Wenn kein Reisetag ist und auch sonst nichts zu erledigen ist, beginnen unsere Tage derzeit ganz langsam. Denn es ist kalt und dunkel, wenn ich gegen Sieben, halb Acht wach werde. Das Thermometer zeigt heute Morgen sechs Grad, Sonnenaufgang ist um 8.24 Uhr. Ich mache die Heizung an, kuschele mich wieder ins warme Bett und lese.
Wir sind gestern im Marais Poitevin angekommen, dem zweitgrößten Feuchtgebiet Frankreichs, das nördlich von La Rochelle vor der Atlantikküste liegt.
Das Einchecken auf dem städtischen Campingplatz in Coulon funktioniert über ein kleines Terminal – wenn es denn funktioniert. Bei uns war das gestern nicht der Fall, aber zum Glück war eine Telefonnummer angegeben und zehn Minuten später kam, trotz des Sonntags, eine freundliche Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung angeflitzt. Sie gab uns Codes für die Schranke, so dass wir hineinfahren konnten.

Heute nach dem Frühstück müssen wir als erstes ins Rathaus. Bei einer freundlichen Dame zahlen wir 37 Euro für zwei Nächte und freuen uns abermals über die Einrichtung des französischen Camping municipal. 1400 gibt es davon in Frankreich übers ganze Land verteilt. Sie gelten als der absolute Geheimtipp für günstigen Urlaub in Frankreich. Eine Übernachtung kostet in der Nebensaison oft weit unter 20 Euro für den Camper und zwei Personen inklusive Strom. Sie sind in der Regel einfach, aber hübsch angelegt und sauber.

Dann steigen wir auf die Räder für die Entdeckungsreise in das feuchte Herz dieses gigantischen Feuchtgebiets, das nicht ohne Grund den Beinamen Grünes Venedig trägt. Unsere Rundtour von etwa 60 Kilometern führt uns tief hinein in ein labyrinthartiges Geflecht aus schattigen Kanälen, historischen Sumpfdörfern und unberührter Natur.

Direkt vom Rathaus führt uns der Weg zunächst auf die legendäre Radroute Vélo Francette, ein rund 600 Kilometer langer Fernradweg, der vom Ärmelkanal bis zum Atlantik führt. und sich hier sanft an den Windungen des Flusses Sèvre entlangschmiegt. Schon nach wenigen Kilometern erreichen wir das malerische Straßendorf La Garette, wo die typischen, weiß getünchten Häuser mit ihren farbenfrohen Fensterläden oft nur über schmale Brücken erreichbar sind.

An vielen Hauswänden hängen große Fotos, die das Leben auf den Kanälen in früheren Zeiten zeigen.

Die Bäume am Ufer rücken hier so dicht zusammen, dass sie ein natürliches, grünes Dach über dem Treppelweg bilden. Wir atmen den Duft von feuchter Erde ein, während das einzige Geräusch das leise Summen unserer Fahrradketten und das Rascheln der Pappeln ist.

Dem Lauf des Wassers folgend steuern wir unsere Räder tiefer in das Sumpfgebiet hinein und erreichen schließlich das alte Hafendorf Arçais. Hier gibt es einen Geschenkeladen, der nicht nur Kaffee und pains au chocolat anbietet sondern auch regionale Spezialitäten wie Mogettes de Vendée (weiße Bohnen) und Confiture d’Angelique (Konfitüre aus Engelwurz, einer Heilpflanze). Nicht nur das. Es gibt auch noch Seife aus Engelwurz und Eau de Toilette aus Engelwurz. Die Ohrringe, die ich mir kaufe, sind NICHT aus Engelwurz, müssen aber auch noch mit.

Nach dieser kurzen Rast geht es mitten hinein in den wohl ruhigsten und abgeschiedensten Teil des feuchten Marschlandes.

Die letzten Kilometer zurück nach Coulon fahren wir immer am Ufer der Sèvre entlang. Wenn am späten Nachmittag die tiefstehende Sonne lange Schatten durch die Pappelreihen wirft und die Kirchturmspitze von Coulon am Horizont auftaucht, schließt sich der Kreis eines perfekten Ausflugstages, den wir im Bus bei Nudeln und Wein und Plänen für den morgigen Tag ausklingen lassen.






