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Zum georgischen Amazonas

Kontrastprogramm gefällig? Immer! Also fahren wir heute von den schneebedeckten Bergen des Großen Kaukasus ins platte Marschland des Kolkheti-Nationalparks. Er ist ein bedeutendes Naturschutzgebiet im Westen Georgiens an der Schwarzmeerküste, das 1999 zum Schutz der dortigen Feuchtgebiete gegründet wurde und ebenfalls Teil des UNESCO-Weltnaturerbes ist. Manche nennen ihn den „georgischen Amazonas“.

Dreieinhalb Stunden meint unser Navi optimistisch. Wie lange wir wohl wirklich brauchen werden? Ich tippe auf sechs Stunden reine Fahrzeit. Wir werden es sehen. Jetzt sehen wir erst noch einmal viele alte Wehrtürme vor den majestätischen Gipfeln der Bakildi-Kette. Bei tiefblauem Himmel. Hätten wir dieses Wetter gestern in Ushguli gehabt, wären wir wohl trunken geworden.

Kurz können wir auch mal nach Norden blicken und erspähen den Ushba-Gletscher mit über viertausend Metern.

Mittagspause machen wir wie auf der Herfahrt bei Big Beni, wo wir die EU MitarbeiterInnen getroffen hatten. Hoi, hier erleben wir gleich mal einen Temperaturunterschied von 30 Grad: -5 beim Aufwachen und 25 (!) Grad jetzt. Zum Essen wählen wir diesmal Ojakhuri, Es ist eines der beliebtesten georgischen Gerichte. Übersetzt heißt es „Familienmahl“, weil es eben allen schmeckt. Unentbehrliche Grundzutaten sind Schweinefleisch und Kartoffeln, beim Rest sind zahlreiche Variationen möglich. Im Grunde sind es Bratkartoffeln mit Fleisch und Zwiebeln. Das hatte ich mir etwas interessanter vorgestellt. Vielleicht liegt es ja am Lokal.

Den Paliastomi-See erreichen wir um viertel vor Fünf, reine Fahrzeit also wie vermutet gute sechs Stunden. Im Besucherzentrum können wir tatsächlich noch eine Bootsfahrt buchen. Wir queren zuerst den See, der eher eine Lagune als ein See ist und teilweise durch Sanddünen und einen schmalen Kanal vom Schwarzen Meer getrennt wird. Er ist nur drei Meter tief, liegt etwa 30 Zentimeter über dem Meeresspiegel und wird vom Süßwasserfluss Pichori gespeist.

In diesen biegen wir nach etwa zehn Minuten ein.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Feuchtgebiete des Kolkheti-Nationalparks Teil eines uralten Ökosystems sind, dessen Alter auf 10 Millionen Jahre geschätzt wird. Sie stellen eine einzigartige Mischung aus tropischer und subtropischer Vegetation dar.

Der Fluss mändert durch den Urwald und wir mit ihm. Unser Bootsführer hält an und lädt uns zu einem kleinen Waldspaziergang ein.

Weiter geht’s. Diesmal in einen Teil mit Schilf und Binsen.

Rechtzeitig zum Sonnenuntergang fährt der Käptn uns zu einem Vogelbeobachtungsturm.

Die Hauptattraktionen des Parks sind seine gefiederten Bewohner. Mit einem angesehenen dritten Platz weltweit für Vogelmigration dient Kolkheti als Zufluchtsort für 194 verschiedene Vogelarten, von der bedrohten Rostgans und der Graugans bis hin zu sechs Arten von gefährdeten Adlern.

Und wir haben einmal mehr Glück:  ein Dutzend Seeadler kreisen spielerisch um uns herum, stoßen ins Schilf hinunter, steigen wieder auf, scheinen miteinander zu spielen. Die Hintergrundmusik bieten die Frösche, die ihr Abendkonzert angestimmt haben.

Herzlich bedanken wir uns für den wunderschönen Ausflug und suchen uns ganz in der Nähe einen Platz zum Schlafen am Schwarzen Meer, das vom See aus gleich auf der anderen Straßenseite liegt. Ein Rudel Hunde, die hier allesamt friedlich und schmusebedürftig sind, nimmt uns in Empfang. Das Gemüse für die Suppe hatte ich schon während der Fahrt geschnippelt, sie muss nur noch ein halbes Stündchen kochen. Gerade haben wir es uns gemütlich gemacht, da fährt die Polizei vor. Sehr freundlich erklärt uns der Polizist, dass es hier nicht sicher sei und wir woanders hinfahren sollten.

Er zeigt uns auf maps einen fünf Kilometer entfernten Platz am Meer. Aber vorher dürfen wir noch unsere Suppe essen. Danach ziehen wir um und sind sehr zufrieden mit der neuen location. Ich schlafe so gern beim Rauschen des Meeres ein.

Bei Schnee nach Ushguli

Wenn man auf die Landkarte guckt, sieht man, dass das kleine Dorf Ushguli, welches zu den höchst gelegenen Orten Europas zählt, von Gletschern umgeben ist. Wir wollen heute nicht nur auf die Karte schauen sondern es selbst erleben. Dafür brauchen wir ein geländegängiges Fahrzeug. Obwohl wir zwischen der Skisaison und der Wandersaison liegen, gibt es ein paar Anbieter, die bereit sind, uns mit einem 4-wheel-drive auf 2200 Meter hochzufahren.

Leider schneit es, der Himmel ist grau und die Wolken verbergen die hohen Berge. Bald halten wir das erste Mal : Fotostop am Liebesturm. Unser Fahrer erzählt die swanetische Legende dazu: „An diesem Ort trafen sich eine junge Frau und ihr Freund regelmäßig für zarte Stunden. Eines Tages ging der junge Mann nach ihrem Treffen auf die Jagd und kam nicht wieder. Seitdem ging seine Freundin täglich zum früheren Treffpunkt und wartete auf ihn. Ihr Vater baute diesen Turm für sie, in dem sie fortan Ausschau nach ihrem Liebsten hielt.“

Nach eineinviertelstündiger Fahrt über eine ganz passable Piste erreichen wir Ushguli. Es ist das Highlight Oberswanetiens und zählt mit seinen vielen mittelalterlichen Wehrtürmen in nahezu unberührter Bergwelt zum Weltkulturerbe.

Auf Anraten unseres Fahrers bestellen wir erst unser Mittagessen für später vor und machen uns dann auf einen Spaziergang durchs Dorf.

Außer uns ist höchstens ein Dutzend anderer Touristen unterwegs, erheblich weniger als Kühe und Pferde, mit denen wir uns die Pfade teilen. „Auf was laufen wir hier eigentlich herum?“, frage ich. Ich denke, der Untergrund besteht zu je einem Drittel aus Matsch, Schnee und Kuhfladen.

Zum Mittagessen gibt es Kubdari, swanetisches Katchapuri, mit Hackfleisch statt mit Käse gefüllt, gewürzt wahrscheinlich mit Georgian Salt, einer speziellen, unbedingt noch zu erwerbenden Würzmischung.

Es gibt noch einen unteren Dorfteil, in dem keiner mehr lebt und den wir uns nach dem köstlichen Mittagessen noch anschauen.

Dann geht es in wilder, aber sicherer Fahrt zurück nach Mestia. Inzwischen hat sich das Wetter gebessert und hin und wieder spitzt sogar mal ein Berg hervor.

In Ushguli waren uns ein Kino und ein großes Filmplakat aufgefallen.

Der Film wird auch in Mestia gezeigt und zwar seit sieben Jahren im selben Kino, täglich, fünf Mal am Tag – wenn Publikum da ist. Wir sind um 19 Uhr zur Stelle und neugierig auf den Film, der bereits auf 300 Festivals lief und 20 Preise eingeheimst hat.

Er soll auf einer wahren Geschichte basieren, die in Ushguli spielt und 2017 dort gedreht worden. Er zeigt, dass noch 1990 äußerst archaische Sitten dort herrschten: Zwangsheirat, Brautentführung (nicht als Hocheitsspiel!), Blutfehde. Aber er zeigt auch eine starke Frau, die sich auflehnt.

Wir sind allein im Kino und ich finde es nahezu surreal, in diesem außergewöhnlichen Kino in einer sehr besonderen Stadt einen Film über einen äußerst speziellen Ort zu sehen, den wir erst vor ein paar Stunden besucht haben. Genau wie im Film haben wir Ushguli erlebt. Der Film spielt auch im Winter. Was für ein Tag!

Die Wehrtürme in Mestia werden nachts angestrahlt. Auf dem Heimweg macht Achim noch dieses Foto.