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Entlang des schwarzen Wassers

Wir können uns nicht trennen. Die Landschaft fasziniert uns so sehr, dass wir nach dem Frühstück noch einmal zu den Feenkaminen laufen. Diesmal nehmen wir auch die Ferngläser mit, die wir gestern Abend leider im Bus vergessen hatten. Die Kamera ist natürlich immer dabei.

Viele Vögel fliegen aus dem Gras hoch, wenn wir uns nähern, etliche hocken auf den Felsen, andere kreisen über uns. Wir sehen Adler, Steinschmetzer, Lerchen, Stare und Neuntöter (das weiß nicht ich sondern Achim, der sie teilweise erkennt und teilweise später bestimmt). Heute ist der Himmel blau und die Sonne scheint.

Kaum sind wir losgefahren, entdecken wir am Straßenrand ein Schild: „Fairy Chimney Observation Terrace, 3 km“, das wollen wir uns ansehen. Eine kleine asphaltierte Straße führt uns mittendurch und wir kommen aus dem Staunen gar nicht raus.

Aber dann, nach etwa einem Kilometer hat der Spaß ein Ende. Diese Straße ist schon länger abgebrochen. Zum Glück muss Achim nur ein kurzes Stück rückwärts fahren, bis eine Stelle zum Wenden kommt.

Weiter geht’s. Wir lassen die Großstadt Erzurum links liegen und suchen uns für die Mittagspause ein Plätzchen am Karasu (Schwarzes Wasser), einem der zwei Quellflüsse des Euphrat. Suchen und suchen und finden nichts. Der eine Platz ist nur über eine hohe Kante, die Achim nicht fahren will, zu erreichen, der andere ist vermüllt, der nächste ist vermüllt…

Plan B: haben wir nicht. Mal sehen… Wir sind jetzt auf einer Schnellstraße gelandet, da ist das mit dem Ausschau halten nicht so einfach. Rechterhand sind bestellte Felder und Wiesen, im Hintergrund die Berge, sieht doch auch schön aus. Da vorn kommt eine Ausfahrt, die nehmen wir. Passt.

Bis zum Girlevik-Wasserfall bei Erzincan sind es 150 Kilometer. Die fahren wir am Nachmittag, immer am schwarzen Wasser, dem Karasu, entlang, in einem Rutsch.

Unser Platz für heute Nacht ist in Sicht- und Hörweite zum etwa 30 Meter hohen, in drei Stufen herabstürzenden Wasserfall. Obwohl es nieselt, gehen wir raus, um ihn aus der Nähe anzuschauen.

Der Wasserfall ist ein beliebtes Ausflugsziel für die Großstädter aus dem benachbarten Erzincan und für sie gibt es hier einen hübsch angelegten Park mit Tischen und Stühlen fürs Picknick und diverse Verkaufsstände. Heute ist alles zu und wir sind die Einzigen, die den mächtigen Wasserfall bewundern.

Achim holt noch seine Drohne, denn es hat aufgehört zu regnen und ich schicke meinem liebsten Sohn, über den ich mich so freue, Geburtstagswünsche. Ganz viele. Von ganzem Herzen.

Zurück in der Türkei

Bis zur Grenze sind es 20 Kilometer. Es ist eine kurze schöne Fahrt durch den kleinen Kaukasus.

In Georgien sind die Formalitäten ruckzuck erledigt inklusive Besuch bei der Liberty Bank, um unser Knöllchen zu zahlen.

Auch die türkische Passkontrolle ist problemlos. Lediglich der Zoll hält uns mit seltsamen Formalitäten auf. Ein junger Mann in Uniform, der auf meine Aufforderung hin brav seine Schuhe auszieht bevor er den Bus inspiziert, fotografiert Bett, Kühlschrank und Herd. Er kann mir nicht erklären warum, zuckt mit den Achseln, lächelt entschuldigend. Er fordert uns auf, ihm in sein Büro zu folgen, wo seine Kollegin irgendeinen Kampf mit ihrem Computer und meinem zugegebenermaßen etwas komplizierten Namen austrägt. Mit Hilfe meines Personalausweises und meines Führerscheins löst sie ihr Problem und wir dürfen einreisen. Willkommen in der Türkei!

Das feiern wir im ersten größeren Ort auf unserer Route, Posof, mit einem guten Mittagessen mit Mantı (kleine Teigtaschen) und Huhn in Tomatensauce.

Es gibt drei Grenzübergänge zwischen Georgien und der Türkei. Bei der Einreise hatten wir den nördlichen am Schwarzen Meer bei Batumi gewählt, heute sind wir über den mittleren gekommen. Wir haben im Moment kein wirkliches Ziel. Entscheidend ist: westwärts und schön. Für heute ist eine Fahrt auf kleinen Straßen durch die Berge angesagt.

Hinter Posof geht es rasch hoch. Bald ist die Schneegrenze erreicht, unser höchster Punkt liegt auf 2550 Metern. Die Straße ist trocken und ohne Schlaglöcher und wir genießen die weite Sicht auf die umliegenden Berge.

Immer noch auf 2000 Meter queren wir den Fluss Kura, dem wir gestern schon gefolgt sind und der auch durch Tiflis fließt. Er entspringt hier in der Nähe, durchquert Georgien und Azerbaidschan, wo er ins Kaspische Meer mündet. Mit 1500 Kilometern Gesamtlänge ist die Kura der längste Fluss im Südkaukasus.

Vor Göle, wo wir Kaffee trinken wollen, fahren wir durch ein Feuchtgebiet.

Ein Kaffee und eine gute Auswahl an Baklava machen den Fahrer wieder fit. Der kann mittlerweile sogar schon selbst auf Türkisch seinen zweiten Kaffee bestellen.

Ich kann leider seit meinem Sturz in Istanbul nicht fahren, weil die Blutergüsse im Oberschenkel beim Sitzen schmerzen. Vor dem Beifahrersitz steht deshalb seither ein Höckerchen, auf dem ich das Bein abstellen kann.

Außer Essen, Trinken, Gucken und Fahren haben wir heute nichts gemacht. Auf der Suche nach einem schönen Übernachtungsplatz stoßen wir am Nachmittag zufällig auf etwas ganz besonderes: Die Feenkamine von Narman in der Provinz Erzurum sind faszinierende, durch Erosion geformte rote Felsformationen, die als „Land der roten Feen“ bekannt sind. Diese bis zu 300 Millionen Jahre alten geologischen Wunderwerke stehen auf der UNESCO-Vormerkliste.

Wir parken den Bus, zögern aber noch mit einem Erkundungsgang, denn jetzt regnet es kräftig, es ist windig und das Ganze bei acht Grad. Ein Tavla und einen Gin Tonic später hat sich das Wetter beruhigt, wir ziehen uns warm an und machen uns auf zur Besichtigungstour.

Es gibt diesen Spruch von Langstreckenwanderern „Der Weg sorgt für Dich.“ Diese Erfahrung teilen wir auch immer wieder. Heute zum Beispiel.