Archiv der Kategorie: Spanien (Frühjahr 2024)

Bordeaux trinken bei Bordeaux

„Wenn es morgen wieder den ganzen Tag so schüttet wie heute, fahren wir durch. Hinter Bordeaux gibt es einen schönen Stellplatz direkt an der Gascogne“, schlägt Achim gestern Abend vor. Ich bin einverstanden. Sollte, entgegen der Wettervorhersage, es nicht ununterbrochen regnen, wollen wir uns Limoges anschauen und das Örtchen Périgueux, auf das wir neulich durchs SZ-Rätsel aufmerksam wurden.

Der Sonnenaufgang am Etang Duris bei Luant ist vielversprechend. Vielleicht haben wir heute mehr Glück als gestern. Da hat es vom Aufstehen bis zum Schlafengehen nonstop geregnet. Wir sind nur gefahren, unterbrochen von drei kurzen Stopps: Einkaufen, Ver- und Entsorgen und die Kanalbrücke bei Briare anschauen, wo ein Seitenkanal der Loire den tiefer gelegenen Fluss Loire quert.

Nach dem Frühstück lässt Achim die Drohne steigen. Wir kennen den kleinen See, an dem wir übernachtet haben, von unserer Spanienreise vor zwei Jahren. Und dann kommt tatsächlich die Sonne raus und wir geben Limoges ins Navi ein.

30 Kilometer vor unserem Zwischenziel fängt es wieder an zu regnen, aber da es nur regnet und nicht gießt, greifen wir zum Schirm und machen uns auf zu einem kleinen Spaziergang. Der dauert dann tatsächlich nicht sehr lang. Es ist kalt, vier Grad, und der Regen wird auch wieder stärker.

Hübsch die alte Brücke und die Häuser aus dem Mittelalter, stattlich die Kathedrale.

Beim Mittagessen überlegen wir lange hin und her, was wir mit dem Rest des Tages anfangen. Périgueux ist schnell aus dem Rennen. Zu nass. Stellplatz beim Winzer mit Weinverkostung oder den sehr verlockend aussehenden direkt an der Garonne? Wir entscheiden uns für den Wein und sind gespannt, was uns erwartet.

Nach 233 Kilometern und knapp drei Stunden Fahrt sind wir schlauer:

Benoît vom Château du Garde leitet das Weingut, auf dem wir heute übernachten, in vierter Generation. Wir verabreden uns mit ihm für 18 Uhr zu einer Dégustation, einer Weinprobe.

Bis zum letzten Jahr hat er 34 ha bearbeitet, erzählt er uns während der Verkostung. Das ist ihm zuviel geworden und so hat er sich bis auf 8 ha von seinen Weinbergen getrennt. Aus seinen Trauben stellt er Rot- und Weißwein her sowie den Clairet, eine Art Rosé, die es nur in der Gegend von Bordeaux gibt.

Nun will er sich mehr auf Tourismus konzentrieren. Camper sind jetzt schon willkommen, im Laufe des Jahres möchte er ein Sanitärgebäude einrichten und Radtouren nach Bordeaux anbieten. Das wird sicherlich funktionieren, denn es ist schön hier zwischen den Weinbergen, Benoît ist ein sehr kommunikativer Mensch und der Wein ist sehr lecker. Santé!

Kraniche in der Champagne

Als ich um kurz nach sieben die Bustür öffne, geht gerade die Sonne auf. Ich höre sie sofort: „Gru, Gru!“, tröten die Kraniche, die wie auf einer Perlenkette aufgereiht über mich hinwegfliegen. Wegen ihnen sind wir hergekommen. Im Herbst und im Frühjahr rasten Abertausende von Kranichen hier am Lac du Der-Chantecoque auf ihrem Zug von Süd nach Nord und andersrum. Im November 2019 wurden über 260.000 Kraniche gezählt, neuer Allzeit-Rekord für alle Rastplätze auf der westlichen Zugroute. Genau heute vor einem Jahr (Achims Kamera weiß das) sind wir per Zufall in der Mittagspause hier gelandet und haben dabei von Vogelguckern erstmals davon gehört.

Eigentlich wollte ich gleich nach dem Aufstehen eine Runde Laufen, aber jetzt muss ich erstmal zurück in den Bus und die Kamera holen. Voilà.

Jetzt aber los. Achim hatte mir gestern Abend schon einen Tipp für eine schöne Runde gegeben und was soll ich sagen? Recht hat er gehabt! Ich laufe vom Bus aus ein paar Minuten und erreiche einen Damm, dem ich bis ans andere Ende folge. Das Plätschern des Wassers und das Tröten der Kraniche begleiten mich.

Es hat zwar nur sechs Grad, aber mit Mütze und Handschuh ist das kein Problem.

Gegen Mittag machen wir uns mit den Fahrrädern auf, den See zu umrunden. Mit knapp 48 km² ist der Lac du Der-Chantecoq der größte Stausee in Frankreich. Mit dem Bau des Stausees wurde 1966 begonnen, acht Jahre später konnte er eingeweiht werden. Er dient als Rückhaltebecken, um das Marne-Tal und im weiteren Verlauf vor allem die Stadt Paris vor Hochwasser zu schützen und in trockenen Hochsommern immer für ausreichenden Wasserstand der Seine in Paris zu sorgen.

Es gibt einen sehr gut ausgeschilderten Radweg, der auf 40 Kilometern einmal rundum führt. Meistens können wir auf dem Damm fahren mit toller Aussicht aufs Wasser und die Wasservögel. Reiher, Haubentaucher, verschiedene Enten und Gänse, alles da. Nur mein geliebter Eisvogel lässt sich nicht blicken. Über uns kreisen immer mal wieder Falken, ab und zu ziehen auch ein paar Kraniche über uns weg. Ob sie wohl schon aus Spanien kommen?

Ein Hinweisschild am Wegesrand zeigt uns, dass der nächste von uns wieder angepeilte Kranich-Hotspot in Spanien, die Laguna de Gallocanta, noch 1308 Kilometer weg ist. In ein paar Tagen sind wir dort.

In der zweiten Hälfte der Tour führt die Route öfters durch den Wald. Der Name Lac du Der kommt vom keltischen Wort für „Eiche“, der wichtigste Baum für den Hausbau und die typischen Fachwerk-Kirchen der Region. 

Chantecoq war eines der drei überfluteten ehemaligen Dörfer, die im heutigen Seegebiet lagen.

Während wir heimradeln, male ich mir aus, dass wir uns so gegen viertel vor sechs mit zwei Gin Tonic, ein paar Nüsschen und einer warmen Decke auf den Damm setzen und den Kranichen beim allabendlichen Flug in ihr Nachtquartier zuschauen. Pünktlich um halb sechs fängt es an zu regnen. Jetzt giesst es. Keine Kraniche heute Abend. Aber ein Gin Tonic geht trotzdem, oder?

Den Hochöfen aufs Dach gestiegen: Völklinger Hütte

Treppauf, Treppab, vorbei an rostigem Stahl, einem fesselnden Gewirr aus Rohrsystemen, Gebäuden und Kaminen, hinauf in die schwindelerregende Höhe der Hochöfen. Über zwei Stunden streifen wir durch die Völklinger Hütte bei Saarbrücken, die meiste Zeit sind wir alleine unterwegs und entdecken ein Industriedenkmal, ein Weltkulturerbe, von dem ich bis vor kurzem nur den Namen kannte.

Von 1873 bis 1986 arbeiteten Tausende von Menschen in diesem zeitweise bedeutendsten Eisen- und Stahlwerk Europas – in beiden Weltkriegen Tausende von Zwangsarbeitern.

Seit der Stilllegung der Hochofenanlage sowie der Gasgebläsehalle 1986 stehen diese unter Denkmalschutz und wurden 1994 zum Weltkulturerbe erklärt.

Die UNESCO begründete ihre Entscheidung so: „Die Völklinger Hütte ist ein einzigartiges Zeugnis der Industriekultur und der Technikgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.“  Sie ist das weltweit einzige Eisenwerk dieser Epoche, das vollständig erhalten ist und zugleich Schauplatz internationaler Ausstellungen, Festivals und Konzerte.

Weitere zwei Stunden verbringen wir mit gefühlt hundert Ausschnitten aus der Geschichte des deutschen Films von 1895 bis heute, von Marlene Dietrich bis Franka Potente, von Emil Jannings bis Daniel Brühl. Dann schwirrt mir der Kopf, Achim kriegt sich nicht mehr ein vor Begeisterung und unsere Liste der unbedingt noch anzuschauenden Filme ist um ein Vielfaches länger geworden.

Zur Erholung machen wir am Nachmittag einen Spaziergang auf eine Halde. Auf ihrem Plateau steht das Saar-Polygon, das ich gestern per Zufall im Internet entdeckt habe. Es soll die Vergangenheit, den Wandel und die Zukunft der Region symbolisieren.

Unseren heutigen Übernachtungsplatz am Lac du Der Chantecoque in Frankreich erreichen wir erst im Dunkeln.

Heute Morgen bin ich sehr früh aufgewacht. Reisefieber hat mich gepackt. Zwei Monate werden wir nun mit unserem Camper unterwegs sein und ich frage mich: Welche Menschen werden wir kennenlernen? Welche Tiere beobachten können? Welche Orte entdecken wir? Was werden wir alles erleben? Welche Abenteuer erwarten uns? Da kann die Temperatur schon mal ansteigen. Der erste Tag war auf jeden Fall schon mal ein fulminanter Auftakt.