In die alte Heimat

Gut, dass wir eine Heizung haben! Fünf Grad sind es draußen, als wir um kurz vor halb Acht wach werden. Nebel liegt über dem See, Frau Fastner und Frühstück warten auf mich.

Um 7.30 Uhr (Eva)

Um kurz vor Neun (Achim)

Unser erstes Ziel heute ist die Wewelsburg in Büren (Kreis Paderborn). Sie ist Deutschlands einzige vollständig erhaltene Dreiecksburg. Erbaut im 17. Jahrhundert im Stil der Weserrenaissance, erlangte sie im Dritten Reich traurige Berühmtheit als geplantes SS-Kulturzentrum unter Heinrich Himmler.

Für die massiven Umbaupläne wurde das nahegelegene Konzentrationslager Niederhagen errichtet. Mindestens 1.285 KZ-Häftlinge starben durch die unmenschlichen Bedingungen und Gewalttaten.

Heute ist die Wewelsburg mit Jugendherberge und Erinnerungsstätte ein Ort der Begegnung und Aufklärung.

Zudem befindet sich hier ein bekannter, zehnteiliger expressionistischer Mahnmal-Zyklus des Künstlers Josef Glahe aus den Jahren 1949/1950, der die Schrecken des Krieges und der NS-Gewaltherrschaft darstellt.

Der damals junge Maler (1925–2018) aus Büren erhielt den Auftrag zur Gestaltung der zehn Schaubilder. Glahe war im Krieg an der Ostfront und nahm Ende 1945 seine abgebrochene Lehre als Maler wieder auf und studierte anschließend Architektur, Grafik und Malerei.

Weiter geht unsere Fahrt nach Oberhausen. Den Tipp haben wir von Freunden. Der Gasometer Oberhausen wurde von 1927 bis 1929 als riesiger Scheibengasbehälter erbaut. Mit 117,5 Metern Höhe war er Europas größter Gasbehälter und diente der Industrie als Speicher für Gicht- und Koksgas. Nach der Stilllegung wurde er zur höchsten Ausstellungshalle Europas und zum berühmten Wahrzeichen des Strukturwandels im Ruhrgebiet.

Die Leiter an der rechten Seite ist begehbar und führt uns über 592 Stufen nach oben.

Was für eine Fernsicht! Was für ein Panorama!

Aktuell zeigt die Ausstellung „Mythos Wald“ die faszinierende Welt, Biodiversität und Bedrohung der globalen Wälder. Kernstück ist eine 35 Meter hohe, leuchtende Lichtskulptur eines Baumes, die den Wandel der Jahreszeiten und das innere Leben eines Baumes simuliert.

Großformatige Naturfotografien und Filmsequenzen dokumentieren die Ökosysteme von den heimischen Buchen- und Eichenwäldern über Urwälder bis zu den tropischen Regenwäldern im Kongo und in Brasilien.

Nicht fehlen dürfen Bilder des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, der sechs Jahre lang den Regenwald im Amazonasgebiet dokumentiert hat.

Ein asiatischer Insektenchor, amerikanische Brüllaffen, afrikanische Flusspferde und viele andere Tiere geben uns zum Schluss noch ein Abschiedskonzert: Die Klang- und Lichtinstallation Global Sunrise folgt dem Lauf der Sonne um die Erde und fängt akustisch die kurze Zeitspanne des Sonnenaufgangs ein, in der die Welt im Wald erwacht.

Wir aber fahren in der späten Nachmittagssonne weiter nach Westen. Es sind nur noch 50 Kilometer bis nach Kempen, meiner Geburtsstadt. Wir stellen den Bus auf dem hiesigen Stellplatz ab, nehmen die Räder vom Ständer und besuchen erstmal meine Eltern auf dem Friedhof. Dann radeln wir zum Einkaufen und auf den Marktplatz zu unserem Lieblingslokal, das seit Jahrzehnten von einem türkischstämmigen Paar betrieben wird. Auch heute erkennen sie uns sofort wieder und es gibt ein großes Hallo.

Heimatgefühle entstehen auch bei türkischem Rakı, holländischen Frikandel und niederrheinischem Flair. Wie sagt die Wirtin: „Dat is zuhause ankommen.“


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