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Ich war noch nicht überall,aber es steht auf meiner Liste

Kein Kampf gegen Windmühlen

Vor hunderten von Jahren hat Don Quijote hier, genau vor meinen Augen, gegen die Windmühlen gekämpft. Er hielt sie in seiner Fantasiewelt für Giganten, die er besiegen musste.

Cervantes nannte keine Ortschaften, aber diese Gegend hier, la Mancha, war die Abenteuerwelt des Ritters der traurigen Gestalt, seines treuen Gefährten Sancho Panza und seines klapperdürren Gauls Rosinante.

Damals, also um das Jahr 1600, standen auf dieser Hochebene, auf der wir nun mit unserem Camper stehen, hunderte von Windmühlen. In der gesamten Gegend dürften es jetzt immer noch knapp hundert sein, hier in Campo de Criptana zähle ich neun vor meiner Windschutzscheibe, drei stehen noch unten im Dorf.

Wir schaffen es tatsächlich, mit Sonnenaufgang aufzustehen und Fotos zu machen. Das klingt allerdings dramatischer als es ist, denn die Sonne geht hier erst um viertel vor acht auf. Dramatisch ist höchstens die Temperatur: zwei Grad.

Nach dem Frühstück gehen wir runter ins Dorf mit seinen weiß-blau gestrichenen Häusern und den schmalen Gassen.

Der Blick zurück bietet immer neue schöne Blicke auf die Windmühlen.

Anders als Don Quijote müssen wir nicht gegen Windmühlen kämpfen sondern können uns einfach an ihrem Anblick erfreuen.

Auf dem Weg weiter Richtung Süden fahren wir weiter durch die Provinz Kastilien La Mancha. Auffällig sind die riesigen Weinfelder rechts und links der Straße. Da ich heute Beifahrerin bin, habe ich Zeit zum googeln und kann Achim mit einem Rätsel überraschen: „Was hat unsere Heimat gemeinsam mit La Mancha?“ Beide beherbergen ein weltweit größtes Anbaugebiet. Die Holledau, in deren Nähe wir leben, das für den Hopfen. Und La Mancha das für Wein. Ist ja nicht zu fassen!

vinos.de weiß: „La Mancha im kastilischen Hochland ist das größte zusammenhängende Weinbaugebiet der Welt. Die DOP weist 170.000 ha Rebfläche auf, was mehr ist als alle Weinberge Deutschlands, Österreichs und der Schweiz zusammen. Auf großen Flächen wachsen Weiß- und Rotweine, von denen die meisten im preiswerten Bereich angeboten werden.“ Beim nächsten Weinkauf werden wir zugreifen.

Am Nachmittag erreichen wir Andalusien, die Weinstöcke werden von Olivenbäumen abgelöst. So weit das Auge reicht. In der Ebene und die Hänge hinauf. Im Internet ist von „Olivenmeeren“ die Rede. Allein in dem Bereich, in dem wir uns jetzt aufhalten, wachsen über 65 Millionen Olivenbäume.

Das Weltkulturerbe Úbeda liegt auf unserem Weg. Wir bummeln durch die kleine Renaissancestadt und trinken Kaffee. Der Weinkauf scheitert an der sehr ausgedehnten Siesta. Die Geschäfte machen erst um fünf wieder auf.

Schließlich erreichen wir unser Tagesziel, einen Stellplatz bei Cazorla mit toller Aussicht auf die Olivenhaine. Hier werden wir zwei Nächte verbringen, denn morgen wollen wir im Nationalpark wandern.

Noch auf ein Museum in die Stadt

Es gibt natürlich noch ewig viel zu sehen hier in Madrid, aber wir wollen der Großstadt heute Nachmittag wieder den Rücken zukehren. Jedoch nicht ohne vorher das Museo Reina Sofia besucht zu haben.

Hier hängt ein Bild, das ich schon im Kunstgeschichte-Unterricht in der Schule kennengelernt und danach in etlichen Büchern gesehen habe, aber noch nie im Original: die Guernica von Picasso.

Das Bild entstand 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der spanischen Stadt Guernica durch den Luftangriff der deutschen Legion Condor und der italienischen Corpo Truppe Volontarie, die während des Spanischen Bürgerkrieges auf Seiten Francos kämpften.

Mit uns sind heute viele Schülerinnen und Schüler im Museum, intensiv von Lehrkräften betreut. Genau wie wir schauen sie Guernica und viele andere Picassos, Juan Gris, Dalis und Miros an. Ein Museum ganz nach meinem Geschmack. Wegen der vielen spannenden Bilder, aber auch weil Menschen über 65 Jahre hier freien Eintritt haben. Graçias!

Zum Abschluss unseres Kurztrips in die spanische Hauptstadt laufen wir noch zum Caixa-Forum, ein Kunstforum der gleichnamigen Bank mit beeindruckender Architektur und einem vertikalen Garten nebendran.

Dann geht es weiter nach Süden. Das Land der Windmühlen ist unser Ziel. In Campo de Criptana, 170 Kilometer südlich von Madrid, stehen neun auf einem Plateau. Wenige Minuten vor Sonnenuntergang sind wir da.

Der Stellplatz ist direkt daneben und mit dieser tollen Aussicht dürfen wir heute den Tag ausklingen lassen.

Morgen zum Sonnenaufgang wird weiter fotografiert und dann zeige ich Euch wahrscheinlich noch hundert Windmühlenfotos.

Madrid: wir schauen und hören

Das Café sieht ein wenig aus wie ein Wiener Kaffeehaus, dabei ist es ein Jazzclub. Einer DER Jazzclubs in Europa: das Café Central mitten in Madrid. Heute Abend spielen Cañorroto Flamenco Jazz. Dabei gehen die Stücke ganz entspannt am Klavier mit traditionellen Grooves los, dann steigen Gitarre und Stimme mit Flamencorhythmen ein, erweitern das Lied und heizen es an.

Der Flamenco drückt sowohl Lebensfreude und Rebellion als auch Schmerz, Not und Verzweiflung aus. Mit diesen Themen waren wir auch mittags schon beschäftigt, als wir die Bilder der großen Meister im Prado besuchen.

Der Prado beherbergt die Bilder-Sammlung der spanischen Könige bis zurück ins 16. Jahrhundert. In über 100 Sälen und Galerien werden rund 1800 Werke der großen alten Meister gezeigt, Bruegel, Dürer, Hieronymus Bosch, Raffael und viele andere mehr.

Zunächst einmal bin ich aufgeregt. Nicht wegen der Kunst sondern wegen verschiedener äußerer Umstände. Ich habe mein Portemonnaie im Bus gelassen und damit auch meinen Personalausweis. Somit kann ich der Dame an der Kasse nicht beweisen, dass ich älter bin als 65 und darf nicht für den reduzierten Eintritt von 7,50 Euro ins Museum sondern muss den regulären von 15 Euro zahlen. Ich sollte es als Kompliment werten.

Dann kämpfen wir mit der Technik des Audioguides. Ich erspare Euch die Einzelheiten. Jedenfalls dauert es eine Weile, bis wir uns entspannt die Heiligen, Könige, Stilleben und Massen von nackten Brüsten und Popos anschauen können.

Nach drei Stunden ist dann aber auch mal gut und es zieht uns nach draußen in die Sonne. Die scheint nämlich bei angenehmen 14 Grad.

Ein imposanter Boulevard hier, eine beeindruckende Häuserzeile dort, große Plätze, kleine Plätze, Geschäfte, Cafés, Kneipen, Kirchen, Museen, Regierungsgebäude… Hilfe, ich kann nicht mehr! Mir tun die Knochen weh vom Halbmarathon.

Aber keine Sorge, Rettung naht. Was in München die Leberkässemmel, ist in Madrid das Bocadillo de Calamares, das Baguette mit frittierten Calamari.

Und da man auf einem Bein bekanntlich nicht stehen kann, gibt es zum Nachtisch gleich die nächste spanische Spezialität: Churros con chocolata.

So gestärkt können wir noch eine Runde um die  Häuser ziehen, bis es Zeit wird für einen wunderbaren Musikabend in einem der renommiertesten Jazzclubs Europas, dem Café Central. Olé! Begeisterte Rufe aus dem Publikum. Olé!

Bereits nach einer guten Stunde  ist das Konzert zu Ende, denn es gibt pro Abend zwei Vorstellungen. Da bleibt noch Zeit für ein Eis auf dem Weg zur U-Bahn. Bei mild gefühlten zehn Grad schmeckt es schon.

Madrid: erste Eindrücke

Am Vormittag müssen wir eine spanische Gasflasche kaufen (wir haben die vom letzten Jahr wieder mitgebracht und können sie nun tauschen), Großeinkauf im Supermarkt machen (Aioli, Tortilla, Orangen, Schinken…) und gute 200 Kilometer Richtung Südwesten fahren, dann sind wir in Madrid.

Im Norden der Stadt gibt es einen Campingplatz. Den nehmen wir. In die Stadt kommen wir mit der Metro.

Und dann sind sie da, die Prachtbauten:

Die Oper
Der Königspalast
Die Kathedrale
Die Plaza Mayor

Viele Menschen sind unterwegs, viele sitzen sogar schon in den Straßencafés auf einen Kaffee, ein Bier oder einen Apéririf. Wir schlendern noch ein bisschen durch die Straßen, genießen die schönen Bauten und das entspannte Treiben und beenden unseren ersten Besuch in Madrid mit zwei cañas, zwei Glas Bier mit Knabberzeug. Morgen geht’s weiter: der Prado und ein Jazzkonzert stehen auf dem Programm.

Kraniche an der Lagune

Der Sturm hat sich über Nacht gelegt, der Regen auch. Noch vor Sonnenaufgang ziehe ich die Laufsachen an. Sobald ich den Bus verlasse, höre ich die Kraniche. Sie sind auch schon wach und machen sich in großen Schwärmen auf zu ihren Futterplätzen. Eingebettet in ihr Grugru laufe ich durch den frühen Morgen.

Als ich eine halbe Stunde später wieder am Bus ankomme, ist Achim fleißig beim Fotografieren und dann geht die Sonne auf.

Beim Frühstück knallt die Sonne in den Bus. So schade, dass es nur fünf Grad hat und wir die Tür nicht die ganze Zeit auflassen können.

Wir bleiben heute hier und haben ganz viel Zeit: zum Kuchen und Brot backen, Wäsche waschen, Zeitung lesen, Kreuzworträtseln und Wordlen.

Bei der Aussicht macht das alles richtig Spaß.

Gegen Mittag machen wir einen Spaziergang ins gegenüberliegende Dorf Gallocanta. Eigentlich wollten wir mit den Rädern die ganze Lagune umrunden. Erinnerungen werden wach: Als wir vorletztes Jahr diese Tour gemacht haben, war es die erste nach Achims Achillessehnen-OP. Ganz behutsam waren wir damals – und jetzt ist alles wieder gut. Was für ein Glück!

Inzwischen hat der Wind aber wieder zugelegt, so dass wir den gemütlichen Spaziergang vorziehen. Kurzzeitig kreuzen mal wieder die Kraniche am Himmel auf, tröten laut und fliegen von den Feldern zu ihren Schlafplätzen im seichten Wasser. Keine Ahnung, warum sie das tun. Wir einigen uns auf die logischste Erklärung: sie wollen einen Mittagsschlaf machen. Wenn jemand eine bessere Idee hat, darf sie oder er sie gern in die Kommentare schreiben.

Nachdem sich die Kraniche niedergelassen haben, ziehen wir los. Diesmal ist es der Gesang der Lerchen, der uns auf unserem Weg begleitet. „Feld- und Haubenlerchen“, weiß mein Liebster es genauer. Lange nicht mehr gehört.

An der Eremitage und einem blühenden Mandelbaum vorbei gelangen wir nach einer guten Stunde ins Dorf.

Neu sind die murals. Sie sind Teil der Enciclopèdia mural des Künstlers Swen Schmitz Coll, der in Zusammenarbeit mit den Behörden vor Ort Tiere und Pflanzen einer Gegend auf Hausmauern malt und mit Infotafeln ergänzt. So sollen Flora und Fauna der Bevölkerung näher gebracht werden.

Ansonsten wirkt der kleine Ort sehr aufgeräumt aber fast verlassen. Die Rollläden vor vielen Fenstern scheinen dauerhaft heruntergelassen zu sein.

Heute genießen wir noch die Einsamkeit, morgen werden wir uns ins Getümmel der Hauptstadt stürzen. Ein ordentliches Kontrastprogramm.

Zufallsfund: Olite

Ob die Schöpfer von Disneyland den kleinen Ort Olite vor Augen hatten, als sie ihre Phantasiewelt erschufen? Möglich ist es.

Der Palast der Könige von Navarra aus dem 15. Jahrhundert thront mit all seinen Türmen und Zinnen mitten in der kleinen, circa 40 Kilometer südlich von Pamplona gelegenen Stadt.

Es ist Sonntag und mit uns ist eine Menge Besucherinnen und Besucher im Palast. Außer uns nur Spanier. Alle klettern begeistert die Türme hoch und runter und bestaunen das außergewöhnliche Ambiente und die schöne Aussicht.

Nach dem ganzen Auf und Ab wird es Zeit, sich zu erholen. In den spanischen Cafés ist das immer ein pures Vergnügen. Nette Leute, anständige Preise: Drei Euro für zwei Milchkaffee, so lieben wir das. Was wir übrigens auch noch lieben ist der aktuelle Diesel-Preis in Spanien: 1,40 € pro Liter.

Dann geht’s wieder auf die Straße. 200 Kilometer haben wir noch vor uns. Wir passieren die Südauslãufer der Pyrenäen und erreichen schließlich die Laguna de Gallocanta.

Im Informationszentrum im südlichen Bereich gibt es einen Aussichtsturm, von dem aus man auf die Kraniche gucken kann, die ein paar hundert Meter entfernt stehen.

Die Laguna de Gallocanta ist, wie der Lac du Der-Chantecoq in Frankreich, an dem wir vor ein paar Tagen waren, einer der wichtigsten Rastplätze für den Kranichzug. Laut Fachfrau im Infozentrum sind aktuell 26 000 Vögel des Glücks hier. Wo man sie morgen früh am besten beobachten könnte, frage ich die Dame. Bei der Ermità de nuestra señora del Buen Acuerdo, empfiehlt sie uns. Den Spot kennen wir vom letzten Jahr. Da haben wir dort übernachtet.

Über Stock und Stein rumpeln wir ein Stück weit nach Norden, erreichen die Einsiedelei, biegen rechts ab und erreichen einen kleinen Parkplatz neben einer Vogelbeobachtungshütte. Schockierend: der See ist in diesem Bereich trocken gefallen. Wir sind jetzt zum dritten Mal hier und das haben wir noch nicht erlebt.

Wir ziehen uns nochmal warm an, um nach den Vögeln zu schauen. Ich halte es aber nicht lange aus, denn ein Sturm ist aufgekommen und es ist nun sehr ungemütlich draußen. Im Bus ist es erheblich gemütlicher, aber der Wind schaukelt den Camper ordentlich hin und her. Ich glaube, ich werde bald seekrank.

Stippvisite am Atlantik

Schnee und Regen in den Pyrenäen. Das klingt nicht gut. Deshalb entscheiden wir uns für den kleinen aber sicheren Umweg über Biarritz, was uns einen nicht geplanten Kurzbesuch am Atlantik beschert.

Die Vorfreude steigt, als während der Fahrt sogar die Sonne rauskommt. Kaffee trinken an der Uferpromenade? Ein Strandspaziergang? Mal sehen, ob das Wetter hält.

Als wir am Meer ankommen, werden wir mit einem kräftigen Hagelschauer begrüßt. Nicht der erste an diesem Tag. Wir packen uns wetterfest ein und schon hört es auf und bald kämpft sich sogar die Sonne durch. Die Wellen schlagen gegen den Strand, es tost und braust. Die Lippen schmecken nach wenigen Minuten salzig. Was für ein Spektakel!

Und dann sind wir am Ziel. Nicht nur am Tagesziel, am ZIEL. In Spanien.

Die Anreise ist nun vorbei und wir wollen in der nächsten Zeit einmal mehr Spanien erkunden, das heißt: Orte oder Gegenden aufsuchen, die wir schon kennen und sehr mögen und Orte und Gegenden erkunden, die neu für uns sind. Einiges haben wir schon ins Auge gefasst, wollen uns aber auch treiben lassen und auf Unvorhergesehenes einlassen.

Darauf erstmal dos cafè con leche, zwei Milchkaffee.

Am frühen Abend steuern wir einen Stellplatz zwischen San Sebastian an der Küste und Pamplona, südlich davon im Landesinneren, im Dorf Lekunberri, an. Achim lässt die Drohne steigen und dann wird es multikulti im Bus: LaBrassBanda liefert die musikalische Umrahmung zum gestern erworbenen französischen Wein und spanischer Tortilla.

Bordeaux trinken bei Bordeaux

„Wenn es morgen wieder den ganzen Tag so schüttet wie heute, fahren wir durch. Hinter Bordeaux gibt es einen schönen Stellplatz direkt an der Gascogne“, schlägt Achim gestern Abend vor. Ich bin einverstanden. Sollte, entgegen der Wettervorhersage, es nicht ununterbrochen regnen, wollen wir uns Limoges anschauen und das Örtchen Périgueux, auf das wir neulich durchs SZ-Rätsel aufmerksam wurden.

Der Sonnenaufgang am Etang Duris bei Luant ist vielversprechend. Vielleicht haben wir heute mehr Glück als gestern. Da hat es vom Aufstehen bis zum Schlafengehen nonstop geregnet. Wir sind nur gefahren, unterbrochen von drei kurzen Stopps: Einkaufen, Ver- und Entsorgen und die Kanalbrücke bei Briare anschauen, wo ein Seitenkanal der Loire den tiefer gelegenen Fluss Loire quert.

Nach dem Frühstück lässt Achim die Drohne steigen. Wir kennen den kleinen See, an dem wir übernachtet haben, von unserer Spanienreise vor zwei Jahren. Und dann kommt tatsächlich die Sonne raus und wir geben Limoges ins Navi ein.

30 Kilometer vor unserem Zwischenziel fängt es wieder an zu regnen, aber da es nur regnet und nicht gießt, greifen wir zum Schirm und machen uns auf zu einem kleinen Spaziergang. Der dauert dann tatsächlich nicht sehr lang. Es ist kalt, vier Grad, und der Regen wird auch wieder stärker.

Hübsch die alte Brücke und die Häuser aus dem Mittelalter, stattlich die Kathedrale.

Beim Mittagessen überlegen wir lange hin und her, was wir mit dem Rest des Tages anfangen. Périgueux ist schnell aus dem Rennen. Zu nass. Stellplatz beim Winzer mit Weinverkostung oder den sehr verlockend aussehenden direkt an der Garonne? Wir entscheiden uns für den Wein und sind gespannt, was uns erwartet.

Nach 233 Kilometern und knapp drei Stunden Fahrt sind wir schlauer:

Benoît vom Château du Garde leitet das Weingut, auf dem wir heute übernachten, in vierter Generation. Wir verabreden uns mit ihm für 18 Uhr zu einer Dégustation, einer Weinprobe.

Bis zum letzten Jahr hat er 34 ha bearbeitet, erzählt er uns während der Verkostung. Das ist ihm zuviel geworden und so hat er sich bis auf 8 ha von seinen Weinbergen getrennt. Aus seinen Trauben stellt er Rot- und Weißwein her sowie den Clairet, eine Art Rosé, die es nur in der Gegend von Bordeaux gibt.

Nun will er sich mehr auf Tourismus konzentrieren. Camper sind jetzt schon willkommen, im Laufe des Jahres möchte er ein Sanitärgebäude einrichten und Radtouren nach Bordeaux anbieten. Das wird sicherlich funktionieren, denn es ist schön hier zwischen den Weinbergen, Benoît ist ein sehr kommunikativer Mensch und der Wein ist sehr lecker. Santé!

Kraniche in der Champagne

Als ich um kurz nach sieben die Bustür öffne, geht gerade die Sonne auf. Ich höre sie sofort: „Gru, Gru!“, tröten die Kraniche, die wie auf einer Perlenkette aufgereiht über mich hinwegfliegen. Wegen ihnen sind wir hergekommen. Im Herbst und im Frühjahr rasten Abertausende von Kranichen hier am Lac du Der-Chantecoque auf ihrem Zug von Süd nach Nord und andersrum. Im November 2019 wurden über 260.000 Kraniche gezählt, neuer Allzeit-Rekord für alle Rastplätze auf der westlichen Zugroute. Genau heute vor einem Jahr (Achims Kamera weiß das) sind wir per Zufall in der Mittagspause hier gelandet und haben dabei von Vogelguckern erstmals davon gehört.

Eigentlich wollte ich gleich nach dem Aufstehen eine Runde Laufen, aber jetzt muss ich erstmal zurück in den Bus und die Kamera holen. Voilà.

Jetzt aber los. Achim hatte mir gestern Abend schon einen Tipp für eine schöne Runde gegeben und was soll ich sagen? Recht hat er gehabt! Ich laufe vom Bus aus ein paar Minuten und erreiche einen Damm, dem ich bis ans andere Ende folge. Das Plätschern des Wassers und das Tröten der Kraniche begleiten mich.

Es hat zwar nur sechs Grad, aber mit Mütze und Handschuh ist das kein Problem.

Gegen Mittag machen wir uns mit den Fahrrädern auf, den See zu umrunden. Mit knapp 48 km² ist der Lac du Der-Chantecoq der größte Stausee in Frankreich. Mit dem Bau des Stausees wurde 1966 begonnen, acht Jahre später konnte er eingeweiht werden. Er dient als Rückhaltebecken, um das Marne-Tal und im weiteren Verlauf vor allem die Stadt Paris vor Hochwasser zu schützen und in trockenen Hochsommern immer für ausreichenden Wasserstand der Seine in Paris zu sorgen.

Es gibt einen sehr gut ausgeschilderten Radweg, der auf 40 Kilometern einmal rundum führt. Meistens können wir auf dem Damm fahren mit toller Aussicht aufs Wasser und die Wasservögel. Reiher, Haubentaucher, verschiedene Enten und Gänse, alles da. Nur mein geliebter Eisvogel lässt sich nicht blicken. Über uns kreisen immer mal wieder Falken, ab und zu ziehen auch ein paar Kraniche über uns weg. Ob sie wohl schon aus Spanien kommen?

Ein Hinweisschild am Wegesrand zeigt uns, dass der nächste von uns wieder angepeilte Kranich-Hotspot in Spanien, die Laguna de Gallocanta, noch 1308 Kilometer weg ist. In ein paar Tagen sind wir dort.

In der zweiten Hälfte der Tour führt die Route öfters durch den Wald. Der Name Lac du Der kommt vom keltischen Wort für „Eiche“, der wichtigste Baum für den Hausbau und die typischen Fachwerk-Kirchen der Region. 

Chantecoq war eines der drei überfluteten ehemaligen Dörfer, die im heutigen Seegebiet lagen.

Während wir heimradeln, male ich mir aus, dass wir uns so gegen viertel vor sechs mit zwei Gin Tonic, ein paar Nüsschen und einer warmen Decke auf den Damm setzen und den Kranichen beim allabendlichen Flug in ihr Nachtquartier zuschauen. Pünktlich um halb sechs fängt es an zu regnen. Jetzt giesst es. Keine Kraniche heute Abend. Aber ein Gin Tonic geht trotzdem, oder?

Den Hochöfen aufs Dach gestiegen: Völklinger Hütte

Treppauf, Treppab, vorbei an rostigem Stahl, einem fesselnden Gewirr aus Rohrsystemen, Gebäuden und Kaminen, hinauf in die schwindelerregende Höhe der Hochöfen. Über zwei Stunden streifen wir durch die Völklinger Hütte bei Saarbrücken, die meiste Zeit sind wir alleine unterwegs und entdecken ein Industriedenkmal, ein Weltkulturerbe, von dem ich bis vor kurzem nur den Namen kannte.

Von 1873 bis 1986 arbeiteten Tausende von Menschen in diesem zeitweise bedeutendsten Eisen- und Stahlwerk Europas – in beiden Weltkriegen Tausende von Zwangsarbeitern.

Seit der Stilllegung der Hochofenanlage sowie der Gasgebläsehalle 1986 stehen diese unter Denkmalschutz und wurden 1994 zum Weltkulturerbe erklärt.

Die UNESCO begründete ihre Entscheidung so: „Die Völklinger Hütte ist ein einzigartiges Zeugnis der Industriekultur und der Technikgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.“  Sie ist das weltweit einzige Eisenwerk dieser Epoche, das vollständig erhalten ist und zugleich Schauplatz internationaler Ausstellungen, Festivals und Konzerte.

Weitere zwei Stunden verbringen wir mit gefühlt hundert Ausschnitten aus der Geschichte des deutschen Films von 1895 bis heute, von Marlene Dietrich bis Franka Potente, von Emil Jannings bis Daniel Brühl. Dann schwirrt mir der Kopf, Achim kriegt sich nicht mehr ein vor Begeisterung und unsere Liste der unbedingt noch anzuschauenden Filme ist um ein Vielfaches länger geworden.

Zur Erholung machen wir am Nachmittag einen Spaziergang auf eine Halde. Auf ihrem Plateau steht das Saar-Polygon, das ich gestern per Zufall im Internet entdeckt habe. Es soll die Vergangenheit, den Wandel und die Zukunft der Region symbolisieren.

Unseren heutigen Übernachtungsplatz am Lac du Der Chantecoque in Frankreich erreichen wir erst im Dunkeln.

Heute Morgen bin ich sehr früh aufgewacht. Reisefieber hat mich gepackt. Zwei Monate werden wir nun mit unserem Camper unterwegs sein und ich frage mich: Welche Menschen werden wir kennenlernen? Welche Tiere beobachten können? Welche Orte entdecken wir? Was werden wir alles erleben? Welche Abenteuer erwarten uns? Da kann die Temperatur schon mal ansteigen. Der erste Tag war auf jeden Fall schon mal ein fulminanter Auftakt.