Wenn man auf die Landkarte guckt, sieht man, dass das kleine Dorf Ushguli, welches zu den höchst gelegenen Orten Europas zählt, von Gletschern umgeben ist. Wir wollen heute nicht nur auf die Karte schauen sondern es selbst erleben. Dafür brauchen wir ein geländegängiges Fahrzeug. Obwohl wir zwischen der Skisaison und der Wandersaison liegen, gibt es ein paar Anbieter, die bereit sind, uns mit einem 4-wheel-drive auf 2200 Meter hochzufahren.

Leider schneit es, der Himmel ist grau und die Wolken verbergen die hohen Berge. Bald halten wir das erste Mal : Fotostop am Liebesturm. Unser Fahrer erzählt die swanetische Legende dazu: „An diesem Ort trafen sich eine junge Frau und ihr Freund regelmäßig für zarte Stunden. Eines Tages ging der junge Mann nach ihrem Treffen auf die Jagd und kam nicht wieder. Seitdem ging seine Freundin täglich zum früheren Treffpunkt und wartete auf ihn. Ihr Vater baute diesen Turm für sie, in dem sie fortan Ausschau nach ihrem Liebsten hielt.“

Nach eineinviertelstündiger Fahrt über eine ganz passable Piste erreichen wir Ushguli. Es ist das Highlight Oberswanetiens und zählt mit seinen vielen mittelalterlichen Wehrtürmen in nahezu unberührter Bergwelt zum Weltkulturerbe.

Auf Anraten unseres Fahrers bestellen wir erst unser Mittagessen für später vor und machen uns dann auf einen Spaziergang durchs Dorf.

Außer uns ist höchstens ein Dutzend anderer Touristen unterwegs, erheblich weniger als Kühe und Pferde, mit denen wir uns die Pfade teilen. „Auf was laufen wir hier eigentlich herum?“, frage ich. Ich denke, der Untergrund besteht zu je einem Drittel aus Matsch, Schnee und Kuhfladen.

Zum Mittagessen gibt es Kubdari, swanetisches Katchapuri, mit Hackfleisch statt mit Käse gefüllt, gewürzt wahrscheinlich mit Georgian Salt, einer speziellen, unbedingt noch zu erwerbenden Würzmischung.

Es gibt noch einen unteren Dorf Teil, in dem keiner mehr lebt und den wir uns nach dem köstlichen Mittagessen noch anschauen.

Dann geht es in wilder, aber sicherer Fahrt zurück nach Mestia. Inzwischen hat sich das Wetter gebessert und hin und wieder spitzt sogar mal ein Berg hervor.

In Ushguli war uns ein Kino und ein großes Filmplakat aufgefallen.

Der Film wird auch in Mestia gezeigt und zwar seit sieben Jahren im selben Kino, täglich, fünf Mal am Tag – wenn Publikum da ist. Wir sind um 19 Uhr zur Stelle und neugierig auf den Film, der bereits auf 300 Festivals lief und 20 Preise eingeheimst hat.
Er soll auf einer wahren Geschichte basieren, die in Ushguli spielt und 2017 dort gedreht worden. Er zeigt, dass noch 1990 äußerst archaische Sitten dort herrschten: Zwangsheirat, Brautentführung (nicht als Hocheitsspiel!), Blutfehde. Aber er zeigt auch eine starke Frau, die sich auflehnt.

Wir sind allein im Kino und ich finde es nahezu surreal, in diesem außergewöhnlichen Kino in einer sehr besonderen Stadt einen Film über einen äußerst speziellen Ort zu sehen, den wir erst vor ein paar Stunden besucht haben. Genau wie im Film haben wir Ushguli erlebt. Der Film spielt auch im Winter. Was für ein Tag!

Die Wehrtürme in Mestia werden nachts angestrahlt. Auf dem Heimweg macht Achim noch dieses Foto.
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