genauestens erkunden. Ihr werdet ebenso überrascht sein wie wir.
„Dauerregen mit zehn bis 20 Liter pro Quadratmeter“, sagt wetteronline für das andalusische Hinterland voraus. Das ist einerseits großartig, denn genau in dieser Gegend herrscht gerade eine große Wasserknappheit. Teilweise gibt es in den Dörfern um uns herum kein Trinkwasser mehr aus den Leitungen und die Menschen erhalten ihr Wasser mit Hilfe von Lastwagen, die zweimal in der Woche Kanister vorbeibringen. Gut also, dass es regnet. Für uns persönlich ist das natürlich nicht so schön. Fahrradfahren, Wandern, durch schöne Orte Bummeln macht bei Regen nicht so viel Spaß.
Hinzu kommt, dass wir ab heute planlos sind. Bis hierher hatten wir uns zuhause eine Route, einen Plan gemacht, angereichert mit den Orten oder Landschaften, die wir uns näher anschauen wollten. Der Camino del Rey war unser letzter Fixpunkt, weil wir es offen lassen wollten, ob wir weiter Richtung Portugal fahren oder ob wir links abbiegen Richtung Marokko.
Spannend. Erstmal aufstehen, frühstücken und dann beratschlagen.
Alles klar. Wir haben ja doch noch was auf der Liste: das Naturschutzgebiet La Doñana hinter Sevilla. Deshalb fahren wir jetzt erstmal nach Sevilla. Wenn es dort heute Nachmittag immer noch regnet, gehen wir ins Museum. Für den Abend bin ich noch auf der Suche nach einem Flamencoevent.
Der Stellplatz ist gefunden und wir nehmen die Räder, um in die Stadt zu fahren.
Gute Radwege bringen uns über den Fluss Guadalquivir und in die City.
Das Erstaunlichste: der Duft nach Zitronenblüten! An den Avenuen, aber auch an den kleineren Straßen wachsen die Bäume, die jetzt in voller Blüte stehen und fast die ganze Stadt mit ihrem Aroma einhüllen.
Das Museum der schönen Künste ist, laut Reiseführer, das zweit bedeutendste für barocke Kunst in Spanien nach dem Prado.
Die Themen sind jedenfalls die gleichen: christliche Motive, Jesus, Maria, Apostel, Heilige… Nicht so mein bevorzugtes Genre.
Aber das Haus ist sehr schön, ein ehemaliges Kloster aus dem 16. Jahrhundert.
Wir radeln weiter, ich bremse an einem interessant aussehenden Tor. Als wir durchfahren, tut sich ein großer Gebäudekomplex auf: das Centro Andaluz de Arte Contemporáneo, also das andalusische Zentrum für zeitgenössische andalusische Kunst.
Eigentlich wollte ich nur den Innenhof anschauen, dann entdecke ich die Skulptur an der Hauswand. Schaut genau hin: im oberen Fenster links vom Torbogen schaut ein Kopf heraus, links daneben ein Arm. Ich entdecke einen Ticketschalter, heute kostet es keinen Eintritt, schaut mal dahinten in die Kirche.
Wir schauen und staunen. Riesige Tapisserien der polnischen Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas kleiden das Kirchenschiff aus. Sie waren vor zwei Jahren Polens Beitrag zur Biennale in Venedig. Zum ersten Mal stellt die polnische Künstlerin in Spanien die beeindruckende Serie von Wandteppichen aus, in denen sie das Leben der Frauen ihrer Gemeinde zusammen mit anderen Geschichten der Roma in Sevilla nachbildet.
Die farbenfrohen Kunstwerke animieren dazu, sie wie ein Bilderbuch zu lesen.
Wir verlassen die Kirche durch einen Hinterausgang und stoßen auf einen Innenhof, der von riesigen Kaminen umgeben ist. Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte der englische Geschätsmann Charles Pickman das alte Kloster und schuf dort eine große Töpferei, in der bald industriell produziert wurde.
Den krönenden, besser leuchtenden Abschluss unseres Besuches erleben wir mit der Installation „Rote Sphäre“ des Argentiniers Julio le Parc vor einem weiteren Hochaltar. Fast 2000 durchsichtige Kunststoffplättchen verarbeitete er zu einer leuchtenden, sich in sich bewegenden Kugel,
Ziemlich geflasht von so viel unerwarteter interessanter Kunst suchen und finden wir eine Kneipe, in der nicht nur wir ein Bier trinken, sondern abwechselnd drei gute Sängerinnen, die sich scheinbar spontan aus dem Publikum melden, spanische Lieder, leicht verjazzt, singen. Begleitet werden sie von einer kleinen Drei-Mann-Band.
Ein paar leckere Tapas später radelt Achim (mit Hilfe seines Navis) durch die Altstadt von Sevilla, als ob er hier zuhause wäre. Ich hinterher. Unser Ziel: die Carboneria. In dieser ehemaligenKohlenhalle soll es Flamenco geben. Es ist gesteckt voll, als wir gegen kurz nach zehn dort ankommen, überwiegend junge Leute. Achim holt uns zwei Sangria und schon geht es los: drei Männer und ein Junge sitzen auf einer Bank, einer beginnt, Gitarre zu spielen, einer singt. Die beiden anderen klatschen einen komplizierten Rhythmus. Beim dritten Lied steht der dritte Mann auf, schlank, schwarz gekleidet, lange, leicht ölige Haare, reckt die Arme nach oben, stampft mit den Füßen, dreht sich, die anderen Musiker animieren ihn mit Klatschen und Gesang. Abrupt bleibt der Tänzer stehen. Olé! Das Publikum ist begeistert. Wieder setzten die Musiker und der Tänzer an, sie singen und tanzen zwei weitere Lieder, dann ist Schluss. Das Publikum bejubelt sie frenetisch, die Künstler verbeugen sich und binnen fünf Minuten ist die gesamte Kneipe so gut wie leer.
Das hätten wir jetzt nicht erwartet, aber gut, dann radeln wir jetzt halt auch heim. Olé!
Seit Jahren schon wollen wir hier hin, immer war irgendwas, das uns daran gehindert hat. Jetzt ist es soweit. Wir haben Eintrittskarten für den Caminito del Rey. Heute Nachmittag um 14.30 Uhr dürfen wir diesen berühmten Wanderweg begehen.
Gestern haben wir unseren schönen Platz am Cabo de Gata verlassen und sind durch die Sierra Nevada 200 km nach Nordwesten gefahren. Besorgt haben wir den Wetterbericht verfolgt, denn das schöne Mittelmeerwetter hat uns in den Bergen verlassen, es regnet.
Als wir aber heute Morgen wach werden, scheint die Sonne und die Hoffnung auf eine trockene Wanderung steigt.
Wir fahren etwa eine Stunde, um zum Informationszentrum des Caminito del Rey zu gelangen. Gleich nebendran, ein Plateau höher, gibt es eine Parkmöglichkeit für Camper. Mit fantastischem Ausblick auf den Stausee.
Regenjacken, Wasser und Proviant in den Rucksack, Wanderschuhe an und los. Beim Infozentrum startet der Pendelbus, der einen zum nördlichen Eingang bringt. Der Königsweg ist eine Einbahnstraße und kann nur von Nord nach Süd gelaufen werden.
Die ersten zwei Kilometer sind ein gemütlicher Waldspaziergang. Dann erreichen wir den Eintrittskarten-Kontrollpunkt, wo wir auch Helme bekommen.
Dann geht es los. Der kleine Fluss Guadalhorce hat eine Schlucht in die Felsen gefressen, die teils über 100 Meter senkrecht hinaufragen.
Wir folgen seinem Lauf über einen drei Kilometer langen Bohlenweg, der teils in den Felsen geschlagen ist, teils an ihm zu schweben scheint.
Der Fluss schlängelt sich und bietet mit jeder Windung eine neue, spektakuläre Aussicht.
Eine Menge Leute sind hier unterwegs, aber jeder wartet rücksichtsvoll, wenn einer ein Foto macht oder bietet an, einen zu fotografieren.
Der caminito war Ende der 1990er Jahre stark verfallen und galt als einer der gefährlichsten Wanderwege der Welt. Im Jahr 2000 wurde er geschlossen, nachdem es hier zu mehreren Todesfällen gekommen war.
15 Jahre später wurde er wieder eröffnet, komplett saniert, sicher und für alle, die keine Höhenangst haben, mit Freude begehbar.
Der Caminito del Rey liegt etwa 60 km nördlich von Malaga. Wer in die Gegend kommt, sollte ihn unbedingt gehen. Man muss nicht drei Jahre warten so wie wir.
Herrjeh! Das Clo ist voll. Statt nach dem Frühstück wie geplant mit unserer Wanderung aufs Kap zu starten, müssen wir uns jetzt erstmal um die Entsorgung kümmern. Park4Night weiß zum Glück Rat: wenige Kilometer vom Cabo de Gata entfernt gibt es eine Tankstelle, die Ver- und Entsorgung für Wohnmobile anbietet. Also los, hilft ja nichts. Als wir nach getaner Arbeit zu unserem Stellplatz zurückkehren, können wir uns freuen: jetzt ist sogar ein Platz in der ersten Reihe direkt vorm Meer frei.
Mit einem Stündchen Verspätung machen wir uns auf den Weg, den wir am Vorabend bei komoot entdeckt haben. Er beginnt direkt hinter unserm Platz und führt auf leicht ansteigendem Weg hinauf zu einer Scharte zwischen den vulkanischen Felsen des Kaps.
Diesmal ist es vor allem der Blick zurück, bei dem einem die Luft wegbleibt: im Hintergrund das blaue Meer, davor der weiße Ort neben der Lagune, deren Wasser aus uns nicht bekannten Gründen rosa schimmert. Wir kommen nur langsam voran, weil wir uns immer wieder umblicken müssen.
Dann erreichen wir die Scharte, die uns auf ein Plateau führt, auf dem wir es uns zum Picknick gemütlich machen.
Zwei Brote, eine Orange und eine halbe Tafel Schokolade später folgen wir einem ausgetrockneten Flussbett durch einen Palmenwald und gelangen schließlich auf die Straße, die zum Leuchtturm führt.
Leider unterhalb der zehnprozentigen Steigung. Es sind nicht viele Autos unterwegs, aber viele Schritte zu machen, um nach oben zu kommen. Ich visualisiere mir die Kekse, die Schokolade, das Weißbrot, den Wein der letzten Tage und spüre förmlich, wie die überflüssigen Kalorien beim Anstieg dahinschmelzen. Bei soviel Selbstbetrug, oder nennen wir es doch lieber positiv, Autosuggestion, komme ich eins, zwei, drei hinauf. Und wieder haben wir eine gigantische Aussicht aufs Meer und auf unseren Strand.
Gestern Abend habe ich ein Weißbrot gebacken. Da unsere Vorräte inzwischen so geschmolzen sind, dass wir noch nicht mal mehr Kekse zum Kaffee haben und es hier auch weit und breit keinen Laden gibt, brate ich ein paar Scheiben Weißbrot in Butter und Zucker aus, ein Klecks Erdbeermarmelade drauf und fertig ist der süße Nachmittagsimbiss. Wir haben ja gerade ganz viele Kalorien abtrainiert, nicht wahr?
Für den Rest des Tages passen wir auf Strand, Meer und Sonne auf. Nicht, dass da noch was passiert.
Ich sitze am Strand und blogge. Das Meer rauscht, es hat immer noch 20 Grad und wir warten auf den Sonnenuntergang. Ab und zu kommt mal jemand mit seinem Hund vorbei, ansonsten ist hier kein Mensch. Am Strand. Hinter uns sieht es etwas anders aus.
Wir sind in der kleinen Siedlung La Fabriquilla beim Cabo de Gata, die um diese Jahreszeit unbewohnt ist. Hier gibt es wohl nur Ferienhäuser. Für uns ein Glück, weil die Ansammlung von Wohnmobilen so niemanden stört.
Heute Morgen sind wir 60 Kilometer nördlich von hier in der Halbwüste von Tabernas aufgewacht.
Nach dem Frühstück suchen wir uns eine kleine Straße entlang der Wüste, die uns nach Süden ans Meer führt. Zwischendrin gibt es Aussichten, die zu Drohnenfotos und Selfies verleiten.
Es ist aber auch zu schön hier.
Ich lasse mir von meinem Liebsten noch schnell die Haare waschen (mit kaltem Wasser, denn die Heizung ist ja aus, aber irgendwas ist ja immer) und dann geht es weiter.
Bald kommen die ersten Treibhäuser in Sicht.
Zum Kap ist es jetzt nicht mehr weit und in der zweiten Reihe, aber trotzdem mit Meerblick, gibt es noch ein Plätzchen für uns.
Einen Kaffee später sitzen wir auf den Rädern und machen uns auf den Weg zum Leuchtturm. Es sind nur dreieinhalb Kilometer, aber es geht recht steil hoch. Für mich mit dem E-Bike ja kein Problem, Achim aber muss kräftig in die Pedale treten.
Oben angekommen blicken wir runter auf die zerklüftete Küste und das Kap.
Wir sausen wieder hinunter, fahren am Dorf vorbei in die Saline und schauen noch eine Weile den Flamingos zu, die wir vorhin im Vorbeifahren aus dem Auto gesehen haben. Zwei Rotschenkel lassen es sich hier auch gut gehen. So nah hab ich diese Vögel, die ich von der Nordsee kenne, noch nie gesehen. Aber um ein gutes Foto zu machen, sind alle Vögel zu weit weg.
Nun aber los. Die Sonne wartet nicht auf uns. Schnell noch die Kartoffeln fürs Abendessen schälen, dann Gläser und Weißwein in die einen zwei Hände, die Stühle in die anderen und ab zum Strand.