Nantes, so lesen wir, ist eine Stadt, die sich in den letzten Jahren von einer grauen Industriestadt zu einer der lebendigsten, grünsten und kreativsten Metropolen Frankreichs entwickelt hat. Sie ist die letzte Stadt am Loire-Radweg für uns, ehe wir morgen zur Mündung radeln. Gleich nach dem Frühstück geht es los.
Nach fünf Kilometern steigen wir beim Schloss du Pé das erste Mal ab. Im Schlosspark schauen wir uns Did I miss something? des dänischen Künstlers Jeppe Hein an. Eine Springbrunnen-Installation, die auch zum Kunstpfad Estuaire zwischen Nantes und Saint Nazaire gehört. Wer nicht weiß, wie es funktioniert, verpasst alles. Wer vorher darüber gelesen hat, weiß: auf die Bank setzen und eine riesige Fontäne schießt in die Höhe.

Im Inneren des Schlosses wurden sechs Zimmer von international bekannten Künstlerpaaren als bewohnbare Kunstwerke gestaltet. Nebelglanz von EVA & ADÈLE beispielsweise: Ein komplett in Rot gehaltenes Zimmer im Dachgeschoss, das Liebe, Träume und Sinnlichkeit mit einem weißen Stockbett für bis zu vier Personen verbindet. Ob wir das auch besichtigen dürfen? Keine Ahnung, denn es ist alles verrammelt.
Weiter geht es hügelauf und hügelab durch kleine Dörfer, bis wir eine halbe Stunde später in Le Port Lavigne das nächste Kunstwerk erreichen. Es heißt The Settlers und ist von Sarah Sze, einer amerikanischen Bildhauerin. Täuschend echte, schwarze Tierskulpturen besiedeln drei große Bäume. Der eine wird von einer Kolonie von Affen bevölkert, auf dem nächsten ruht sich ein Jaguar aus und auf dem dritten klettert eine Bärenmutter mit ihrem Bärenjungen.



Auch Kunstwerk Nummer drei erreichen wir noch vor Nantes. Le Pendule in Rezé stammt vom Schweizer Künstler Roman Signer. Le Pendule ist ein sieben Meter hohes, rotes Pendulum, das an der Fassade eines alten Beton-Silos über dem Wasser schwingt und die unaufhaltsame Vergänglichkeit der Zeit symbolisiert.

Um in die Altstadt zu kommen, müssen wir auf die andere Seite der Loire. In der Mitte des Flusses liegt hier eine Insel, die Île de Nantes. Auf einem ehemaligen Werftgelände dort haben Künstler Les Machines de l’Île geschaffen, eine mechanische Fantasiewelt, die direkt aus den Büchern von Jules Verne (der übrigens in Nantes geboren wurde) und den Skizzen von Leonardo da Vinci stammen könnte. Das unangefochtene Highlight ist der Große Elefant. Wenn dieses zwõlf Meter hohe, tonnenschwere Monster aus Holz und Stahl langsam aus der Werkshalle stapft, laut trompetet und Wasser aus seinem Rüssel in die Zuschauermenge spritzt, steht einem vor Staunen der Mund offen.


Bis zur Stadt ist es jetzt nicht mehr weit. Nantes macht es Reisenden unglaublich leicht. Das Erste, was mir bei meiner Ankunft auffällt, ist eine grüne Linie, die direkt auf den Asphalt gemalt ist. Sie gehört zum Kulturprojekt Le Voyage à Nantes und zieht sich über Kilometer durch die gesamte Innenstadt. Das Prinzip ist genial einfach: Du folgst der Linie und verpasst garantiert kein einziges Highlight, keine versteckte Gasse und kein zeitgenössisches Kunstwerk.

Unsere Route führte uns zuerst zum imposanten Château des ducs de Bretagne. Der Eintritt in den Innenhof und auf die mächtigen Festungsmauern ist kostenlos. Von dort oben hat man einen fantastischen Blick über die Stadt.


Nur wenige Schritte weiter ragt die gotische Cathédrale Saint-Pierre-et-Saint-Paul in den Himmel.


Es gäbe noch viel mehr zu erkunden und zu genießen hier in Nantes, aber der Nachmittag ist schon weit fortgeschritten, wir sind langsam müde und müssen ja auch noch nach Hause radeln. Also machen wir uns nach dem Kaffeetrinken auf den Rückweg. Diesmal nehmen wir die nördliche Uferseite, haben ein bisschen mit den vielen Baustellen zu kämpfen, aber erreichen dann doch relativ fix Couëron, wo unsere Fähre übersetzt. Das Bistro, in dem wir gestern Nachmittag waren, hat schon zu, aber wir machen hier noch zwei Entdeckungen.
Ein weiteres Kunstwerk aus der Estuaire-Reihe liegt am Ufer: La Maison dans la Loire (Das Haus in der Loire) von Jean-Luc Courcoult. Zu sehen ist ein Haus, dessen Fundamente im Schlick versunken sind. Es steht leicht schief, die Fensterläden sind geschlossen. Es ist die äußere Hülle eines Hauses ohne Innenleben. Es steht einsam im flachen Flussbett, scheint mit etwas Schlagseite wie ein Schiffswrack im Wasser zu treiben, irgendwie geheimnisvoll. Der Künstler nennt dieses von ihm geschaffene verschlafene Haus „imaginären Realismus“, es ist konkret und greifbar und kann in das Leben der Menschen ein wenig Träume bringen. Auf jeden Fall ist es ein attraktives Fotomotiv.

Die andere Entdeckung mache ich aus dem Augenwinkel. Die ganze Zeit überlege ich schon, wo ich mein Fahrrad laden könnte für die morgen anstehenden 80 Kilometer zum Meer und zurück. Ein großes Gebäude, Mediatheque steht in riesigen Buchstaben außen dran, innen sehe ich Licht und Menschen. Ich rufe Achim zu, dass ich anhalte. Hier könnte ich doch mal wegen Strom schauen.

Ich gehe rein, helle freundliche Räume voller Bücherregale und gemütlichen Leseecken empfangen mich. Und gleich daneben: eine Steckdose. Ich frage den Bibliothekar, der mir sofort freundlich zustimmt. Nun sitze ich hier und blogge, während der Akku lädt. Fantastisch!

Um Sieben schließt die Bücherei, da müssen nicht nur wir gehen sondern auch das junge Paar, das an einem 1000 Teile Puzzle sitzt. Ob sie wohl fertig geworden sind?
Kurze Zeit später erreichen wir die Fähre. Die Sonne geht bald unter und wir radeln zufrieden die letzten Kilometer zu unserem mobilen Zuhause.

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Habt ihr von den Schüler-Demos in Nantes was mitbekommen?
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Nicht wirklich. Als wir am frühen Nachmittag eintrudelten, kamen uns ein paar Leute mit zusammengerollten Transparenten entgegen.
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