Ab auf die Insel

Die Straße, die wir gleich nutzen wollen, ist heute nur zwischen 13 und 16 Uhr befahrbar. Rund 80 Kilometer von uns entfernt lockt die Atlantikinsel Île de Noirmoutier mit endlosen Sandstränden, tiefblauen Buchten und weiten Salzgärten.

Erreichbar ist sie über die legendäre Passage du Gois. Diese vier Kilometer lange Gezeitenstraße verbindet das Festland mit der Insel und ist nur bei Ebbe befahrbar. Bei Flut liegt sie mehrere Meter unter Wasser.

Als wir um 12 Uhr ankommen, ist gerade abfließendes Wasser. Niedrigwasser ist um 14.30 Uhr, wie wir dem Gezeitenkalender entnommen haben und eine große Tafel mit digitaler Anzeige informiert.

Eineinhalb Stunden vorher und ebenso lange nachher kann man auf der Straße fahren. Wir haben also mindestens noch eine Stunde Zeit, uns umzuschauen, Fotos zu machen und einen Kaffee zu trinken.

Währenddessen beschäftigt mich die Frage, wie diese Straße die stete Überflutung überhaupt aushält und finde die Antwort im Internet: In den 1930er-Jahren verlegte der Ingenieur Louis Brien große, schwere Steinplatten (ca. 40 × 40 cm groß und bis zu 30 kg schwer) direkt im Untergrund. Diese massive Struktur verhindert, dass die Straße durch den enormen Druck der Strömung unterspült oder weggerissen wird. Heutige Asphalt- oder Versiegelungsschichten sind extrem dünn und direkt auf dieses unnachgiebige Steinfundament gegossen.

Beim Kaffee lästern wir ein bisschen über die Leute, die es nicht abwarten können, jetzt schon losfahren und auf halber Strecke doch nicht weiterkommen und dort warten müssen. Als wir um viertel nach Eins selbst losfahren, entdecken wir unseren Irrtum. Das sind keine ungeduldigen Autofahrer sondern allesamt Gourmets oder Händler für Herzmuscheln, Austern und Jakobsmuscheln. Die einen haben Körbe oder Plastiktüten, die anderen kleine Wagen, die sie durchs Watt ziehen und die Köstlichkeiten vom Meeresboden klauben.

Wir genießen die Fahrt durchs Meer und beschließen, morgen nochmal mit den Rädern herumkommen.

Jetzt steuern wir erstmal den städtischen Campingplatz im Norden der Insel an. Wäsche waschen ist angesagt, ein zweiter Kaffee darf auch noch sein und ein Plausch mit den Platznachbarn sowieso.

Dann gehen wir an den Strand und bummeln durchs benachbarte Fischerdorf L’Herbaudière. Auch hier spüren wir die Nachsaison deutlich. Viele Geschäfte und Lokale sind geschlossen. Dennoch mögen wir die Atmosphäre.

Zum Sonnenuntergang setzen wir uns wieder an den Strand. Obwohl es sich mittlerweile ziemlich bewölkt hat, gibt die Sonne uns noch kurz die Ehre. Während sie langsam im Atlantik versinkt, wissen wir, du warum die Menschen sich in diese kleine Insel verlieben. Unser Camping-Nachbar aus Zürich kommt seit 15 Jahren her.


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