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Kraniche in der Champagne

Als ich um kurz nach sieben die Bustür öffne, geht gerade die Sonne auf. Ich höre sie sofort: „Gru, Gru!“, tröten die Kraniche, die wie auf einer Perlenkette aufgereiht über mich hinwegfliegen. Wegen ihnen sind wir hergekommen. Im Herbst und im Frühjahr rasten Abertausende von Kranichen hier am Lac du Der-Chantecoque auf ihrem Zug von Süd nach Nord und andersrum. Im November 2019 wurden über 260.000 Kraniche gezählt, neuer Allzeit-Rekord für alle Rastplätze auf der westlichen Zugroute. Genau heute vor einem Jahr (Achims Kamera weiß das) sind wir per Zufall in der Mittagspause hier gelandet und haben dabei von Vogelguckern erstmals davon gehört.

Eigentlich wollte ich gleich nach dem Aufstehen eine Runde Laufen, aber jetzt muss ich erstmal zurück in den Bus und die Kamera holen. Voilà.

Jetzt aber los. Achim hatte mir gestern Abend schon einen Tipp für eine schöne Runde gegeben und was soll ich sagen? Recht hat er gehabt! Ich laufe vom Bus aus ein paar Minuten und erreiche einen Damm, dem ich bis ans andere Ende folge. Das Plätschern des Wassers und das Tröten der Kraniche begleiten mich.

Es hat zwar nur sechs Grad, aber mit Mütze und Handschuh ist das kein Problem.

Gegen Mittag machen wir uns mit den Fahrrädern auf, den See zu umrunden. Mit knapp 48 km² ist der Lac du Der-Chantecoq der größte Stausee in Frankreich. Mit dem Bau des Stausees wurde 1966 begonnen, acht Jahre später konnte er eingeweiht werden. Er dient als Rückhaltebecken, um das Marne-Tal und im weiteren Verlauf vor allem die Stadt Paris vor Hochwasser zu schützen und in trockenen Hochsommern immer für ausreichenden Wasserstand der Seine in Paris zu sorgen.

Es gibt einen sehr gut ausgeschilderten Radweg, der auf 40 Kilometern einmal rundum führt. Meistens können wir auf dem Damm fahren mit toller Aussicht aufs Wasser und die Wasservögel. Reiher, Haubentaucher, verschiedene Enten und Gänse, alles da. Nur mein geliebter Eisvogel lässt sich nicht blicken. Über uns kreisen immer mal wieder Falken, ab und zu ziehen auch ein paar Kraniche über uns weg. Ob sie wohl schon aus Spanien kommen?

Ein Hinweisschild am Wegesrand zeigt uns, dass der nächste von uns wieder angepeilte Kranich-Hotspot in Spanien, die Laguna de Gallocanta, noch 1308 Kilometer weg ist. In ein paar Tagen sind wir dort.

In der zweiten Hälfte der Tour führt die Route öfters durch den Wald. Der Name Lac du Der kommt vom keltischen Wort für „Eiche“, der wichtigste Baum für den Hausbau und die typischen Fachwerk-Kirchen der Region. 

Chantecoq war eines der drei überfluteten ehemaligen Dörfer, die im heutigen Seegebiet lagen.

Während wir heimradeln, male ich mir aus, dass wir uns so gegen viertel vor sechs mit zwei Gin Tonic, ein paar Nüsschen und einer warmen Decke auf den Damm setzen und den Kranichen beim allabendlichen Flug in ihr Nachtquartier zuschauen. Pünktlich um halb sechs fängt es an zu regnen. Jetzt giesst es. Keine Kraniche heute Abend. Aber ein Gin Tonic geht trotzdem, oder?

Gleich noch ein Museum: Folkwang in Essen

Wie kommen wir vom Kröller-Müller-Museum im holländischen Otterlo am besten nach Göttingen zur Schwiegermama? Über den Kohlenpott (an meiner Ausdrucksweise lässt sich mein Alter ablesen 😊). In Duisburg waren wir während Corona, gefiel uns sehr gut. In Essen, Zeche Zollverein, klasse! Aber halt, das Folkwangmuseum in Essen! Oft gehört, nie dagewesen. Das ändern wir heute.

Mir als gebürtiger Niederrheinerin wird ein interessanter Fakt in Erinnerung gerufen: Bei Nijmegen in den Niederlanden heißt der Rhein nicht mehr Rhein, sondern Waal – den wir auf dem Weg zurück nach Deutschland überqueren.

Wie das Kröller-Müller-Museum ist das Folkwang einer einzelnen Sammlerpersönlichkeit zu verdanken: dem ebenfalls aus reichem Elternhaus stammenden Kunstliebhaber Karl Osthaus, der 1897 mit seiner Sammeltätigkeit begann.

Die linke Eva stammt von Rodin

Die erste interessante Entdeckung, die wir im Museum machen, ist Eva von Auguste Rodin. Mit meiner Namensschwester muss ich gleich mal ein bisschen posen.

Nicht das doppelte Lottchen sondern die doppelte Femme accroupie von Auguste Rodin

Die nächste Überraschung ist auch Rodin zu verdanken: gestern saß seine Femme accroupie, seine hockende Frau, noch im Gras vorm Kröller-Müller-Museum. Heute ist sie – oder ihr Double – hier in Essen.

Es gefällt mir, dass es im Museum eine eigene Stelle fürs Erforschen der Herkunft von Raubkunst gibt und dies bei fraglichen Werken dokumentiert ist und ausgehängt wird.

Paul Gauguin: Jeune fille à l’eventail

Auch dieser Vermerk unter Gauguins Bild gefällt mir: „Über das Leben der Frau, deren Namen die Literatur als Tohotaua überliefert, ist noch zu wenig bekannt… Gauguin nutzte eine Fotografie als Vorlage für dieses Gemälde. Das fotografische Porträt war bereits gestellt, in seiner Malerei veränderte Gauguin das Abbild von Tohotaua aber noch weiter… Jeune fille à l’eventail ist deshalb weniger ein Porträt von Tohotaua als mehr ein Abbild des weißen männlichen Blicks auf einen namenlos gemachten polynesischen Frauenkörper.“

Ein paar Säle weiter dann die nächste Überraschung. Diese Figur heißt Goldene Sirene und ist von Kiki Smith. Moment, den Namen habe ich doch neulich erst gelesen. Dem Internet sei abermals dank. Schnell finde ich heraus, dass ich mich nicht getäuscht habe. In Freising, unweit von meinem Wohnort, wurde vor kurzem im Diözesanmuseum eine neue Kapelle eingeweiht. Geschaffen wurde sie – von Kiki Smith. Da müssen wir dann auch bald hin.

Viele bekannte und uns weniger bekannte Kunstwerke später stoßen wir auf eins, das Achim Anregung für eigene künstlerische Tätigkeit bietet.

Philipp Goldbach schuf diese Wand-Installation aus 120.000 gestapelten Diarähmchen des ehemaligen Bildarchivs der Ruhr-Universität Bochum. Das Wandfries ist in seiner Abfolge nach AutorInnen und topographischen Orten strukturiert und sein Erscheinungsbild mehr als nur Zufall. Ich weiß nicht, ob bei uns daheim 120.000 Dias lagern, aber ein paar Tausend sind es bestimmt, die in einem solchen Kunstobjekt eine optimale Zweitverwertung fänden.

Wir lassen nicht nur unseren Museumsbesuch sondern auch diese Reise im Café Edda ausklingen. Morgen geht es nochmal für einen kurzen Besuch zur inzwischen erholten Schwiegermama und am Mittwoch fahren wir wieder nach Hause.

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Stadt und Strand

Heute wollen wir an die Nordsee. Uns den Wind um die Ohren pfeifen lassen. Leider heute auch den Regen.

Auf dem Weg liegt Alkmaar, berühmt für seinen Käsemarkt. Da er heutzutage vor allem für die Touristen da ist, findet die Show nur noch in den Sommermonaten statt. Ob wir da viel verpassen? Im Internet habe ich heute Morgen gelesen, dass der Platz abgesperrt wird, die Zuschauer in Fünferreihen stehen und man von hinten entsprechend wenig sieht.

Die Waage, auf der die großen Käselaibe ausgewogen werden, kann man auf dem Platz auch in der kühlen Jahreszeit besichtigen. Seit 1365 wird hier in Alkmaar Käse gewogen.

Am Markttag geht das Treiben bereits um 7 Uhr morgens los.  Unter den wachsamen Augen des Marktmeisters platzieren sogenannte Setter rund 30.000 Kilo Gouda-Käse in langen Reihen auf dem Platz. Pünktlich um 10 Uhr ertönt die Glocke. Dies ist das Zeichen dafür, dass der Käsemarkt beginnt.

Vielleicht würde ich mir das Spektakel doch gern mal anschauen. Alkmaar kommt eh auf die Liste der zu wiederholenden Ausflüge. Denn auch der Bummel durch die Altstadtgassen und entlang der Grachten macht ohne Regenschirm mehr Spaß. Ein andermal. Zu einer wärmeren Jahreszeit.

Wir fahren weiter nach Egmond aan Zee auf einen Campingplatz. Frei stehen ist hier in Holland nicht erlaubt, an der sehr touristischen Küste wohl auch kaum möglich. Stellplätze für WoMos sind ebenfalls eher rar. Wir kochen Kaffee und packen uns wasserdicht ein. Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn aktuell ist es trocken. Ab an den Strand.

Ein breites Dünenband begleitet hier den Strand. Just in dem Moment, in dem Achim seine Drohne rausholt, beginnt es zu regnen.

Wir laufen noch etwa eine halbe Stunde durch die Dünen und den Regen, bis wir wieder am Bus sind. Spannend: in den ortsnahen Dünenbereichen gibt es jede Menge Schrebergärten, in denen auf großen Flächen Gemüse angebaut wird. Hier und da bieten die GärtnerInnen den Spaziergängern ihre Waren in hölzernen Buden zum Verkauf an. Davon kann ich leider keine Fotos machen. Der Regen ist mittlerweile zu stark.

Im Camper wird’s jetzt eng mit den nassen Klamotten. Nachdem alles irgendwie aufgehängt ist, machen wir es uns gemütlich. Wenn man im Trockenen sitzt, klingt das Trommeln des Regens auf dem Wagendach sehr heimelig.

Bei Sonnenschein die Küste runter

Wir fahren weiter nach Süden und nehmen dabei kleine Straßen so nah an der Küste wie möglich. Richtig ans Wasser kommt man allerdings nur, wenn man einen Abstecher macht.

Entweder sehen wir von weitem etwas Interessantes: „Guck mal dahinten! Was ist das denn?“ Im Näherkommen erkennen wir zwei Figuren, die aufs Meer hinausschauen. Wachten op hoog water, Warten aufs Hochwasser heißt das Kunstwerk.

Oder es gibt einen Hinweis bei google maps wie auf diesen Waadfisker, den Fischer im Watt, der uns an den Deich lockt und zu einem Blick aufs Wattenmeer verhilft.

Das ist für diese Reise wohl auch der letzte, denn weiter südlich gibt es keine vorgelagerten Inseln und somit auch kein Wattenmeer mehr.

Aber jetzt erstmal zu Albert Hijn, einem holländischen Supermarkt. Hier findet man so typische Leckereien wie Schokoladen- und bunte Zuckerstreusel, Lakritze, Spekulatiusbruch, Pudding mit Keksbrösel u. v. a. m. Normale Sachen gibt es auch, aber wer will die schon?

Die Lage am Meer verlieh dieser Stadt eine wichtige Handelsposition. Auf diese Weise bekam Harlingen im Jahre 1234 bereits das Stadtrecht. Im Laufe der Jahrhunderte nahm der Wohlstand zu. Das kann man an den über 500 monumentalen Gebäuden, die Harlingen zählt, erkennen.

Aber auch die schlichteren Bürgerhãuser und die kleinen und großen Häfen und Kais haben ihren Reiz.

Hier bekomme ich auch eine weitere Spezialität: Kibbeling, ein niederländisches Fischgericht. Fischfilet wird in mundgerechte Häppchen geschnitten, mit Backteig überzogen und dann frittiert. Remouladensauce dazu und das ganze in ein weiches weißes Brötchen gepackt. Bestes Junkfood.

Der nächste Höhepunkt des Tages ist die Fahrt über den Afsluitdijk, den Abschlussdeich. Der 32 Kilometer lange Damm wurde in den 30er Jahren gebaut und ist eines der wichtigsten niederländischen Objekte zur Landgewinnung und zum Küstenschutz. Er machte aus der gezeitenabhängigen Zuiderzee das Binnengewässer Ijsselmeer.

In der Mitte des Dammes gibt es einen Parkplatz. Ein idealer Platz für den Nachmittagskaffee. Neben uns drehen sich rund hundert Windräder.  Sie bilden den weltweit größten Windpark in einem Binnengewässer. Hier werden 1,5 Terrawattstunden Strom erzeugt. Damit können 500 000 Haushalte versorgt werden.

Zum Schlafen haben wir einen Platz im Binnenland gefunden. Die kleine Ortschaft Oosthuizen bietet zwei Stellplätze für Camper an einem Kanal an. So stehen wir wieder am Wasser, sind glücklich, dass das Wasser von oben heute ausgefallen ist und sind gespannt auf den morgigen Tag.

Am Lauwersmeer

Gerade rechtzeitig zum Sonnenaufgang öffne ich die Bustür. Klingt früher als es ist: es ist schon zwanzig nach acht.

An drei Seiten sind wir auf unserem Stellplatz von Wasser umgeben. Da schmeckt das Frühstück doppelt so gut.

Wir fahren heute nicht weiter sondern drehen mit dem Rad eine 50-Kilometer-Runde ums Lauwersmeer, eine ehemalige Meeresbucht, die 1969 durch einen Deich von der Nordsee getrennt wurde. Mit dem Deichschluss konnte das Wasser der namensgebenden Lauwers nicht mehr direkt in die Nordsee fließen. Dadurch wurde das Wasser brackig und die Natur veränderte sich, eine neue Flora und Fauna entstand. Um dieses Gebiet zu schützen, wurde 2003 der Nationalpark Lauwersmeer eingerichtet.

Natürlich gibt es hier viele Vögel. Entsprechend viele Vogelkijkhuter, Vogelbeobachtungshütten, wurden rund um das Binnenmeer errichtet. Ob es wohl mal einen Designwettbewerb dafür gegeben hat? Wahrscheinlich, denn jede Station sieht anders aus.

Sollte es einen Wettbewerb geben, wer an einem halben Tag die meisten Vogelkijkhuter besucht, haben wir den heute gewonnen. Wir waren auf ALLEN. Und haben Falken und Bussarde und Gänse gesehen. Die gibt es tausendfach, weil sie hier überwintern. Die Luft ist voll mit ihrem Geschnatter.

Vogelgucker sind übrigens freundliche und kommunikative Menschen. Wenn man sich in einem solchen Beobachtungsstand trifft, grüßt man sich natürlich erstmal freundlich. Dann fragen die Neuankömmlinge, was es denn zu sehen gibt. Die Antwort erfolgt in diesem Fall auf Holländisch. Da die deutschen Besucher dessen nicht mächtig sind, wird die Übersetzungsapp gezückt und nach dem deutschen Wort gesucht. Slechtvalk  so heißt der Wanderfalke, Bergeend die Brandgans. Die fremdklingenden Worte werden wie eine Praline vorsichtig probiert und langsam im Mund gewendet. Dann lässt man die anderen am optischen Equipment teilhaben. Das Spektiv ist schon auf den Falken eingestellt. „Komm, guck mal hier durch!“

Teile des Naturschutzgebietes sind als Sternenpark, als dark sky park, deklariert. Hier ist es besonders dunkel und deshalb kann man besonders gut Sterne gucken (wenn das Wetter mitspielt). Auch für die Sternegucker wurden Beobachtungshütten gebaut und mit hölzernen Kopfstützen versehen, damit man es sich nachts gemütlich machen kann.

Wir sind im Uhrzeigersinn ums Lauwersmeer gefahren und erreichen den Damm, der uns von der Nordsee trennt, am Ende unserer Tour. Auf der ganzen Strecke sind wir immer wieder an Schleusen vorbei gekommen, kleinen, größeren, alten, neuen. Hier an der empfindlichsten Stelle sind die Schleusentore hochhausgroß. Bei Sturmflut werden die Schotten dicht gemacht. Das dem Meer abgetrotzte Land will man sich nicht wieder abnehmen lassen.

Zum Abendessen gibt es heute Blumenkohl und es ist mal wieder ein traumhafter Kochplatz, an dem ich ihn zubereiten darf.

Am Noordkaap

Letztes Jahr waren wir am Nordkapp in Norwegen, heute sind wir am Noordkaap in Holland.  Es ist der nördlichste Punkt des niederländischen Festlandes.

Das Kunstwerk „De Hemelpoort“ (die Himmelspforte) markiert den exakten Ort. Von hier aus bietet sich ein freier Blick über das Wasser und den unendlichen Himmel über dem Watt. Schemenhaft erkennen wir Borkum am Horizont.

Heute ist es grau und regnerisch und es kostet ein wenig Überwindung, den warmen, gemütlichen Bus zu verlassen. Aber sowohl zum Noordkaap als auch zur Wasserburg Menkemaborg kommt man nur zu Fuß. Auch für manche Schnappschüsse muss man das Auto verlassen.

Windkraft
Wasserburg Menkemaborg

Andere kann man bequem aus dem Auto machen 😏.

Ehe wir uns das allermooiste dorp van Nederland, das allerschönste Dorf der Niederlande, Winsum anschauen, lassen wir den Wasserkessel pfeifen, brühen einen Kaffee auf und probieren seit langem mal wieder einen Honigkuchen, den wir gestern bei unserem ersten holländischen Einkauf entdeckt haben.

Aber dann wagen wir uns raus. Viel Backstein, viel Wasser, zwei Kirchen auf einer Warft, zwei Windmühlen. Wenn es nicht so nieseln würde und die Sonne schiene, hätten wir allerdings mehr Spaß bei unserem Stadtbummel.

Schließlich finden wir noch einen Käseladen und kaufen Winsumer Brugkaas, Brückenkäse, hier gefertigt und die Kostprobe schmeckt uns beiden sehr gut.

Unser Platz für den Abend und die Nacht ist auf einer ehemaligen Werft in Lauwersoog, wieder einmal direkt am Wasser. Draußen mache ich heute nichts mehr, die Umgebung erkunden wir morgen. Dann soll wieder die Sonne scheinen.

Von Kunst und Watvögeln. Die Seehunde kriegen wir (hoffentlich) morgen

Der Wetterbericht hatte recht. Als ich um halb acht wach werde, regnet es nicht mehr. Ich schlüpfe in eine warme Hose und den Anorak und verlasse leise den Bus. Als wir gestern ankamen, haben wir wenig von unserer Umgebung wahrgenommen, weil es in Strömen geregnet hat.

Wir stehen hinterm Deich neben dem kleinen Hafen von Termunterzijl. So eine Idylle am frühen Morgen! Eine kleine Treppe führt auf den Deich hinauf und von hier kann man die gesamte Bucht, den so genannten Dollart, überblicken. Im Nieselgrau, weit hinten, zeichnet sich Emden ab.

Zwei Ziele haben wir für unsere heutige Radtour ausgeguckt: die Zeehondenkijkwand (Seehundebeobachtungswand) und de Kiekkaasten (Guckkasten), der ebenfalls am Rande des Watts liegt und von dem aus man die Wasservögel gut beobachten kann.

Abgelenkt von ein paar Geocaches auf der Fahrt am Deich entlang und einem kräftigen Schauer fahren wir an den Zeehonden vorbei und merken das leider erst drei Kilometer später. Bei dem Gegenwind haben wir keine Lust zurückzufahren. Egal, wir kommen auf dem Rückweg hier wieder lang.

Dafür tauchen nun am Wegesrand in kurzen Abständen zwei Kunstwerke auf. Zuerst der Hongerige Wolf. Der niederländische Bildhauer Arie Berkulin schuf es 1987. Es besteht aus zehn senkrecht stehenden Sandsaugrohren, die bei der Erhöhung des Deichs im selben Jahr benutzt wurden. Der Künstler will damit die stete Bewegung des Landes zum Meer hin veranschaulichen.

Auch das nächste Fundstück am Wegesrand ist schon von weitem sichtbar: das Kunstwerk von Martin Borchert Waaiboei (Windboje) ist nicht weniger als acht Meter hoch und steht an der holländisch-deutschen Grenze. Das Kunstwerk entstand 1996 und steht lose auf dem Deich, wo es sich mit dem Wind bewegt. Es ist einer Kirchturmspitze mit einer Nadel aus Blattgold nachempfunden und erinnert seit 1996 an die in der Bucht untergegangenen Dorfkirchen. Durch die Entstehung des Dollart und durch Einbrüche des Emsufers sind mindestens 20 Kirchspiele und 10 bis 15 weitere Dörfer sowie drei Klöster untergegangen

Wir stellen die Räder ab und machen uns zu Fuß auf den Weg zum Kiekkaaste. Er ist die einzige außendeichs gelegene Vogelbeobachtungshütte der Niederlande. Von hier lassen sich die Wattflächen des Dollart betrachten.

In der Ferne machen wir ein paar Rotschenkel aus, die drei jungen Ornithologinnen mit ihrem Spektiv neben uns entdecken noch eine ganze Horde Alpenstrandläufer und natürlich sehen wir alle Arten von Möwen, Gänsen und Enten.

Auf dem Rückweg nehmen wir den Asphaltweg direkt am Wasser, was zugleich bedeutet, dass wir etwa alle 200 Meter absteigen müssen, um ein Gitter aufzumachen. Damit sollen die Schafe, die hier den Deich pflegen, in bestimmten Abschnitten gehalten werden.

Als wir bei der Seehundbank ankommen, sehen wir die Bescherung: es ist Flut. Keine Möglichkeit für Seehunde also, sich auf dem Strand zu tummeln. Mist, das hatten wir vor zwei Stunden nicht bedacht. Vielleicht hätten wir da noch Glück gehabt. Wir werfen einen Blick in den Tidenkaklender: Morgen ist um 12 Uhr Niedrigwasser. Also werden wir uns nach dem Frühstück nochmal auf den Weg machen. Für heute ist es dann auch genug. Ich nehme noch die günstige Gelegenheit wahr, dass es hier eine Waschmaschine gibt und schmeiße unsere Schmutzwäsche hinein und Achim macht noch ein schönes Drohnenfoto von unserem idyllischen Stellplatz.

Am Dollart

Wat’n Wetter im Watt. Sturmtief Wolfgang sorgt für Wind und Regen an der Nordseeküste. Interessant: während es an der Ostsee zu starken Überflutungen kommt, gibt es im Wattenmeer ein äußerst seltenes Niedrigwasser. Die Fähren zu den ostfriesischen Inseln sind für heute allesamt abgesagt und auch die Elbfähre bei Glückstadt kann nicht fahren.

Wir ziehen unsere Regensachen und Gummistiefel an und machen einen kleinen Spaziergang zur Aussichtsplattform auf einer ehemaligen Bohrinsel im Dollart, eine große Bucht zwischen Deutschland und Holland. Der Hinweg mit Rückenwind ist okay, auf dem Rückweg verstecke ich mich hinter Achim, weil der Wind uns den Regen ins Gesicht peitscht.

Als wir wieder trocken sind und der Kaffee ausgetrunken ist, umrunden wir den Dollart, kommen nach Holland und stellen unseren Bus in den kleinen Hafen von Termunterzijl zum Abwettern. Füße hoch, Musik an, rausgucken aufs Wasser. Für morgen verspricht der Wetterbericht leichte Wetterbesserung.

Viele Schlösser und noch mehr Radwege im Münsterland

Auf der Fahrt vom Stettiner Haff nach Göttingen schaue ich mir im Internet an, wie man eigentlich von Göttingen aus an die holländische Nordsee, Ziel unserer nächsten Kleeblattreise, fahren kann. Dabei springt mir Münster ins Auge. Und eine Werbung der dortigen Touristeninfo für den 100-Schlösser-Radweg. Er ist 1000 km lang und da das für die Meisten zu weit ist, wurde er in vier Abschnitte aufgeteilt, die einen jeweils zu den Sehenswürdigkeiten der Gegend führen. So viele Schlösser auf einem Fleck kenne ich von der Loire. Dass es dies hier auch gibt, wusste ich nicht. Die Entscheidung fällt schnell: das schauen wir uns an.

Da der Wetterbericht für das Wochenende Regen ansagt, schieben wir einen Tag in der Stadt Münster ein. Hier gibt es interessante Museen, in denen man trocken bleibt.

Fahrradstadt Münster

Schön, wenn sich der Wetterbericht zu unseren Gunsten irrt. In der Nacht regnet es noch kräftig, aber einem Morgenlauf entlang des Dortmund-Ems-Kanals steht schon nichts mehr im Wege. Nach einem leckeren Frühstück schwingen wir uns auf die Räder, um die Stadt zu erkunden. Münster ist DIE Fahrradstadt in Deutschland, so dass wir sicher und bequem vom Stellplatz am Kanal rüber ins Zentrum fahren können.

Der Dom
Der Prinzipalmarkt

Ich habe wegen der elf Grad, die wir nur haben, Anorak, Schal und Handschuhe an, aber die Sonne strahlt mittlerweile vom Himmel und setzt den Dom und den Prinzipalmarkt ins rechte Licht.

Botanischer Garten
Das Schloss

Wir bummeln durch den botanischen Garten und zum Schloss. Es gehört zu den letzten großen Schlossanlagen, die im 18. Jahrhundert in Deutschland gebaut wurden. Johann Conrad Schlaun, der berühmteste Barockbaumeister Westfalens, errichtete das Gebäude. Das Schloss brennt im Zweiten Weltkrieg fast vollständig aus, nur einige Möbel, Türen und Wandfelder sind kostbare „Überlebende“. Heute ist das Schloss der Sitz der Universität.

Museum Kunst und Kultur

Erst gegen Mittag zieht es uns ins Museum für Kunst und Kultur, das 2014 erbaut wurde und tausend Jahre Kunst beherbergt. Es gibt interessante An-und Ausblicke.

Aus dem Museum zum Dom geblickt
Lambertikirche mit Himmelsleiter

In der Lambertikirche gibt es am Nachmittag ein Orgelkonzert. Der spanische Organist Juan Maria Pedrero (*1974) spielt Werke seines Landsmanns Juan Cabanilles (1644 – 1712) sowie von Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Reger. Zuvor und währenddessen bewundern wir die Installation „Die Himmelsleiter“ der jungen österreichischen Künstlerin Billi Thanner, die außen am Kirchturm und innen vor der Orgel befestigt ist.

Münster gefällt uns sehr gut. Wir lassen den abwechslungsreichen Besichtigungstag am Aasee bei einem Feierabendbier ausklingen. Was gibt es zu feiern? Den Tag.

Kleeblattfahrt Nummer Eins: An die Oder

2.10.2023 – Eigentlich. Was für ein gefährliches Wort. Es signalisiert, dass sich ursprüngliche Einschätzungen oder Pläne geändert haben. Stimmt leider. Eigentlich hätte dieser Blog in den kommenden zwei Monaten Bilder und Erzählungen aus Finnland enthalten sollen. Leider mussten wir diese Pläne über den Haufen werfen. Achims Mama hatte kürzlich einen Herzinfarkt und wir wechseln uns nun mit seinen Schwestern bei der Betreuung seiner Mutter ab. In unseren Pausen werden wir von Göttingen aus kleeblattförmige Touren unternehmen. Die erste führte uns nach Nordosten an die Oder.

Auf dem Weg dorthin haben wir am Ruppiner See geschlafen. Nach einem frühen Bad am Morgen haben wir auf dem Steg gefrühstückt – und uns überlegt: „Hier sieht es eigentlich aus wie in Finnland. Oder?“

Am Nachmittag erreichen wir unseren Stellplatz in Mescherin an der Oder, etwa 30 Kilometer südlich von Stettin. Hier darf man im kleinen Hafen direkt am Fluss stehen.

Wir entrichten beim Hafenmeister, einem rund 80 Jahre alten Herrn mit rosiger Haut und sonniger Laune, unseren Obulus von fünf Euro.

„Dahinten links geht es auf den Stettiner Berg. Ich sag immer: Wer da nicht hoch gestiegen ist, darf nicht sagen, dass er in Mescherin war.“

Das wollen wir uns natürlich nicht nachsagen lassen und machen uns nach dem Kaffee auf den Weg. Ein paar Minuten geht es über steile Treppen nach oben, dann haben wir einen tollen Ausblick. Die Auenlandschaft ist dem ursprünglich verästelten Lauf des Flusses zu verdanken. Die Oder ist hier zweigeteilt: es gibt die West- und die Ostoder, dazwischen die Auen.

Weiter geht es mit den Rädern nach Osten. In fünf Minuten ist die Brücke erreicht und auf der anderen Flussseite liegt Polen.

Unter der Brücke über die Ostoder bei Gryfino suchen wir einen Geocache, finden ihn aber nicht. Schade, aber wir bleiben ja noch ein paar Tage hier im Grenzgebiet, so dass Achim noch Chancen auf seinen ersten polnischen Cache hat.

Wir radeln zurück nach Deutschland, direkt hinter der Grenzbrücke steht ein Aussichtsturm. Bei Einbruch der Dämmerung macht sich eine erwartungsvolle Stimmung unter der Handvoll Vogelgucker breit. „Wenn es gerade dunkel wird, kommen sie und landen dort zum Übernachten“, erklärt mir die Frau neben uns. „So nah?“, frage ich erstaunt. Sie nickt. Es dauert noch eine kleine Stunde, währen der wir Silberreiher, Bachstelze, Fledermaus und Massen von Staren beobachten, bis die Stars des Abends kommen. Mit ihrem typischen Gru Gru fliegen sie ein, die Kraniche, zu Hunderten, und landen genau dort, wo meine Nachbarin es vorhergesagt hatte. Wie wir uns freuen.

Dann ist es dunkel, bis zum Stellplatz sind es nur fünf Minuten und es ist noch warm genug, den Gin, ein Tavla und sogar das Abendessen draußen zu genießen.

Ab und zu hören wir es im Wasser platschen, zirpen oder tschirpen. Keine Ahnung, was da im Dunkeln im und auf dem Fluss los ist, jedenfalls eine ganze Menge. Besser als Radio.