Dass die Eltern morgens und abends auf unserem Stellplatz parken, um ihre Kinder zum Kindergarten zu bringen oder sie von dort abzuholen, wissen wir. Es ist schließlich schon unsere dritte Nacht, die wir hier verbringen. Aber morgens um Fünf? Seltsam. Ich drehe mich im Bett nochmal um und versuche, wieder einzuschlafen. Ich döse noch ein wenig, werde langsam wacher und wundere mich, dass es draußen schon so hell ist. Um kurz nach Fünf? Kann nicht sein. Der Blick aufs Handy zeigt: viertel vor Acht und unsere Uhr am Bett ist einfach stehengeblieben.
Zwei Stunden später sind wir reisefertig und machen uns auf den Weg zu einem Campingplatz in der Nähe von Tours.

Wir fahren über kleine Straßen mit etlichen Ortsdurchfahrten inklusive Temposchwellen, kommen immer wieder an kleinen Schlössern und Burgen vorbei, halten noch bei einem Supermarkt und so ist es schon wieder Mittag, als wir unseren Platz beziehen. Diesmal am Fluss Cher, der hier parallel zur Loire fließt.

Hier wird der Loire-Radweg interessanterweise am Cher entlang geführt. Wahrscheinlich ließ sich hier leichter ein Radweg realisieren. Nach 20 Kilometern sind wir am heutigen Ziel: Schloss Villandry.

Es gibt Orte, die vergisst man nicht so schnell. Wenn man oben auf der Schlossterrasse des Château de Villandry steht und der Blick über die akkurat geschnittenen Buchsbaumhecken und das leuchtende Meer aus Blüten und Gemüse schweift, stockt einem unwillkürlich der Atem. Die Gärten im französischen Loiretal sind kein bloßes Zierwerk – sie sind das eigentliche, pulsierende Herzstück der gesamten Anlage.

Als der spanische Arzt Dr. Joachim Carvallo und seine Frau Ann Coleman das Anwesen 1906 kauften, retteten sie das Schloss vor dem Verfall und schufen die Renaissance-Gärten nach historischen Vorbildern völlig neu.
Das unbestrittene Prunkstück ist der Gemüsegarten. Er errstreckt sich auf über einem Hektar Fläche. Hier wird Gemüse nicht einfach nur angebaut, sondern zu einem ästhetischen Meisterwerk komponiert. Neun Quadrate mit unterschiedlichen geometrischen Mustern bilden ein riesiges Schachbrettmuster aus Farben und Texturen. Jährlich werden hier rund 250.000 (!) Setzlinge gepflanzt – von tiefviolettem Kohl über leuchtend orangefarbene Kürbisse bis hin zu tiefroten Tomaten. Ein echtes Eldorado für Gartenfans!


In direkter Verlängerung der Schlossräume befinden sich die „grünen Salons“. Besonders berühmt ist der Garten der Liebe, dessen Buchsbaumbeete die verschiedenen Facetten der Liebe symbolisieren, so wird etwa die zärtliche Liebe durch zarte, rosa Blütenherzen und die leidenschaftliche Liebe durch wilde, tanzende Herzformen in feurigem Rot symbolisiert.

Gleich daneben liegt der Wassergarten, ein riesiger, von Linden umgebener Spiegelteich, der pure Beschaulichkeit ausstrahlt und gleichzeitig als cleveres Reservoir für das Bewässerungssystem der gesamten Anlage dient.

Es gibt noch einen Sonnengarten, einen Heilkräutergarten und ein Labyrinth, ein klassischer Irrgarten aus Hecken. Hier geht es nicht darum, den schnellsten Ausweg zu finden, sondern das bewusste Wandeln im Grünen zu genießen.
Obwohl das Design Jahrhunderte alt wirkt, arbeitet das Team aus Gärtnern in Villandry hochmodern und umweltbewusst. Seit Jahren wird komplett biologisch gearbeitet. Das Gießwasser stammt zu 100 % aus gesammeltem Regenwasser, das im Schloss und in den Nebengebäuden aufgefangen und in den Gräben gespeichert wird. Gegossen wird zudem so präzise, dass die Feuchtigkeit direkt an den Wurzeln landet, um Verschwendung zu vermeiden.
Tief beeindruckt treten wir den Heimweg an. Achim und sein Navi finden einen Weg, der uns entlang des Cher bis zum Camper bringt. Es ist noch warm genug, den Abend draußen zu verbringen. Dass der Wetterbericht für morgen Regen ansagt, ist gar nicht vorstellbar.

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