Heute machen wir einen Ausflug zur Île de Ré, eine kleine Insel gleich neben La Rochelle. Erst seit 1988 gibt es eine Brücke auf die Insel. Sie ist drei Kilometer lang und gehört damit zu den längsten in Frankreich. Wir haben uns für einen Stellplatz im Hauptort Saint-Martin an der Ostküste entschieden und für eine Radtour, mit der wir den Norden der Île de Ré erkunden wollen.

Soweit der Plan. Jetzt ist es schon halb Elf und wir stehen immer noch in La Rochelle. Es regnet und regnet und regnet. Und das besonders Traurige ist, dass die Aussichten für die nächsten Tage nicht besser sind. Ein, zwei Tage kann man ja mal aussitzen. Aber Fünf? Wir überlegen hin und her. Die Frankreichreise abbrechen und zur Biennale nach Venedig fahren ist eine Option. Trotzdem auf die Insel fahren und hoffen, dass es nicht allzu schlimm ist, die andere. Nach einer kurzen Lagebesprechung zu Viert entscheiden wir uns für die Île de Ré. Es sind nur 27 Kilometer und um halb Zwölf sind wir dort. Es ist unglaublich: die Insel empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein! Wir stoppen kurz bei der Ruine der Zisterzienser-Abtei Notre Dame de Ré, dann steuern wir den Stellplatz an.

Es regnet immer noch nicht, also los. Unser Weg nach Norden führt uns hart an der Wasserkante entlang. Das Meer schimmert hier in Grün, dort in Blau, hier vorne in Braun. Der Wind peitscht das Wasser auf und uns ins Gesicht.


Während der Süden der bekannten Atlantikinsel oft trubelig und belebt ist, zeigt sich die Insel im Norden von ihrer wilden, weiten und herrlich unaufgeregten Seite. Auf den bestens ausgebauten und komplett flachen Radwegen lässt sich diese einzigartige Naturlandschaft zwischen Austernbuden, Salzbecken und Weinstöcken stressfrei im eigenen Rhythmus erkunden.


Schon von Weitem zieht der schwarz-weiß gemusterte Glockenturm der Dorfkirche in Ars-en-Ré alle Blicke auf sich – er diente den Seefahrern jahrhundertelang als markante Orientierungshilfe.

Unser nördlichster Punkt ist der Leuchtturm Phare des Baleines. Stolz ragt der historische Turm in den Himmel und trotzt den Wellen des Atlantiks. 1854 erbaut leuchtete sein Licht 75 Kilometer aufs offene Meer hinaus.

Wer die über 250 Stufen der Wendeltreppe bezwingt, wird mit einem atemberaubenden Panorama-Rundblick über die gesamte Insel, die funkelnden Salzgärten und den wilden Ozean belohnt.


Während wir Kaffee trinken, geht ein kräftiger Schauer nieder. Nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei und wir können den Rückweg antreten, der uns tief ins Marschland bringt. Hierher kommt man nur mit dem Rad oder zu Fuß. Während am Leuchtturm sich noch jede Menge Menschen getummelt haben, begegnen wir hier kaum noch jemandem. Umso mehr Grünschenkel, Kormorane und Falken gibt es. Eindrucksvoll, wenn der Graureiher sitzen bleibt und sich majestätisch in die Lüfte erhebt, wenn man nur noch zwei Meter von ihm entfernt ist.

Auf die letzten paar Kilometer werden wir dann doch noch nass, was aber der Stimmung keinen Abbruch tut. Es ist fast magisch, im letzten Tageslicht auf dem Damm zwischen Atlantik und Marsch zu fahren. Die Rücklichter der Vorfahrenden rot, der Leuchtturm in der Ferne grün, Wind und Regen kommen zur Ruhe.
