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Ich war noch nicht überall,aber es steht auf meiner Liste

Durch die Schlucht

Tief frisst sich der Fluss Tarn in die Berge hinein. Er ist knapp 400 Kilometer lang und fließt nördlich von Toulouse von Ost nach West. Berühmt ist er für seine eindrucksvollen Schluchten. Die größte liegt in seinem ersten Drittel zwischen den Orten Le Rozier und Sainte-Enimie. Die ca. 35 km lange Schlucht wird als Gorges du Tarn bezeichnet. Durch sie hindurch verläuft eine Tourismusstraße mit vielen Aussichtspunkten. Die 400 bis 500 m tiefe Schlucht selbst steht teilweise unter Naturschutz.

Gestern haben wir Spanien verlassen und sind durch die französischen Pyrenäen weiter nach Norden gefahren. Schon am frühen Nachmittag waren wir an unserem Ziel und haben uns einen ruhigen Sonntag gemacht – wie die Menschen hier in Auterive auch. Kein Café, keine Bar hatten auf.

Der Ort ist seltsam. Es gibt rechts und links des Flusses Ariège zwei schöne Kirchen, viele alte, verlassene und verfallende Häuser und, wie gesagt, alles zu. Aber: in der Kirche wird gerade ein Konzert gegeben (uns lassen sie leider nicht mehr rein), auf dem großen Parkplatz war Flohmarkt, gerade werden die Tische zusammengeklappt, in der Halle gegenüber spielen die Kinder Basketball. Auf der Straße jedoch ist kein Mensch. Nur wir und ein paar Autos. Dabei ist es lauwarm und die Sonne scheint. Sehr merkwürdig.

Die Gorges du Tarn gehört seit 2011 zum UNESCO Weltkulturerbe. Um dorthin zu kommen, passieren wir wenig besiedelte Landstriche, schöne Dörfer, platanengesäumte Alleen und kommen an der berühmten Brücke von Millau, der höchsten Europas, vorbei.

Wir fahren jetzt durch den drittgrößten Nationalpark Frankreichs, Grands Causses, mit seinen Kalksteinplateaus, und -felsen, in die der Tarn sein Bett gefräst hat.

Das tiefgrüne Wasser gurgelt űber Steine hinweg, an den Hängen kleben braun-graue Ruinen. So ein Glück übrigens, dass wir in der Nebensaison unterwegs sind. In den Sommermonaten tritt man sich hier wahrscheinlich gegenseitig auf die Füße bzw. steht Stoßstange an Stoßstange, wenn man überhaupt noch einen Platz auf den Aussichtspunkten findet. Wenn man jetzt Stimmen hört, sind es die der Kletterer, die sich gegenseitig Befehle geben, oder die der Standup-Paddler, die schnell mit der Strömung voran kommen.

In Sainte-Enimie ist die Schlucht zu Ende und wir können direkt am Wasser für die nächsten zwei Nächte bleiben. Für morgen ist Regen angesagt, wir hoffen, dass wir trotzdem ein bisschen wandern und uns in dem noch hervorragend erhaltenen mittelalterlichen Teil des Ortes umschauen können.

Aber jetzt erstmal: Bienvenu en France! Willkommen in Frankreich!

In den Pyrenäen

Es dämmert gerade, als ich wach werde. Es ist sieben Uhr. Gestern war ich todmüde und habe schon um zehn das Licht ausgemacht. Neun Stunden geschlafen, unglaublich. Wie jeden Morgen muss ich kurz überlegen, wo wir stehen und wie es um unseren Bus herum aussieht. Heute schaue ich auf Blumen und in die Berge.

Ich schnappe mir mein Handy, stelle den Rooter mit der spanischen Simcard drin an und lege mich nochmal ins Bett. Wer hat mir geschrieben? Nachrichten von meinen Lieben sind immer der beste Start in den Tag. Schließlich stehe ich auf, setze Kaffeewasser auf, wasche mich in unserem Minibad und mache Frühstück.

Wir werden uns heute der französischen Grenze nähern und für diese Reise ein letztes Mal einen spanischen Nationalpark in den Pyrenäen besuchen. Sein Name ist ein Zungenbrecher: Aigüestortes i Estany de Sant Maurici.  Aigüestortes ist Katalan und bedeutet so viel wie „gewundene Gewässer“. Der Fluss San Nicolás windet sich hier durch die Gegend. Estany de Sant Maurici ist der katalanische Name eines Sees im Park, der auf Spanisch Lago de San Mauricio heißt.

Wir steuern das Bergdorf Espot an. Es liegt auf 1300 m und ist von 2000 m hohen Bergen umgeben.

Gegenüber vom großen Parkplatz warten die Taxi-Jeeps auf Kundschaft: für fünf Euro pro Person bringen sie einen hinein in den Nationalpark zum namengebenden Stausee Sant Maurici.

Der liegt auf 1900 Metern und ist noch mit einer festen Eis- und Schneeschicht bedeckt.

An ihm entlang geht es nochmal ein Stück höher. Der Weg ist sehr gut angelegt, ab und zu gibt es matschige oder verschneite Stellen.

Nach einer halben Stunde erreichen wir einen Wasserfall. Uns zieht es noch höher hinauf.

Wir hatten diesen Winter ja noch nicht so viel Schnee.

Auf 2200 Metern liegt der nächste Stausee. Er ist kleiner aber nicht mehr zugefroren.

Runterwärts ist es etwas rutschig, aber ich habe eine stützende Hand an meiner Seite.

Der Jeep bringt uns wieder zurück, nach einem Kaffee im Dorf steigen wir um in unseren Bus und fahren Richtung Vielha. Dass wir dort nur über einen 2070 Meter hohen Pass hinkommen, hatten wir nicht auf dem Schirm.

Oben scheint die Sonne, es ist 16 Grad warm und wir beschließen, für den Abend und die Nacht hierzubleiben. Morgen früh, wenn ich wach werde, und mich frage, wo und wie wir stehen, werde ich mich wundern.

22 Tunnel

La Fontcalda (hot spring) las ich gestern auf Google Maps. Alle Bilder von den Hot Pots, den heißen Quellen, in denen ich auf Island saß, poppten vor meinem geistigen Auge auf. Da will ich hin! Freudig packe ich meine Badesachen in die Fahrradtasche.

Denn um das Ganze noch zu toppen, kann man nach Fontcalda auf einer Via verda, einer ehemaligen Bahntrasse, radeln.

Auf der 23 Kilometer langen Strecke verband der Zug in einem Seitental des Ebro fünf Ortschaften miteinander. Das ist eine Beschönigung, denn um vom Dorf zum Bahnhof zu kommen, musste man vier, fünf Kilometer laufen.

Für die Trasse wurden Tunnel in den Fels gesprengt, auf dem Rückweg habe ich 22 gezählt – und wir sind nicht die ganze Strecke, sondern nur 15 Kilometer gefahren.

Es ist 22 Grad warm und es fühlt sich so gut an, wenn ich aus dem kalten und dunklen Tunnel wieder in die Sonne fahre. Rechts und links von mir rote Felsen, mal schroffe senkrechte Spalten, mal weiche runde Gesteinsformen.

Nach zehn Kilometern der ersehnte Wegweiser zur Fontcalda. Auf einem steilen kurzen Weg sausen wir hinunter ins Tal.

In einer Schlucht sind niedrige Becken, die Fingerprobe betrübt: das ist definitiv keine HEISSE Quelle. Okay, das Wasser ist nicht eisig, auch nicht kalt, aber eben auch nicht heiß oder zumindest lauwarm. Dafür ist mir der Aufwand, die Badesachen (möglichst diskret) anzuziehen zu hoch und ich belasse es dabei, meine Füße zu baden.

Zurück am Bus machen wir die Nudeln von gestern warm und freuen uns über diese tolle Radtour – auch ohne heiße Quelle.

Dann fahren wir weiter am Ebro entlang, der sich lange Zeit seinen Weg durch die Berge fräst. Zum xten Male denke ich mir, wie schön es im Landesinneren ist und wie wenig Leute hier unterwegs sind. Alles drängelt sich am Meer, hier ist kaum einer unterwegs.

Bötchen fahren

Kopf einziehen! Die Enten kommen. Im Tiefflug umkreisen sie unser Ausflugsbötchen, wissend, dass die Touristen ihnen gern mal einen Leckerbissen zuwerfen. Manche landen so dicht neben uns, dass wir gleich ein zweites Mal geduscht werden heute Morgen.

Wir sind auf dem See des Albufera-Naturparks, der kurz hinter unserem Valencia-Campingplatz beginnt. Mit dem Rad erreichen wir die Lagune ruckzuck und freuen uns, als wir entdecken, dass hier Bötchenfahrten angeboten werden. Außer den Enten sind noch Möwen unterwegs. Das ist nicht viel, dafür dass es hier 250 verschiedene Tierarten geben soll und der See zur Zeit des Vogelzugs ein wichtiger Rastplatz für viele Vögel auf ihrer Europa-Afrika-Route ist. Das macht aber nichts. Wir genießen die Bootsfahrt einfach so, unser Käptn raucht eine dicke Zigarre und erklärt uns das Biotop auf Spanisch, die jungen Eltern neben uns singen -„Alle meine Entchen“ für ihre Tochter und wir unterhalten uns nett mit einer jungen Journalistin aus Hamburg.

Gestern haben wir erfahren, dass Valencia DIE Paellastadt ist. Nach der Bötchenfahrt ist Mittag. Ob es hier eine gibt?

Leider nicht. Stattdessen halt zwei Kaffee. Auch gut. Dann fahren wir weiter, immer an der Orangenblütenküste (Costa del Azahar) entlang Richtung Nordosten, Richtung Heimat. Zehn Tage haben wir für die Rückreise kalkuliert. Bei etwa 1800 Kilometern sind das doch angenehme Tagesetappen.

Unsere erste führt uns ins Delta des Ebro. Damit haben wir einen weiteren Naturpark erreicht. Gut so, denn trotz ihres wunderschönen Namens ist die Orangenblütenküste in unseren Augen alles andere als schön. Eine Hotelanlage reiht sich hier an die nächste. Dazwischen auch gern mal ein Gewerbegebiet.

Das Delta des Ebro, des längsten Flusses in Spanien, ist riesig: 325 km² groß. Neben dem Nationalpark Doñana, in dem wir vor ein paar Wochen waren, ist es eines der bedeutendsten Feuchtgebiete Spaniens. Nach dem Nildelta ist es das größte am Mittelmeer.

Wir holen nochmal die Räder vom Fahrradträger und radeln hinein ins Sumpfland voller Kanäle, Reisfelder, stehenden flachen Gewässern und vielen Vögeln, die wir durchs Vorbeifahren leider aufschrecken.

Ich bekomme auch einen Schreck: mein Hinterrad fühlt sich gar nicht gut an. Ich steige ab und gucke: nicht mehr allzu viel Luft ist im Reifen. Bis zu unserem Bus sind es noch gute sechs Kilometer. Wir beschließen, dass ich schiebe und Achim mit seinem Rad zum Bus fährt und mich dann abholt.

Hm. Ich probiere mal was aus. Die Straße ist asphaltiert und eben. Ich schalte auf „Turbo“, verlagere mein Gewicht so gut es geht nach vorn und düse los. Tatsächlich schaffe ich fünf Kilometer mit dieser Methode. Den letzten Kilometer schieben wir gemeinsam.

Dann machen wir Arbeitsteilung: ich kümmere mich um die Nudeln zum Abendessen und Achim repariert mal wieder mein Rad. Denn für morgen Mittag haben wir noch eine interessante Tour entdeckt. 60 Kilometer von hier.

Mit dem Rad durch Valencia

Ja, die Stadt hat was. Viel Flair, tolle Radwege und ganz viel Sonne. Heute jedenfalls. Herrlich. Wir fahren etwa sechs Kilometer am Meer entlang, vorbei am Strand und dem Hafen, bis wir linkerhand die ersten Gebäude der Ciudad de las Artes  y las Ciencias sehen und wir einen Linksschwenk machen.

Die Ciudad de las Artes y las Ciencas, also die Stadt der Künste und der Wissenschaften, befindet sich auf einem 350 000 qm großen Gelände im alten Turia-Flussbett. Sie besteht aus einem beeindruckenden Komplex spektakulärer Gebäude, die großenteils vom weltberühmten Architekten Santiago Calavatra stammen und ein Opernhaus, ein Wissenschaftsmuseum, ein 3D-Kino und ein Aquarium beherbergen. Wir gehen nirgendwo rein sondern haben Freude daran, das Gelände zu durchlaufen und Fotos zu machen.

Von hier an folgen wir dem Grüngürtel, der die Altstadt im Osten umfasst. Früher ist hier einmal der Fluss Turia geflossen. Nach der Hochwasserkatastrophe am 14. Oktober 1957, bei der 80 Menschen starben und immense materielle Schäden entstanden, wurde der Fluss in ein künstliches Flussbett umgeleitet. Das alte Flussbett ist heute über neun Kilometer hinweg eine Parkanlage zum Spazieren gehen, Radfahren und allem, was den Menschen so einfällt: Picknicken, Musik machen, Kiffen, Knutschen, Akrobatik, in der Hängematte liegen, Roller fahren, schlafen.

Über die Blumenbrücke verlassen wir die Grünanlage und radeln in die Altstadt. Mit der Besichtigung nehmen wir es heute locker. Wir sind nach sechs Wochen sehr gesättigt mit schönen Orten, haben viele Kathedralen, Märkte und Türme gesehen.

Eine Spezialität gibt es aber nur hier und die macht uns doch neugierig: Es ist eine Valenzianische Tradition, eine Horchata zu trinken und ein Faton dazu zu essen. Diese Leckereien werden an jeder Ecke, auch vom Verkaufswagen aus, angeboten, uns aber wurden die bei Santa Catalina von unserer Freundin Petra empfohlen.

Die Horchata ist eine Milch aus zerstampfter Tigernuss, Chufas. Eigentlich stammt sie aus Afrika, wurde im 8. Jahrhundert nach Spanien importiert und jetzt vor allem hier in Valencia angebaut und für die Horchatas verwendet. Die dazugehörigen Fatons sind längliche Stäbchen aus Hefegebäck, die in die Horchata getunkt werden.

Wir stellen die Räder ab und laufen noch ein wenig durch das Barrio El Carmen, ein mittelalterliches Gassenlabyrinth, das vorsichtig restauriert wurde und scheinbar ohne Gentrifizierung sein Flair erhalten konnte.

Auf der Rückfahrt queren wir den umgebetteten Fluss Turia, und staunen: das ist kein Bach, den die Valencianer verlegt haben. Ganz schön mutiges Projekt.

Zurück ans Meer

Wir sind zurück am Meer, zehn Kilometer südlich von Valencia, und der Frühling ist auch zurück! Für morgen ist hier mit 26 Grad sogar Sommer angesagt. Das ist hervorragend, denn unser Campingplatz liegt am Radweg in die Stadt und nach den reichlich kalten und nassen Tagen über Ostern lechzen wir nach schönem Wetter. Das ist auch der Grund, warum wir heute einen Sprung von gut 300 Kilometern nach Osten gemacht haben: beim Blick in wetteronline war klar, wo wir hinwollten.

Unser Platz auf dem Platz gewinnt keinen Preis in einem Schönheitswettbewerb, aber zumindest ist es einer. Wir wissen ja schon von den letzten Wochen (und bekommen es hier auch nochmal bestätigt), dass an der Küste alles voll und frei stehen nicht erlaubt ist. Der junge Mann, der vor unserem Bus seit einer halben Stunde akribisch den Kies recht, übt aber vielleicht tatsächlich für einen Wettbewerb.

Gestern war es auch sonnig, aber recht frisch mit zehn Grad. Wir haben uns einen gemütlichen Tag mit Lesen, Spazieren gehen und Vögel gucken im Nationalpark Tablas de Daimiel gemacht.

Heute Morgen sind wir nach dem Frühstück in die Ortschaft Daimiel gefahren und haben für frisches Gas und Internet gesorgt. Gas gibt es an der Tankstelle für 14 Euro (in Deutschland haben wir schon mal das Doppelte bezahlt, Internet im Tobaco, diesmal mit eindrucksvoller Wandbemalung.

Von unterwegs ein paar Schnappschüsse:

Wir sind gespannt auf Valencia. Eine unserer Freundinnen war gerade dort und hat tolle Fotos geschickt. Ich freue mich drauf.

Unverdrossen

Wir sind jetzt das vierte Mal hintereinander im Frühjahr in Spanien und seither fragen wir uns, was es mit diesen braunen Schildern am Straßenrand auf sich hat, auf denen Cañada steht (wir fanden es in erster Linie witzig, weil wir uns ja abends gern mal eine caña, ein kleines Bier, bestellen.

Was auch immer wir damals recherchiert haben, keine Ahnung. Gestern jedenfalls haben wir endlich die Erklärung gefunden.

„Als Cañadas Reales werden traditionelle Viehtriebstrecken bezeichnet, die durch königliches Edikt von Alfons dem Weisen im Jahre 1273 geregelt wurden“, ich zitiere Wikipedia. „Eine Cañada real musste eine Breite von 90 Ellen (= 72,22 m) haben und war durch ihre sehr langen Wegstrecken charakterisiert (mehr als 500 km) mit einem Verlauf hauptsächlich von Süd nach Nord (Sommerweide) oder Nord nach Süd (Winterweide).

Der Rückgang der Viehhaltung einerseits und der Einsatz von Futtermitteln andererseits (der den Wechsel der Weiden überflüssig machte) bewirkte, dass die Cañadas kaum noch als Viehtriften genutzt wurden. Heute werden sie eher zum Wandern und Fahrradfahren genutzt.

Wieder was gelernt.

Heute ist Ostersonntag und, Ihr wisst es ja schon, es regnet in Strömen.

Gut, dass wir unser Osterfrühstück im trockenen, warmen Bus genießen können. Wobei der Osterfladen, den wir gestern fabriziert haben, nicht sooo dolle ist. Trotz Weißmehls leicht bräunlich und etwas zu fest. Ich habe hin und her überlegt, woran das liegen kann und ein Verdacht hat sich verfestigt: vielleicht war in der namenlosen kleinen weißen Tüte, die ich verwendet habe, nicht Hefe sondern Sauerteig (den ich immer fürs Brot backen an Bord habe). Ach egal, ist trotzdem ganz schmackhaft.

Nach dem Frühstück fahren wir mal los. Inzwischen ist es Dank Somerzeit auch schon elf. Wir haben uns ganz unverdrossen ein weiteres Naturschutzgebiet ausgeguckt. Es liegt 200 Kilometer östlich von uns und die Beschreibung klingt sehr verlockend:

„Der Nationalpark Tablas de Daimiel ist ein einzigartiges Feuchtgebiet in Europa“, heißt es auf spain.info. Er ist der kleinste der 16 spanischen Nationalparks. Da er sich in der halbariden Region von La Mancha befindet, ist er eine Oase für Tiere und Pflanzen.

Und für die ist es ja gut, wenn es regnet, oder? Was uns wirklich erstaunt: wir sehen viele volle Stauseen, überflutete Felder, Flüsse, die über die Ufer getreten sind auf unserer Fahrt durchs Land. Gleichzeitig ist in anderen Gegenden Wassermangel. Könnte es vielleicht sein, dass es dem Menschen an ressourcenschonendem Verhalten mangelt?

Es ist schon drei, als wir im Nationalpark ankommen. Dort gibt es einen Stellplatz, auf dem wir über Nacht stehen bleiben dürfen. Es ist noch ein WoMo aus Stuttgart da, sonst keiner. Wunderbar.

Wie gestern kochen wir erstmal Kaffee, denn das funktioniert: es hört auf zu regnen, wir ziehen uns warm an (6 Grad!) und ziehen los.

Das Feuchtgebiet hier wurde von zwei Flüssen und von Grundwasser gespeist. Der Cigüela, der jahreszeitlich bedingt Salzwasser führt, und der Guadiana, der ein reiner Süßwasserfluss ist. Beide Flüsse durften bis in die 60er Jahre frei mändern und Flussplatten und Auen bilden. Durch unterschiedliche Niveaus gab und gibt es Dutzende von Inselchen, die ein Paradies für Tiere sind.

Das natürliche Gleichgewicht wurde Mitte der 70er mit Kanalisierungen und landwirtschaftlicher Umgestaltung heftig attackiert, so dass Teile der Flussplatten irreversibel verschwanden und der Cigüela kein Wasser mehr in das Gebiet führt.

1973 wurde die Flusslandschaft samt ihren Inselchen und Tamariskenwäldern (die einzigen Bäume hier) unter Schutz gestellt und der Nationalpark gegründet.

Nun gibt es einen kleinen Bereich, der von Gästen betreten werden darf. Hier wurden die Inseln mit Holzstegen verbunden und Vogelbeobachtungshütten errichtet.

Unmengen verschiedener Enten und Gänse tummeln sich hier, Reiher, Störche, Flamingos, Greifvögel, Schildkröten und Laubfrösche. Und Wachteln haben wir auch gehört.

Hier gibt es so viel in Ruhe zu entdecken, dass wir beschließen, morgen auch noch hierzubleiben, alles ganz ruhig angehen zu lassen und weitere Erkundungstouren zu unternehmen. Ein Ruhetag in so friedvoller Umgebung hat was.

Zwischen Wasser und Sternen

Der Cerro Masatrigo ist ein Hügel in der Extremadura.  Das besondere an ihm ist seine perfekte konische  Form und dass er nach dem Bau eines Staudamms zu einer Halbinsel mitten im Wasser des Stausees wurde.

Achim hatte das gestern Abend auf der Landkarte und im Internet gefunden und wir haben ihn als Tagesziel für heute ausgeguckt. Zum einen, weil er so schön anzuschauen ist, zum anderen, weil man auf ihn und auch auf den Gegenhügel hochwandern kann, um schöne Fotos zu machen.

Leider regnet es die ganze Fahrt über. Wir erspähen im Grau in Grau vom Auto aus Reisfelder, eine Tomatenskulptur (!?) und hübsche Dörfer.

Als wir am Stausee La Serena ankommen, regnet es, wir kochen Kaffee und verzichten auf die Wanderung. Doch während ich den Hefeteig für den Osterzopf knete, wird das Wetter besser und wir fahren Richtung Nachbarhügel.

Eine kleine Straße führt uns zu einer Friedhofskapelle mit fantastischer Aussicht auf den See. Außerdem geht von hier aus die Ruta Agua y Estrellas, der Weg zwischen Wasser und Sternen, zum Miradouro, dem Aussichtspunkt, los.

In dieser Gegend gibt es mehrere solcher Punkte. An der Kapelle sind 15 aufgezählt. Sie dienen dem „Sternentourismus“. Was wir nicht wussten: dass man am Miradouro nicht nur einen tollen Blick auf unseren Kegelberg hat, sondern dass nachts von 22 bis 24 Uhr Sternbilder auf diese weiße Scheibe projiziert werden! Wow!

Auf dem Rückweg pflücke ich einen kleinen Osterstrauß und wir beschließen, mit dem Bus für kommende Nacht hier stehen zu bleiben. Eine bessere Aussicht finden wir sicherlich nicht.

Jetzt noch den Hefezopf backen und dann, wenn es nicht regnet, um zehn nochmal zum Miradouro laufen? Schade, dass es einmal mehr bewölkt ist. Wir hätten hier natürlich einen fantastischen Sternenhimmel. Sollten wir das tatsächlich machen, gibt es noch einen Nachtrag zu diesem Blogbeitrag.

Ist denn schon Ostern?

Traditionell werden am Ostersonntag Eier gesucht. Manche suchen an Gründonnerstag. Aber nach etwas anderem.

Wir sind zurzeit in der kleinen Ortschaft Elvas, nur wenige Minuten von der Grenze zu Spanien entfernt. Sie hat einen beeindruckenden Aquädukt und man kann hier den Unsinn studieren, den die Menschen durch alle Zeiten hindurch betrieben haben: Kämpfen und Kriege anzetteln. Elvas selbst ist als Festungsstadt angelegt, auf einem Hügel, mit einer zweireihigen Stadtmauer drumherum.

Doch damit nicht genug wurde im 18. Jahrhundert auf dem Nachbarhügel eine Festung angelegt, in der Truppen stationiert wurden, die Angreifer, Spanier und später Franzosen, mit ihren Kanonen fernhalten sollten. Bauherr war ein Graf von Lippe, der sich für den Bau von einer Festung in Norddeutschland inspirieren ließ. Ja, es gab richtige Trends. Als Dank bekam er von den Portugiesen ein paar Kanonen geschenkt…

Wie auch immer. Die haben damals solche Eseleien gemacht, wir heute.

Von der sternförmig angelegten Festung wollten wir nämlich unbedingt ein Drohnenfoto haben. Für den Blog. Für Euch. Klar, ne. Obwohl es windig war, obwohl eine Warnung vom Drohnensystem kam. Ein paar Minuten geht es gut, dann reagiert die Drohne nicht mehr auf Achims Befehle, winkt ihm noch einmal kurz zu und verabschiedet sich in die Freiheit. Wir hinterher. Runter von der Festung, querfeldein, bis wir mit Hilfe von OsMand einen Pfad hinunterfinden. Zwei Kilometer bis zum Ziel.

Schließlich hat sie uns Koordinaten geschickt, kurz bevor sie im Irgendwo gelandet ist.

Der Weg ist sogar ganz hübsch und ich bekomme noch eine extra Portion Geburtstagsblumen.

Wir nähern uns dem Bereich, in dem die Drohne mutmaßlich gelandet ist: eine große eingezäunte Blumenwiese, bewacht von einem kläffenden angeketteten Hund. Wir suchen und finden Stellen im Zaun auf dem Nachbargrundstück, über die wir klettern können, hebeln noch ein Tor auf, dann sind wir auf dem Grundstück.

Und suchen Ostereier, äh, die Drohne. Eine Stunde lang. Meter für Meter. Doch leider, leider erfolglos. Versenkt. Futsch. Adios!

Wir machen uns auf den Weg zurück in die Stadt. Zwei Kilometer und es beginnt zu regnen. In einer Taverne, die gerade schließen will, ergattern wir zwei Kaffee und zwei Barhocker. Dann geht es weiter. Sagte ich schon, dass Selvas auf einem Hügel liegt?

Gegen vier erreichen wir endlich das Café Paula und gönnen uns feine Pastels de Nata und Orangentörtchen. Google meint, das Museum für moderne Kunst, in das ich so gerne wollte, habe noch bis 18 Uhr auf. Also los. Eine Stunde ist ja besser als nichts.

Aber nein! Im Winter, also bis Ende März, wird schon um fünf geschlossen.

Gut, dass es noch das Fotografiemuseum gibt. Das hat sogar bis halb sieben geöffnet. Meint Google. Das hat überhaupt nicht geöffnet. Gitter davor. Abgesperrt. Zu. Niemand da.

Der Wind reißt mir fast meinen Schirm aus der Hand. Geburtstagstelefonate werden vom Glockengebimmel übertönt. Wenn die Glocken nicht läuten, hört man Radiomusik aus Lautsprechern, die einige Straßen in der Innenstadt beschallen.

Wir flüchten in einen offenen Imbiss und trinken ein Bier. Dann machen wir uns auf die Suche nach einem guten Restaurant, das uns empfohlen worden war. Geschlossen. Es stehen keine Öffnungszeiten dran. Auf zum nächsten Lokal. Wir werden immer nasser. Zu. Keine Ahnung, wann es aufmacht. Dritter Versuch, gleiches Ergebnis.

Wenn der Weg vom Camper ins Zentrum nicht so steil wäre, wenn es nicht fast zwei Kilometer wären, wenn es nicht so doll regnen würde, dann könnten wir uns umziehen, ein bisschen ausruhen und später nochmal losgehen. So aber lassen wir es gut sein.

Erst sind wir ein bisschen traurig und frustriert über diesen wenig erfreulichen Verlauf dieses (Geburts-) Tages. Dann wird es doch noch ein schöner Abend mit Steaks aus dem Tiefkühlfach, ein bisschen Rotwein und viel Innigkeit.

Am nächsten Morgen verlassen wir Portugal und fahren in die spanische Einsamkeit der Extremadura.

Vor vier Jahren waren wir schon mal am Monumento Natural Los Barruecos, gleich um die Ecke von Cáceres. Heute zieht es uns erneut in diese spektakuläre Felslandschaft entlang der Ufer natürlicher Seen mit brütenden Weißstörchen.

Wir laufen zwei Stunden durch diese unter Naturschutz gestellte Landschaft, die Sonne scheint, die Störche fliegen über uns hinweg oder klappern in ihren Nestern.

Die Idylle wird unterbrochen, als wir eine Abkürzung nehmen wollen, klettern müssen und nasse Füße bekommen. Achims Gang übers Wasser gehört aber schon wieder zum regulären Weg.

Zu guter Letzt gibt es noch eine Überraschung für uns: der deutsche Aktionskünstler Wolf Vostell (1932 – 1998) und seine Frau Mercedes kauften hier 1976 die ehemalige Wollwäscherei und richteten ein Museum mit seinen Werken ein.

Es ist recht gut besucht, wir staunen über das Gebäude und die Exponate und trinken noch ein Glas Wein im Museumscafé.

Der Busparkplatz ist leer. Außer uns keiner da, deshalb bleiben wir heute Nacht hier stehen.

Von Teppichen und Marmor

Das ist es, was das planlose Reisen so reizvoll macht: du stößt auf Neues, Unbekanntes, bei dem du dir erstaunt die Augen reibst. Denn bis vor wenigen Minuten hattest du nicht den Hauch einer Ahnung davon.

Zufällig war ich gestern Abend auf einen Internet-Eintrag über das Teppichmuseum in Arraiolos gestoßen, wo wir übernachtet haben. Heute Morgen machen wir uns auf den Weg und stoßen schon nach wenigen Minuten auf einen Platz.

An dem einem Ende wird auf der Wand der Kirche die Färbertradition des Ortes dokumentiert. Hier auf dem Dorfplatz wurde früher in großen Trögen, die in die Erde eingelassen waren, die Wolle gefärbt.

Am anderen Ende des Platzes liegt das Teppichmuseum. Wir hatten ein kleines, in die Jahre gekommenes Haus erwartet. Weit gefehlt! Im ehemaligen Krankenhaus der Stadt wurde 2013 ein großes, modernes und professionell geführtes Museum eröffnet.

Warum, überlegen wir, und erfahren per Film, Flyer und Exponaten, dass die Teppiche aus der einstigen Grafschaft Arraiolos weit über ihre Grenzen hinaus berühmt sind für ihre Farbenvielfalt, ihre Akkuratesse, und ihre Langlebigkeit. Seit rund 500 Jahren werden hier Teppiche in besonderer Weise hergestellt: es werden Stoffe aus Leinen oder Hanf gewebt, mit Ornamenten bemalt und dann mit Schurwolle bestickt.

Eine Stickerin führt den Museumsgästen diese traditionelle Handwerkskunst live vor. Erfahrene Stickerinnen schaffen hauptberuflich bis vier Quadratmeter pro Monat, nebenberuflich arbeitende, gerade einmal die Hälfte, erfahren wir.

Inspiriert von der Schönheit der Teppichkunst klettern wir in unseren Bus, um schon nach wenigen Kilometern wieder verblüfft zu werden von dem, was wir draußen erspähen.

Wir passieren gerade den Ort Borba. Borba, Borba, da war doch was mit Marmor, grübeln wir. Schaut ganz danach aus. Wir fahren an etlichen Abraumhalden vorbei, aus denen immer wieder Marmorstücke hervorblitzen.

Eine Recherche im Netz bringt uns auf die richtige Spur: Wir befinden uns in einem der wichtigsten Marmorabbaugebiete Europas.

Im Dreieck Estremoz – Borba – Vila Viçosa wird auf 40 mal 12 Kilometern in über 100 Steinbrüchen ein feinkristalliner, homogener Marmor gewonnen, dessen Farbspektrum von Weiß über Crèmerosé bis zu intensivem Rosa reicht.

Seine Verwendung findet der Alentejo-Marmor in der hochwertigen Innenarchitektur, aber auch im Haus bzw. Palastbau.

Brunnen aus Marmor in Borba
Fürstenpalast mit Marmorfront in Vila Viçosa

Frankreichs Sonnenkönig orderte den Stein für den Bau seines Schlosses in Versailles hier, in den Park-Kolonnaden am Potsdamer Platz in Berlin ist der hiesige Marmor ebenso präsent wie in der japanischen Zentralbank in Tokio.

Marmormuseum in Vila Viçosa

Ehrensache, dass wir noch das Marmormuseum in Vila Viçosa besuchen, wo wir nicht nur nichts zahlen müssen sondern auch noch eine Privatführung erhalten.

Auch Künstlerinnen und Künstler kommen ins Alentejo, um sich die Steine für ihre Werke auszusuchen. Einige sind im Museum ausgestellt.

Zum Museum gehört auch ein Marmorbruch, den man sich anschauen kann. Aber inzwischen regnet es in Strömen. Wir warten eine halbe Stunde (ich schreibe derweil diese Zeilen), aber es lässt nicht nach, so dass wir auf einen Besuch verzichten. Zum Glück gibt es im Museum ein Modell.

Wir verabschieden uns von unserer freundlichen Führerin, rennen zum Auto und fahren bei Wind und Regen 30 Kilometer nach Norden, Richtung spanische Grenze.

In Elvas, UNESCO-Weltkulturerbe, gibt es einen Stellplatz, von dem aus wir schon eins der morgigen Highlights sehen.